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Von Fritz Puhl

Zwei Tage, das ist viel, und das ist wenig für diese Stadt. Viel, denn Lissabon ist nicht so reich wie andere Hauptstädte an berühmten Stätten, die man unbedingt gesehen haben muß. Das Erdbeben von 1755 hat die Vergangenheit ausgelöscht. Zwei, Tage sind, wenige denn der Reiz von Lissabon besteht in abertausend Kleinigkeiten: in den zum Schlendern einladenden Gassen, den zum Träumen verführenden Gärten, den Aussichtsterrassen, den Alleen und den kleinen Lokalen mit den großen Speisekarten. Lissabon ist keine Stadt, die man besichtigt, es ist eine Stadt, mit der man leben muß. Ohne nach der Uhr zu sehen.

Termingerecht planen muß der Besucher nur eines: die Übernachtung. Die großen Hotels sind von Mai bis Oktober fast immer ausgebucht. Wer einfach, sehr preiswert und so wohnen will, daß er des Nachts sogar das Fenster offenlassen kann, dem sei "Miraparque". am Park Eduard VII. empfohlen. Wer von seinem Bett aus mit einem Blick die ganze Stadt mit Burg und Tejo-Brücke umfassen möchte, für den wäre die gepflegte "Alhergang Senhora da Monte"; das richtige. Wer dagegen die ganze Stadt und ihren Lärm hinter sich lassen will, der kann sich, in das vornehmstille "York-House" zurückziehen, ein ehemaliges Kloster aus dem 16. Jahrhundert, mit alten portugiesischen Möbeln, französischer Küche und vorwiegend englischen Gästen.

Doch nun, wohlausgeruht, in die Stadt. Den eigenen Wagen lasse man stehen. Taxis sind zahlreich und billig, und ihre Fahrer kennen die winkligen Gassen. Der beste Anfang ist eine Fahrt zum Castello S. Jorge. Hier ist der Satz berechtigt: Lissabon liegt Ihnen zu Füßen! Man steht hoch über der Stadt und ist doch nah und kann den ersten Orientierungsbummel ganz ohne Fußschmerzen mit den Augen machen. Man beginnt ihn rechts oben bei der grünen Mulde des Parks Eduard VII. Unmittelbar davor sieht die Statue des Marques de Pombal über die Dächer; Er war es, der Lissabon nach dem großen Erdbeben wieder aufbaute. Bei, seinem Denkmal beginnt die baumbestandene, 90 Meter breite Avenida da Liberdade, gleichsam die Hauptlebensader der Stadt. An ihrem unteren Ende: der Obelisk auf der Praça dos Restauradores, der an die Wiederherstellung der portugiesischen Unabhängigkeit von Spanien erinnert. Etwas schräg davor, wieder mit Bäumen bestanden, der Rossio. Er ist, um im Bild zu bleiben, das Herz der Stadt. Es schlägt am heftigsten nachmittags um fünf Uhr, wenn hier unter freiem Himmel oder in den überfüllten Cafés die Geschäftsleute ihre Besprechungen abhalten.

Weiter geht die Blick-Promenade stromwärts: gegenüber, am Abhang des Bairro alto, der hohen Vorstadt, die einzige noch stehengebliebene Ruine des Erdbebens, der Convento do Carmo. Daneben ein seltsames Eisengerüst: der von dem Franzosen Eiffel erbaute Fahrstuhl, der Oberstadt und Unterstadt miteinander verbindet. Diese Unterstadt, die Baixa, ist kenntlich an ihren rechtwinklig verlaufenden Straßen. Sie beginnt beim Rossio und endet bei der prächtigen, zum Fluß hin geöffneten Praça do Comercio mit ihren Arkaden und Quais. So ist Lissabon eine in ihren Grundzügen klar gegliederte Stadt, bei aller Größe überschaubar: vielleicht einer der Gründe, weshalb man sich in ihr so schnell zu Hause fühlt.

  • Shopping: Eigens dafür schuf der vorausschauende Pombal bereits um 1760 die Unterstadt. Straßennamen wie "Straße der Schuster – der Vergolder oder – des Silbers" weisen darauf hin (und auf die einstigen Zünfte). Mrs. Miller aus New Jersey wird die Preise "very reasonable" und das Angebot "charming and continental" finden. Die Besucherin aus Deutschland wird feststellen, daß die Luxusartikel meist Import aus dem übrigen Europa und daher nicht viel anders sind, als zu Hause. Nur teurer.

