Von Ben Witter

Das Martin-Luther-King-Haus in der Hamburger Grindelallee grenzt hinten an Höfe und Passagen; etwas weiter längs befand sich ein jüdischer Friedhof, der nach 1933 Baugrund wurde. Es hat keine Witterungsfassade, überall ist echter Sichtbeton, Das Haus beherbergt die evangelische Studentengemeinde mit eigenem Hörsaal, Büros und sonstigem Zubehör.

Pastor Ulrich Finckh, Studentenpfarrer im Fachhochschulbereich, blau-grau kleidet ihn, schwarze Haare durchgehend grau meliert, ist Jahrgang 1927. Die Vorderzähne sind nicht dicht geschlossen und ein paar Millimeter zu lang, man sieht sie immer zusammen mit dem Lächeln in den tiefen Mundfalten. Er hat eine große Altbauwohnung und fünf Kinder. Seine Frau ist Diplomdolmetscherin.

Auf die Finckhs hält sich Pastor Finckh einiges zugute: 1592 empfing die Patrizierfamilie aus Reutlingen Adelsbrief und Wappen; sie führte das Wappen fortan als Bürgerwappen. Sein Großvater, Prälat in Heilbronn, hatte keine Stimme für Predigten; Sie war schwach und dünn. Pastor Finckhs Vater wäre auch gern Pastor geworden, doch umständehalber wurde er kaufmännischer Angestellter und trat in der Freimaurerloge hervor.

Wie Pastor Finckh das erzählte; vielleicht hatten Studenten schon öfter seinem Lebenslauf gelauscht. Er legt Wert auf die richtige Reihenfolge: Zwischen Hitlerjugend und Schüler-Bibelkreis fühlte er sich dann hin- und hergerissen, da war die doppelte Welt: Hier kämpfen und marschieren – dort kurz gesagt Bethel. Drei Jahre Volksschule, sieben Jahre Gymnasium, mit vierzehn beschloß Ulrich Finckh, Pfarrer zu werden. 1943 bekam er das Reifezeugnis. Der Flakhelfer Finckh gab keine Ruhe, die Waffen-SS suchte Freiwillige, er sagte, daß er Pastor werden möchte und gerade die SS Pastoren brauche, man erklärte ihm jedoch, die Marine habe einen größeren Bedarf. Von der Marine wechselte er zur Infanterie und geriet 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Er begann hebräisch zu lernen. Zum Studium war er gerade jung genug. In Marburg, Mainz und Göttingen wickelte er acht Semester ab. Die Theologen Bultmann, Gogarten und deren Schüler waren seine Propheten. Finckh leistete nebenher eine Menge Jugendarbeit und übernahm das AStA-Referat der Universität Göttingen.

„Meinen ersten Krach mit der Kirchenleitung“, Pastor Finckhs Lächeln bleibt stehen, „hatte ich in Königstein/Taunus. Ein ordinierter Pfarrer, ein Hilfsprediger und ein Emeritus, der aushilfsweise tätig war, mußten plötzlich verreisen. Ich stand als Lehrvikar ganz allein da und sollte auch weg. Aber ich weigerte mich. Ich konnte die Kirche nicht allein lassen.“ Mit Gehgips humpelte er ins zweite Examen. Am linken Sprunggelenk hatte man eine Knochen-Tbc erkannt.

Wiesbaden-Biebrich sollte daraufhin eine Schonstelle sein. Trotz zweihundert Beerdigungen und Taufen in eineinhalb Jahren, einhundertfünfundsechzig Konfirmanden, hundertfünfzig Vorkonfirmanden, Religionsunterricht, Alterskrankenhaus, Obdachlosenlager und zweiundvierzig öffentlichen Redestunden in der Woche, Ulrich Finckh verzagte nicht. Später versuchten zwei Pfarrer die Aufgaben zu bewältigen, und es entstanden drei neue Gemeindezentren.