Sozialismus oder Liberalismus? – Seite 1

Von Ralf Dahrendorf

Nur mit einer Mischung von Verblüffung und Besorgnis kann man heute die gängigen politischen Analysen der fünfziger Jahre zur Hand nehmen: Verblüffung, weil diese Analysen so weit an der Wirklichkeit vorbeigehen, die uns heute, zehn Jahre später, bestimmt; Besorgnis, weil ihre Irrtümer uns lehren, wie kurzatmig der Versuch sein kann, die eigene Gegenwart in größere Zusammenhänge zu stellen. Damals fand die Vorstellung verbreiteten Anhang, das Ende der Ideologie sei gekommen, in politischen Entscheidungen ginge es nur mehr um technische Probleme, die Waschmittelkonkurrenz der Parteien entspräche durchaus dem öffentlichen Bewußtsein vom "demokratischen Klassenkampf", einer nicht nur wohlgeregelten, sondern auch zunehmend harmlosen Auseinandersetzung. Noch die intelligentesten Analytiker schilderten die westlichen Gesellschaften in solchen Farben: Raymond Aron, Seymour Martin Lipset, von den zahlreichen Festrednern des Kongresses für Kulturelle Freiheit ganz zu schweigen. Ist es ein Zufall, daß gerade diese Redner und Autoren besonders ratlos, nämlich ausweglos verärgert, vor den studentischen Unruhen von heute stehen? Stimmt es nicht nachdenklich, daß gerade sie auf die wiedererwachte Intensität der politischen Diskussion mit dem wütenden Rückzug in eine neue innere Emigration reagieren?

Heute, da die Kritik am Kapitalismus aufs neue erwacht, da der alte Traum der Anarchie manche zu Taten beflügelt, da die Gleichung von Wohlstand und Zufriedenheit nicht mehr aufgeht, da selbst eingefleischte Demokraten das Ende des Parteienspiels konstatieren, geht der Blick nicht zufällig hinter die ephemeren Analysen der fünfziger Jahre zurück. Man liest wieder Marx, oder man zitiert ihn zumindest. Vielleicht sollte man mehr noch Max Weber lesen, dessen Aufsätze über "Parlament und Regierung im neugeordneten Deutschland" aus dem Sommer 1918 an Schärfe, Einsicht und Pessimismus weder von Sweezy noch von Baran, weder von Fanonnoch von Marcuse übertroffen werden können.

Dies war ja richtig an den Analysen der fünfziger Jahre: daß eine große geschichtliche Kraft, der Sozialismus, seine Kraft im wesentlichen verloren hat. Der Versuch mancher Jüngerer, heute der Leiche dieser politischen Idee neues Leben einzuhauchen, ist ebenso heroisch wie vergeblich. Es gibt einige unmittelbar erkennbare Gründe für den Hingang des Sozialismus. Daß es eine neue Wirtschaftsexplosion und eine, die zum erstenmal einen gewissen Wohlstand für sehr viele brachte, innerhalb des marktwirtschaftlichen Systems (und in diesem Ausmaß nur hier) geben konnte, war von den sozialistischen Theorien zumindest nicht eingeplant. Bei allen verständlichen Versuchen der begrifflichen Differenzierung konnte doch nicht verborgen bleiben, daß gerade die Länder, die das Adjektiv "sozialistisch" mit Vorliebe auf sich selbst bezogen und beziehen, an dieser Entwicklung weniger beteiligt sind, daß in ihnen vor allem die Lebenschancen des einzelnen mit volkswirtschaftlichen Erfolgsstatistiken in keiner Weise Schritt halten. Insoweit der politische Sozialismus mit der Beseitigung des Privateigentums an Produktionsmitteln menschliche Entfremdung aufzuheben trachtete, hat die Erfahrung sozialistischer Gesellschaften ihn widerlegt; insoweit er auf eine Beteiligung vieler in der Form der "Vergesellschaftung" zielte, mußte nicht nur der Stalinismus den Verdacht bestärken, daß Vergesellschaftung vor allem Bürokratisierung und damit neue Entmündigung bedeutet. –