An hübschen Dingen zum Mitbringen gibt es in der Rua Aurea, der "goldenen Straße" (und in den Nebenstraßen) die zarten goldenen und silbernen Filigranarbeiten. "Echt portugiesisch" ist auch die Keramik, von volkstümlich-skurrilen Schüsseln in Form von Fischen oder Kohlköpfen bis zur hohen Kunst der Azulejos, der Kachelarbeiten.

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Rasch einen Blick ins Café Brasileira: Es war einst der Treffpunkt der literarischen Größen Lissabons. Nie hätte ein weibliches Wesen gewagt, den zarten Fuß dort hineinzusetzen. Auch heute noch sind portugiesische Männer gern unter sich. Ihre Frauen füllen sich unterdessen in einer Pastelaria mit schweren und übersüßen Kuchen.

Ein wenig nordwärts, in der Rua Dom Petro V, hausen die Antiquitätenhändler. Da zur Zeit der Säkularisation Portugals Kirchen und Klöster weidlich geplündert wurden, findet man in den bis zur Decke vollgestopften winzigen Läden manches schöne und heilige Stück, zu meist mehr oder weniger unchristlichen Preisen, errechnet auf Dollarbasis für die Käufer aus Übersee. Preisgünstig einkaufen, wie noch in Spanien, kann man hier kaum. Billiger und auch weit schäbiger ist das Angebot dienstags und samstags auf der "Feira da Ladra", dem "Markt der Diebin", beim Kloster São Vicente auf der anderen Seite der Stadt. Hier findet man alles, was man vielleicht gerade dringend braucht: eine rostige Schraube, einen Heiligen Antonius oder ein Bettgestell.

  • Auf der Suche nach der Vergangenheit: Hat der Besucher weniger materielle Interessen, empfiehlt sich vom Burgberg aus ein Spaziergang durch die nahe Altstadt. Man sollte hinabsteigen bis zur Se, der Kathedrale aus dem 14. Jahrhundert, die mit ihren schweren, festungsartigen Türmen das Erdbeben einigermaßen überstanden hat. Ein Kuriosum ergab sich beim Wiederaufbau des zerstörten Klosterhofes: Die romanischen Kreuzgänge gerieten über die gotischen, die Epochen wurden vertauscht.

Von der Kathedrale ein kleines Stück bergauf zum Miradouro de Santa Luzia. Wieder liegt ein Teil der Stadt dem Besucher zu Füßen: Alfama, mit seinen Treppen, Gäßchen und Plätzen. So stellt sich der Tourist aus Mitteleuropa Portugal vor und der Tourist aus Übersee ganz Old-Europe. Hier hilft kein Taxi, kein Bus, nur bummeln, offenen Auges sich verlaufen und dennoch wiederfinden: abwärts ist immer richtig, dort geht es zum Fluß. Jenseits der Uferstraße: der Hafen Santa Apolonia, in dem die bunten Lastensegler liegen und von dem aus früher die Weltentdecker ausliefen, auf Schiffen, die kaum größer waren.

Hat man sich hungrig gelaufen: Es gibt in Alfama die gepflegte "Verando do Chanceier", auf der man hinter Glasscheiben in gekühlter und gefilterter Luft die guten Speisen und die Altstadt kulinarisch genießen kann. Vielleicht hockt man aber mit den Ureinwohnern an winzigen Tischen im Restaurant "O pereira", oder man läßt sich im "Beco do Azinhal" von Antonius, einem alten Seefahrer, gegrillte Sardinen im Freien servieren.

  • Alte Kunst und moderne Stadt: Es gibt tatsächlich doch ein Ziel in oder besser bei Lissabon, das man gesehen haben muß, den Convento dos Jerónimos im Vorort Belém. Ein weißer Märchenpalast, von exotischen Sandsteinornamenten überquellend, errichtet aus Dankbarkeit für die gelungene Entdeckungsfahrt Vasco da Gamas nach Indien – und von den dort geraubten Schätzen. Im gleichen Stil, an der Stelle, an der Vasco in See stach: der Torre de Belém mit maurischen Wachtürmen und indischen Balkonen. Und wenn man schon in Belém ist: 500 Meter stadteinwärts vom Kloster befindet sich das Kutschenmuseum mit Staatskarossen und Galawagen, eine Geschichte Portugals auf Rädern, eine Sammlung, die in Pracht und Fülle einmalig ist auf der Welt.

