Von Marie-Luise Scherer

Berlin

Man spricht von "denen" und bemüht den Behördenausdruck "Großfamilie", wenn man Leute meint, denen es schwerfällt, die Miete zu zahlen. Man sagt "Nichts gegen Kinder, wenn sie erzogen sind". Bei "Toilettengeschäften" im Treppenaufgang höre der Spaß aber auf.

Manchen Familien behagt hier die Mischung nicht. Wenn Frau S. ihren Besuch oben im vierten Stock empfängt, spricht sie als erstes vom Dreck auf den unteren Treppen, von der Macht der Gewohnheit bei jemandem, der aus der Laube kommt und im Winter die Schuhe im Hausflur stehenläßt.

Nachbarliche Denunziationen gipfeln in dem Wort "asozial". Sogar dem Berliner Bausenator Schwedler unterlief diese Bezeichnung, als er kürzlich auf einem Bürgerforum zur Sozialstruktur der neuen Trabantenstädte Stellung nahm und den Bürgern eine Reinigung des Wohnklimas versprach. In "gute Mieter" und "unzumutbare Mieter" wurden denn auch auf einer Bezirksverordnetenversammlung in Reinickendorf – dem für das Märkische Viertel zuständigen Bezirk – die Bewohner der neuen Vorstadt eingeteilt. Man sprach von einer skandalösen Einweisungspolitik des Senats und von der Gefahr, daß "gute Mieter" das Märkische Viertel verlassen, weil der Leumund Wohnviertels sich ständig verschlechtere Tatsächlich ist der Anteil an sogenannten"Problemfamilien" dreimal so hoch wie etwa in einem klassischen Arbeiterbezirk. Jede fünfte Familie gehört hier zur Fürsorge-Klientel. In gewissen Zentren, wie in dem mit 989 Wohnungen größten Haus Europas ("Langer Jammer") des französischen Architekten Gages, sogar jede zweite bis dritte Familie. Da hier viele "Abrißmieter" aus Berliner Sanierungsgebieten Ersatzwohnungen bekommen haben, beklagt man jetzt die unglückliche Häufung von ehemaligen Slumbewohnern. Das angestrebte Verhältnis, von 15 sozial-gesunden "Trägerfamilien" auf eine sozial-schwäche Familie ist von der Wirklichkeit weit entfernt.

Dagegen kann man beobachten, wie frühere Bewohner von Obdachlosensiedlungen – die hier als soziale Gruppe mit gleicher Vorgeschichte wieder zusammenkommen – sich erkennen und gegenseitig diskriminieren: "Was wollt ihr denn hier!" Die wünschenswerte Anonymität der Herkunft und damit die Möglichkeit, "unerkannt" in die Gesellschaft zu integrieren, werden so erschwert.

In einer Rundfunksendung über das Märkische Viertel heißt es unter anderem: "Nicht etwa ist der Prozentsatz derer besonders hoch, die landläufig ‚asozial‘ genannt werden, so daß der die Schuld trüge an der Unzufriedenheit. Sondern die Unzufriedenheit bewirkt, daßMenschen in gleicher Situation als minderwertig denunziert werden, worin die Beschwörung liegt, man selbst sei es nicht. Solche Reaktionen zeigen im Märkischen. Viertel oft gerade diejenigen, die durch Sanierung undKahlschlag von Häusern mit schlechten, aber billigen Wohnungen aus der Stadt nach hier draußen verfrachtet worden sind, die sogenannten Abrißmieter."

Diese Mieter müssen im Märkischen Viertel das Drei- bis Fünffache iher früheren Mietkosten aufbringen. Bei Familien, denen man den finanziellen Sprung aus demObdach in eine Hochhaussiedlungzutrauen wollte, hat sich die Miete mehr als verzwölffacht: Im Obdach zahlten sie monatlich für zwei Räume 27,20 Mark, hier, für eine ihrer Kinderzahlentsprechende "familiengerechte" Wohnung etwa 350 Mark. Inzwischen ist die Obdachlosen-Siedlung wieder Auffang- und Ausgangsstation exmittierter Familien geworden.

Herr V., Vertreter der Gesellschaft für Sozialen Wohnungsbau, machte dem zuständigen Sozialamt den Vorwurf, es habe den Mieten bei finanziellen Schwierigkeiten zu großzügig geholfen, was eine zunehmende Unselbständigkeit mit sich bringe. In zwei Abschnitten des Märkischen Viertels betragen die Mietschulden zur Zeit 337 000 Mark. 127 000 Mark Mietgelder bekommt die Wohnungsbaugesellschaft außerdem von bereits Exmittierten. Jetzt, wie einem Sitzungsprotokoll zu entnehmen ist, will die Gesellschaft mit gezielten Aktionen Kündigungsgründe bei "unzuverlässigen Familien" forcieren: Im Hochhaus "Leo" – vom Architekten Ludwig Leo erbaut – müssen sich die Bewohner für Testbesuche bereithalten, bei der der "Zustand" der Wohnungen überprüft werden soll. Mit dem Vorwand, in den Kellern der Mieter nach Diebesgut zu fahnden, soll auch die Polizei bei der Suche nach Kündigungsmotiven mithelfen.

Jenes Sitzungsprotokoll enthält viele decouvrierende Zitate des Herrn V.: "Durch eine Razzia soll der ganze Laden (,Leo‘-Keller) auseinandergenommen werden ... Was dabei zuviel weggeht, wird ersetzt." Auf die Frage eines Sozialarbeiters, wohin denn die exmittierten Mieter kamen, antwortete V., die Gesellschaft bestünde aus Kaufleute und auch aus Sozialarbeitern, die aufgekündigten Wohnungen sollen nur noch gute Mierer ziehen.