Hinter den unmittelbaren stecken indes tiefere und schwerer wiegende Gründe. Das historische Pathos des Sozialismus lag in dem Versuch, allen Menschen ein hohes Maß an Grundchancen der Teilnahme zu verschaffen. Zwar darf man den Gedanken der Staatsbürgerrechte als einen ursprünglich liberalen Gedanken bezeichnen; daß die allen vormodernen Gesellschaften innewohnende Idee einer natürlichen Rangungleichheit der Menschen in Zweifel gezogen und schließlich politisch entkräftet wurde, war keine Leistung des Sozialismus. Aber Marx hatte dennoch recht, als er den liberalen Gedanken bürgerlicher Teilnahmerechte zugleich revolutionär und unerträglich formal nannte. Gegenüber dem Glauben an die natürliche Ungleichheit unter den Renschen war schon der Gedanke der Gleichheit aller als Vertragspartner revolutionär. Die frühliberale Fiktion andererseits, daß der Arbeitsvertrag zwischen Unternehmer und einzelnem Arbeiter ein Vertrag zwischen Gleichen sei, machte einen der Hauptangriffspunkte der frühen Arbeiterbewegung aus. Sie ist ein Beispiel dafür, wie ein richtiger politischer Gedanke an seiner inneren Unvollkommenheit, am fehlenden Durchdenken seiner sozialen Implikationen und Konsequenzen scheitert – oder auch dafür, wie eine Revolution fast unvermeidlich die nächste gebiert. Daß alle Menschen gleiche Ausgangschancen der Teilnahme haben sollen, weil sie in ihrem, Rang gleich sind, ist kein Problem rechtlicher Garantien allein. Der Arbeitsvertrag als Vertrag zwischen Gleichen muß darum Fiktion bleiben, weil der Unternehmer kraft seines Kapitaleigentums und der damit verbundenen Verfügungsgewalt über unvergleichlich größere Machtchancen verfügt als der Arbeiter. Ob der Unternehmer dem Arbeiter oder der Arbeiter dem Unternehmer kündigt, sind zumal unter Bedingungen verbreiteter Arbeitslosigkeit zwei sehr verschiedene Dinge. Um auch nur annähernde Gleichheit der Ausgangschancen zu schaffen, mußten die Arbeiter sich organisieren.

Erst die Gewerkschaften waren gleichrangige Vertragspartner (wobei gleich hinzuzufügen ist, daß seither die Entwicklung weitergegangen ist und mit einer neuen inneren Logik dazu geführt hat, daß sich heute in Tarifverhandlungen Gewerkschaften und Verbände der Unternehmer, also nicht mehr einzelne Unternehmer, gegenüberstehen). Dabei ist dies nur ein Beispiel. T. H. Marshall hat in seiner Analyse des Verhältnisses von Staatsbürgerrechten und Klassenstruktur gezeigt, daß der rechtlichen Gleichstellung aller Bürger das allgemeine Wahlrecht folgen mußte und daß beide nur dann als realistisch bezeichnet werden können, wenn jeder einzelne auch kraft seiner sozialen Lage die Möglichkeit hat, von den ihm versprochenen Rechten Gebrauch zu machen. Die Entwicklung der sozialen Dienste, der großen öffentlichen Versicherungs-Werke für Krankheit und Alter, Arbeitslosigkeit und sonstige unverschuldete Not, sind Bestandteil der Voraussetzungen sozialer Teilnahme.

Möglicherweise müssen wir heute den drei Elementen der Staatsbürgerrechte, die Marshall unterschied – dem rechtlichen, dem politischen und dem sozialen –, als viertes noch das eher psychologische hinzufügen, daß es auch gilt, das Bewußtsein des einzelnen zu verändern, daß er von seinen Rechten Gebrauch macht. Wenn die Zahl der Arbeiterkinder an den Universitäten in manchen Ländern noch heute unverhältnismäßig gering ist, so liegt das unter anderem an Sperren des Denkens, die überlieferte Systeme sozialer Unterschiede in vielen einzelnen errichtet haben. Um solche Sperren Zu beseitigen, reichen aber weder die Gleichheit vor dem Gesetz noch das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht, noch auch die Versorgungs- und Subventionseinrichtungen der Sozialpolitik; hier ist ein Informations- und Überzeugungsprozeß vonnöten, der erst in jüngerer Zeit recht begonnen und erste Früchte gezeitigt hat.

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Dieser Prozeß der Einwirkung auf das Bewußtsein von Menschen wird allerdings von denen, die sich Sozialisten nennen, nur mehr mit schlechtem Gewissen oder gar nicht betrieben. Die historische Leistung des Sozialismus lag darin, den bloß äußerlichen Charakter des altliberalen Bürgerrechtsbegriffs enthüllt zu haben. Seine gesellschaftsverändernde Kraft lag in der Auffüllung dieses Begriffes durch Inhalte, das heißt politisch in der Erzwingung sozialer Veränderungen, die den Gedanken der staatsbürgerlichen Teilnahme zu mehr als einer juristischen Fiktion, zu einer Realität für möglichst viele machen. Es ist vielleicht nicht ohne nachdenkenswerte Bemen des historischen Liberalismus gehören heute der Vergangenheit an, und der gelegentliche Versuch, sie erneut zu beleben, ist eher rührend als bedeutend.