Eine andere Kostbarkeit für Freunde kirchli-

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eher Baukunst, im Baedeker zu Unrecht ganz klein gedruckt: Tejo aufwärts, links der Eisenbahn gelegen, Kloster und Kirche Madre de Deus. Schiff und Sakristei sind geschmückt mit einer wahrhaften Eruption an barocken Holzschnitzereien, im Auftrag des Königs Juäo V, der Prunk und Nonnen liebte.

Lissabon hat keinen Louvre. Aber das "Museum für alte Kunst" zeigt, was andere europäische Sammlungen nicht ins Bewußtsein bringen: daß es im 15. Jahrhundert eine bedeutende, eigene portugiesische Malerei gab. Ihr Hauptwerk: das sechsteilige Altarbild "Anbetung des Heiligen Vincent" mit herrlich realistischen Porträts, darunter das einzige von Prinz Heinrich, dem Seefahrer: Es wurde von einem Künstler namens Gonçalves gemalt, um dessen Identität sich die Gelehrten streiten wie um diejenige Shakespeares.

Außen Beton, innen Barock, Rokoko und viele andere Stile an Interieurs und Gemälden: das bietet das kürzlich eröffnete Gulbenkian-Museum. Es enthält die 3000 Stücke umfassende Privatsammlung jenes Ölmilliardärs, der sein Vermögen und seine Kunstschätze einer portugiesischen Stiftung übertrug. Er tat dies aus Dank dafür, daß er während des Zweiten Weltkrieges in Portugal Zuflucht fand – und wegen der günstigen portugiesischen Steuergesetze. Ohne diese Stiftung wäre das Kulturleben Portugals erheblich ärmer. Dies Museum ist nicht nur wegen seiner Kunstwerke, sondern auch als Bauwerk hochinteressant – wohl der zur Zeit modernste Museumsbau Europas.

Spätestens hier merkt der Besucher, daß Lissabon in den letzten Jahren eine wirklich moderne Großstadt geworden ist. Und daß die Gassen von Alfama nichts anderes sind als Vergangenheit, als ein großes Freilichtmuseum, aufrechterhalten zum Träumen für Touristen, die nicht darin wohnen müssen. Lissabon: dazu gehören auch die von Parks und Plätzen aufgelockerten Großstadtviertel entlang der Avenida dos Estados Unidos und der Avenida da Roma, die weit großzügiger und lebendiger sind, als etwa die städtebaulichen Alpträume der neuen Vorstädte von Madrid, Rom oder Paris.

  • Nun endlich zu Tisch: Es ist in Lissabon ein Kunststück, schlecht zu essen. Es gelingt noch am ehesten in einigen Snackbars der Innenstadt. Doch diese eilige Nahrungszufuhr ist ohnehin nichts für den Portugiesen, der zum Essen das Gespräch oder den Blick in die Zeitung liebt. Und selbst Snackbars können gut und von besonderer Atmosphäre sein, wie das Restaurant "Galeto" in der Avenida da Republica.

Die Portugiesen essen gern gut, schwer und reichlich. Stehen auf der Speisekarte zwei Preise bei einem Gericht, so bedeutet das: es gibt davon auch eine "meia dose", eine halbe Portion. Sie ist meist mehr als ausreichend. Das erste Gericht, das bei handgeschriebenen Karten jeweils unter der Rubrik "Fisch" oder "Fleisch" aufgeführt wird, ist in der Regel die Spezialität des Tages;

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In den vielen, im offiziellen Touristenführer aufgeführten Restaurants trifft der ausländische Besucher vornehmlich seinesgleichen. Das hat den Vorteil, daß die Bedienung dort fremde Sprachen versteht. Da ist zum Beispiel die "Quinta" bei Monsieur Eiffels Fahrstuhl, da ist in einer Seitenstraße des Rossio der "Gambrinus" oder gleich hinter dem Theater "Manel" – gute portugiesische Küche, bezahlbar mit Diners-Club-Karten. Will man aber zusammen mit Portugiesen auf echt portugiesische Weise essen, kann man auch unbesorgt, in jedes der kleinen Lokale eintreten, in dem die Angestellten aus den Geschäften und Büros Mittag machen. In der Rua dos Correiros zum Beispiel liegt eines neben dem anderen, darunter das vorzügliche "O Lisboa". Zwischen 12.30 und 13.30 Uhr ist es schwer, einen Platz zu finden.