Hier Guren dert die Schlechten; mßnahmen zum Kastensystem mit Gettofolgen. "Wem ist geholfen, wenn ein ganzes Viertel verwahrlost?" ..."Das Märkische Viertel ist ein Versuch aus, Beton, der keine Kommunikation zuläßt", so Vertreter V.

Die Wohnungen des Märkischen Viertels wurden von allen Mietern als ein bisher nie gehabter Komfort begriffen. Und die Mietrückstände rühmen auch nicht aus eigenem Verschulden her. Da sind die Antragsformulare für einen Mietzuschuß. Sie überfordern manche Bewohner. Die Frau, deren Mann Bauarbeiter auf häufig wechselnden Baustellen ist, braucht mehrere Tage, bis sie alle Arbeitsunterlagen zusammen hat. Auf den Behörden muß sie lange warten. Da Kindertagesstätten schon lange vor ihrer Errichtung ausgebucht sind, startet die Frau, mit ihren Kindern eine Tagesreise in die Innenstadt. Fehlt ihr ein Formular, war ihr Ausflug umsonst, Den Eindruck, durch staatliche Mietbeihilfen Almosenempfänger zu sein, verstärken solche Hürdenläufe zu den behördlichen Mäzenen.

Die äußerst kritische "MVZ", die von Mitgliedern der Berliner Pädagogischen Hochschule und von Sozialarbeitern herausgegebene "Märkische-Viertel-Zeitung", kommentiert die Schizophrenie dieser Miethilfenin ihrer letzten Ausgäbe: "Die finanziellen Probleme sind von diesen Familien (aus Altbau- und Sanierungsgebieten) nicht zu lösen. Das weiß unsere Regierung. Darum wird ‚Wohngeld‘ gezahlt. Also; – erst werden die Mieten in schwindelnder Höhe festgesetzt, um dann wieder durch Wohngeld gemindert, werden... Bei der Mieterjagd der Wohnungsbaugesellschaften heißt es dann, wenn der eventuelle Mieter seinen ersten Schwindelanfall wegen der Miethöhe überwunden hat... man könne ja Wohngeld beantragen."

Manchmal dauert die Bearbeitung einessolchen Antrages sechs Monate. Nach fünf Jahren endet überdies die Beihilfe – und sicher nicht, weil sich nach menschlichem Ermessen ein derzeitiges Nettogehalt von 610 Mark (bei zwei Kindern) danach verdoppelt haben könnte. Hierbei fällt einem der Selbstmörder ein, der, halbtot in seiner Zelle aufgefunden, wieder gesund gepflegt wird, um dann fit dem Scharfrichter übergeben zu werden.

Jetzt hat man also die Wohnung, von der man träumte. Größer, heller, ein Terrain für Neuanschaffungen, für Vertreterabschlüsse aller Branchen. Schon beim Einzug will man sich möglichst nicht durch "alte Klamotten" blamieren. Eine Familie aus dem Obdach hatte schon 8000 Mark Einrichtungsschulden, als ihr die Wohnung wegen eines Mietrückstandes von 2000 Mark gekündigt wurde. Der vorgefundene Komfort bedingt notwendige Neuanschaffungen: Jedes Zimmer braucht eine Lampe, jedes Fenster eine Gardine. Die Übersicht der abzuzahlenden Raten geht in der Euphorie der neuen "besseren Verhältnisse" unter.

Die erzieherische Wirkung einer sogenannten menschenwürdigen Wohnung auf die, deren "fester ausgehoben" wurden, schlägt in eine schmerzhaftere Art von Verarmung um: Das käufliche Zubehörder Gutbürgerlichkeit wird als Zwang empfunden, auf den dann der Zahlungsbefehl folgt. Das Wirtschaftsgeld ist alle, die Mutter schickt eines der Kinder zur Säuglingsfürsorgestelle, um dort nach Warenproben zu fragen: "Brei für alle."

Das Märkische Viertel, dessen Endziel in 17 250 Wohnungen für etwa 60 000 Menschen besteht, hatte am vergangenen 30. September 26 610 Bewohner. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren liegt hier bei 40 Prozent gegenüber 13,8 Prozent im übrigen Teil Westberlins. Man spricht von einer "Überschüttung mit jungen Familien", von "Bevölkerungslawine" und einem "Kinderherd". Wegen überbelegter Schulklassen befürchten manche Eltern schlechte Ausbildungschancen für ihre Kinder.

"Familienregulierung" durch die Einsicht, daß hohe Mieten den Kinderzuwachs schwerer tragbar machen – mit dieser familienpolitischen Theorie hat man im Märkischen Viertel noch keine Erfahrung machen können. Auch die pauschale Ansicht vom Segen der Pille wird hier von unerwarteten Realitäten widerlegt. Bringt beispielsweise ein Mann den Wochenlohn nach Hause, kann sich die Frau die 15 Mark für das Drei-Monats-Rezept nicht unbedingt auf einmal abzweigen. Diesen Einblick in das Leben "der Schlechtergestellten" verdankt Frau S. – "wacker Bierholen is’ bei denen immer drin" – jetzt ihr größeres Verständnis. Sie ist dabei, ihre eigene glückliche Runde nicht als nachahmbares Modell bei anderen vorauszusetzen. Das Märkische Viertel, sensationelles Besichtigungsziel im Norden Berlins, ist nur als architektonisches Wagnis vorführbar.