Aber das Paradox der inneren Unvollkommenheit guter Absichten ist dem Sozialismus nicht erspart geblieben. In dem Versuch, von Sachen und nicht von Begriffen zu sprechen, habe ich hier darauf verzichtet, langatmige Definitionen von "Liberalismus" und "Sozialismus" zu offerieren. Als Minimaldefinition sozialistischer Politik, wird man immerhin ohne viel Widerspruch die Absicht beschreiben können, die formalen Gleichheitsrechte der Liberalen mit sozialem Inhalt zu füllen, also jene gesellschaftlichen Veränderungen vorzunehmen, die politische und soziale. Teilnahme für alle einzelnen zu einer Realität machen. Wenn wir. uns nun fragen, welche. Voraussetzungen und Folgen dieser, Prozeß zumindest historisch gehabt hat und möglicherweise haben mußte, dann wird mit dem Paradox des Sozialismus eine tragische Verstrickung aller modernen Politik deutlich.

Soziale Erfüllung, versprochener Teilnahmerechte heißt zum Beispiel, daß der einzelne herausgerissen werden muß aus überlieferten, ihm fraglos zugeschriebenen Bindungen an Familie und Gemeinde, Betrieb und Kirche. Fragen wir indes, was an die Stelle dieser Bindungen tritt, so entdecken wir alsbald den freigesetzten einzelnen in der Fessel neuer, großer, möglicherweise selbstgewählter, aber dennoch mit vielfach unverhofften Schwierigkeiten der Teilnahme belasteten Organisationen. An die Stelle der ungefragten Abhängigkeiten der Überlieferung tritt die neue Abhängigkeit dessen, der allerorten auf große, bürokratisierte. dem ehernen Gesetz der Oligarchie ausgelieferte Organisationen angewiesen ist,-die zu kontrollieren er ebensowenig imstande ist, wie sein Ahne das in feudaleren Hörigkeiten konnte: Sozialismus heißt Organisation, und Organisation heißt neue Unfreiheit.

Das ist nicht als oberflächliches Argument, schon gar nicht als einfache. Polemik gegen eine große und erfolgreiche politische Kraft zu verstehen; es ist auch nicht einfach abstrakte Behauptung. Wirksame soziale Teilnahmechancen bedeuten zum Beispiel, daß der einzelne gegen unverschuldete Not geschützt werden muß. Der Schutz gegen unverschuldete Not,– Krankheit und Alter, Unfall und Arbeitslosigkeit – verlangt in einer modernen Gesellschaft komplizierte Organisationsformen Zur Einziehung und Verteilung von Geldern, vielfältige Einrichtungen der Sozialversicherung. Wie immer diese im einzelnen organisiert sein mögen, sie brauchen Regeln und Bürokratien, die nach diesen Regeln verwalten.. Jede dieser Regeln aber, und mehr noch deren Verwaltung, begrenzt einzelne in ihrem Entscheidungsspielraum: Zwangsversicherte, die lieber andere Wege gehen würden; Ärzte, die nur mehr Agenten von Kassen sind und damit dem Patienten, oft auch seinen Bedürfnissen entfremdet werden; Rentner, die durch die Regeln benachteilige und andere, die ebenso unverdient bevorzugt werden; und natürlich die vielen, vielen Stunden des Wartens, Bittens, der Verbitterung auf Ämtern. Nicht der böse Wille, einzelner Beamter, sondern das Prinzip der Organisation selbst macht den einzelnen, für dessen Nutzen die Organisation-geschaffen wurde, zum Objekt unkontrollierter und wohl auch unkontrollierbarer Instanzen.