Auch die Schalentiere, Lagostas und Lagostins, ißt man gut in den kleinen Restaurants, in denen die aufgeknackten Schalen ruhig auf den Boden fallen dürfen – beispielsweise in der muschelverzierten "Adega Berlenga" in der Rua Barros Queiros oder anderen in der Rua das Portas de Santo Antäo. In der gleichen Straße liegt auch das berühmte "Solmar". Spezialität: der Hummer wird bei Bestellung frisch und lebendig aus einem Bassin gefischt und schaut den Gast vor seinem Ende noch einmal aus treuen Hummeraugen an.

Ein Geheimtip unter den kleinen, volkstümlichen Restaurants: "O Porto de Abrigo", in der Rua dos Remolares, 16 (bei den Markthallen). Spezialität: Viera, ein Vorgericht aus Muscheln und Krabben. Ebenso gut: Santola (Seespinne), Polvo (Achtfüßler), Eiró grelhada (gegrillter Aal), Lulas (kleine Tintenfische) – und viele Fleischgerichte. Danach zum Dessert vielleicht einen kleinen "Bauch der Klosterschwester", eine übersüße Süßspeise.

Will man sein Essen mit einem herrlichen Blick über Fluß und Stadt verbinden, muß man ein Motorboot an der Praça do Comercio nehmen (rechte Landungsbrücke) und zum anderen Ufer des Tejo nach Cacilhas fahren zur "Floresta do Ginjal". Tischbestellung ist ratsam. Lohnend ist auch eine Fahrt (Taxi 20 Minuten) zu dem am Rand eines herrlichen Parks gelegenen Schlößchen "Queluz", dem Sanssouci von Lissabon. Dort ist die alte Schloßküche, die "Cozinha Velha" in ein erstklassiges Restaurant verwandelt worden.

Daneben gibt es die ganz, ganz feinen, allen voran "Aviz" und "Tavares", Restaurants mit Tradition. Sie eignen sich nicht für abgehetzte Touristen mit durchschwitztem Hemd und drei Photoapparaten um den Hals. Hier tafelt man mit den Häuptern von Ministerien und Adelshäusern. Tischbestellung unerläßlich.

  • Musik am Abend: Viele Lokale nennen sich "Restaurante tipico". Ihnen ist gemeinsam, daß sie typisch sind nur für das, was sich der typische Tourist unter typisch vorstellt: imitierte Bauerntrachten für die Bedienung. Es sind in der Regel Abendlokale, in denen man als Beigabe zum Diner den berühmten "Fado" hören kann. Wer meint, er könne hier nur wegen der Musik herkommen und sich mit einer Flasche Wein begnügen, der irrt: er wird von mürrischen Kellnern an einen schlechten Tisch verwiesen und zahlt zum Schluß eine hohe Minimum-Charge, für die er mindestens ein halbes Abendessen bekommen hätte. Eine üble Unsitte.

Dennoch: der schwermütige Fado, einst der Gesang des Volkes in den Tavernen, wird heute in den teuersten Lokalen am besten gesungen. Ein Abend in "A Severa" oder "Lisboa à noite" ist ein lukullischer und musikalischer Genuß. Lieder und Tänze aufbereitet zur Bühnenshow kann man im gepflegten Restaurant "Folklore" erleben. Volkstümlicher und musikalisch auch nicht schlechter sind "Tipoia" oder "Parreirinha d’Alfama". Essen und Darbietungen beginnen ab 22.00 Uhr. Zuerst kommen die Anfänger, später die Stars. Stimmungsvoll wird’s nach Mitternacht, wenn die Reisegesellschaften in ihre Autobusse verladen sind.

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Und später in der Nacht? Mit dem steigenden Zustrom einsamer Geschäftsleute und abenteuerlustiger Touristen sind einige Nachtlokale, "Boites" entstanden. Sie sind es nicht, worin sich diese Stadt auszeichnet.

  • Abschied: Vielleicht möchte man ihn sich erleichtern durch einen letzten Blick über die Stadt: aus der Bar des Hotels Eduardo VII zum Beispiel oder von der Höhe des gleichnamigen Parks. Einen wahrhaft überwältigenden Blick hat man vom Monsanto. Noch einmal breitet sich Lissabon mit seinen alten Gassen und modernen Wohnvierteln vor den Augen des Besuchers aus, rechts eingerahmt vom Tejo und im Hintergrund vom Burgberg, auf dem der Rundgang begann. Adeus Lisboa!