Muß das so sein? Gibt es nicht andere, vom einzelnen ausgehende Regelungen? Lassen sich die neuen Bürokratien: nicht wirksamer kontrollieren? Die großen und die kleineren Utopien setzen an solchen Punkten an. Der Ombudsman, der den Bürger vor der Verwaltung schützen soll, kann im Einzelfall helfen; aber gerade indem er im Einzelfall hilft, bestätigt er das System. Für Abgeordnete der Parlamente gilt oft nichts anderes. Ein überschaubares, System der sozialen Fürsorge ist. für moderne Großstaaten noch, nicht entdeckt; es. gilt eher für vormoderne Verhältnisse mit ihrer Betonung der Verantwortlichkeit der Familie oder, der Gemeinde. Daß Modernität, wirksame Gleichheit der Ausgangs-

chancen sozialer Teilnahme für alle, Organisation und damit neue Entmündigung bedeutet, das aber nicht von im Umkreis der Sozialpolitik; das Paradox von Staatsbürgerrechten und Bürokratisierung läßt sich auf Schritt und Tritt aufspüren. Eine Reform der Hochschulen mit der Absicht ihrer Öffnung für neue Gruppen verlangt die Einschränkung der alten akademischen Lernfreiheit zugunsten einer sogenannten "Verschulung", also wiederum der Organisation; die Verbreitung der Möglichkeit des Erwerbs von Haus- und Grundeigentum verlangt Regeln und Organisationsformen, die für den Bauherrn als Reglementierungen und oft genug Unzumutbarkeiten erscheinen müssen. Nahezu jede politische Entscheidung mit dem Ziel der Durchsetzung effektiver Bürgerrechte trägt in sich den Keim zur Widerlegung ihrer Absicht.

Das kann nicht bedeuten, daß man darauf verzichten soll, eine solche Politik zu betreiben. Der Sozialismus, im hier sehr allgemein definierten Sinne, war (und ist an vielen Stellen noch heute) notwendig. Es muß aber bedeuten, daß wir die Gefahren sehen, die das Paradox sozialistischer Politik mit sich bringt. Max Weber hat sie gesehen; seine eindringlichen Formulierungen verdienen es, ausführlich zitiert zu werden: "Eine leblose Maschine ist geronnener Geist. Nur daß sie dies ist, gibt ihr die Macht, die Menschen in ihren Dienst zu zwingen und den Alltag ihres Arbeitslebens so beherrschend zu bestimmen, wie es tatsächlich in der Fabrik der Fall ist. Geronnener Geist ist auch jene lebende Maschine, welche die bürokratische Organisation mit ihrer Spezialisierung der geschulten Facharbeit, ihrer Abgrenzung der Kompetenzen, ihren Reglements und hierarchisch abgestuften Gehorsamsverhältnissen darstellt. Im Verein mit der toten Maschine ist sie an der Arbeit, das Gehäuse jener Hörigkeit der Zukunft herzustellen, in welche vielleicht dereinst die Menschen sich, wie die Fellachen im altägyptischen Staat, zu fügen gezwungen sein werden, wenn ihnen eine rein technisch gute und das heißt: eine rationale Beamtenverwaltung und -Versorgung der letzte und einzige Wert ist, der über die Art der Leitung ihrer Angelegenheiten entscheiden soll. Denn das leistet die Bürokratie ganz unvergleichlich viel besser als jegliche andere Struktur der Herrschaft. Und dies Gehäuse, welches unsere ahnungslosen Literaten preisen, ergänzt durch die Fesselung des einzelnen an den Betrieb (Anfänge dazu: in den sogenannten "Wohlfahrtseinrichtungen"), an die Klassedurch zunehmende Festigkeit der Besitzgliede-(durch und vielleicht einmal künftig an den Beruf (durch "liturgische" staatliche Bedarfsdeckung, mit heißt: Belastung berufsgegliederter Verbände mit Staatsaufgaben), würde nur um so unzerbrechlicher, wenn dann auf sozialem Gebiet, eine in den Fronstaaten der Vergangenheit, eine Bürokratie Organisation der Beherrschten der Bürokratie angegliedert (und das heißt in Wahrheit: ihr untergeordnet) würde. Eine "organische", das heißt eine orientalisch-ägyptische. Gesellschaftsgliederung, aber im Gegensatz zu dieser: so streng rational wie eine Maschine es ist, würde dann heraufdämmern. Wer wollte leugnen, daß derartiges als eine Möglichkeit im Schöße der Zukunft liegt?"

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Max Webers Zukunft war eine Zukunft aus des Perspektive des Jahres 1918, vor dem Ende des Ersten Weltkrieges. So nimmt es weniger enthält, daß seine Vision manches Zeitgebundene enthält, als daß sie in beinahe bestürzender Weise vieles trifft, das die Wirklichkeit unserer Erfahrung mehr als ein halbes Jahrhundert später bezeichnet. Und wenn wir genau hinblicken, dann gilt dies für die Wirklichkeit entwickelter Gesellschaften, beinahe gleichgültig, in welcher deutung, hier wenigstens anzumerken, daß dieses weitreichende Ziel von den sozialistischen Parteien vieler Länder gerade dann erreicht wurde. wenn diese Parteien sich in der Opposition befanden. Wie der frühe Liberalismus liefert auch der frühe Sozialismus manches Beispiel für die Möglichkeiten der Veränderung der Welt durch Widerstand gegen herrschende Gewalten.

Der frühe Liberalismus – heute gern verächtlich als "Paläoliberalismus" oder auch "Steinzeitliberalismus" abgetan – hat also in seiner umwälzenden Kraft zugleich seine Begrenzung gehabt. Indem er die Gleichheit des Ranges aller einzelnen unter noch traditionalen Verhältnissen als Grundlage einer Wettbewerbswirtschaft und einer freien Gesellschaft forderte, bevorzugte er jene, die kraft überlieferter oder neu erworbener Machtposition gleicher waren als andere. Die Theorie der Gleichheit erwies sich als Praxis einer neuen Privilegierung; die Absicht der Freiheit wurde zur Freiheit als Vorrecht bestimmter sozialer Gruppen. Insofern hat der Sozialismus den Liberalismus überwunden; die konkreten Forpolitischen Verfassung sie leben. Besser als jeder Versuch, die sozialistischen Gesellschaften aus dem umständlichen Vorwand ihrer eigenen Ideologien zu verstehen, besser auch als die oft etwas mechanische Totalitarismus-Analyse, kann Max Webers Vision der neuen Hörigkeit der Bürokratie beschreiben, was heute in der Sowjetunion und Ungarn, in der Tschechoslowakei und der DDR geschieht. Wenn andere Länder, die Vereinigten Staaten und Großbritannien, Frankreich und die Bundesrepublik, auf diesem Wege nicht ganz so weit fortgeschritten sind, wenn die liberaleren Formen der sozialen Ordnung, deren Forderung in den sozialistischen Ländern so rasch der nicht erst von Breschnjew erfundenen Doktrin zum Opfer gefallen sind, in diesen Ländern noch einen breiteren Raum einnehmen, dann ändert dies doch nichts an der Tatsache, daß auch hier bürokratische Organisation unter dem Mäntelchen einer Ideologie der Rationalität, die Planrationalität und nicht Marktrationalität ist, rasch voranschreitet. Daß Sozialismus und Kapitalismus in ihren konkreten Erscheinungsformen heute so weit nicht mehr auseinander sind, ist ja fast schon ein Gemeinplatz geworden; ihr gemeinsamer Nenner aber ist das Gehäuse der Hörigkeit der Organisation.

Gegen eben dieses Gehäuse erwachen nun auch die Proteste, isoliert zunächst, ohne umfassendes Ziel, mit oft seltsamen Stoßrichtungen und unbequemen Instrumenten: Studenten, die gegen eine "technokratische" Hochschulreform kämpfen; sozialistische Ökonomen, die quasimarktwirtschaftliche Formen durch Dezentralisierung der Entscheidungsinstanzen suchen, Regionalismus in zentralistischen Staaten, der Ruf nach "nationaler" Unabhängigkeit für Jurassiens, für Flamen und Wallonen, Schotten und Waliser und die Menschen in Quebec, und vor allem die private, ganz individuelle Flucht in Traumwelten der Freiheit, Marihuana-Phantasien und LSD-Rausch, die bunte Kostümierung der Hippies, das in der Aktentasche des leitenden Angestellten versteckte Ballettkleidchen, die große Sehnsucht. Vielleicht ist das alles die Maschinenstürmerei des bürokratischen Zeitalters, der Anfang einer neuen großen Protestbewegung, die ihre Sammlung noch nicht gefunden hat, solange es noch allzu viele gibt, die im alten System wenn nicht Glück so doch einen Zuwachs an Chancen finden können. Jedenfalls aber sehe ich auch in diesen Zeichen Hinweise auf die Notwendigkeit einer politischen Wendung, die in für viele unerwarteter Dialektik dem Liberalismus einen neuen und zentralen Platz gibt.

Wir haben den Sozialismus mit der einfachen Formel definiert, er ziele auf die soziale Erfüllung des Gleichheitsversprechens der Staatsbürgerrechte hin. Es ist nur billig, im Hinblick auf den Liberalismus ähnlich einfach zu verfahren. Sein bleibendes Ziel ist es, die Vielfalt der Lebenschancen des einzelnen zu vergrößern. Dabei gilt Vielfalt sowohl der Art und Ausprägung als auch dem Rang und der Reichweite der Lebenschance nach. Liberalismus will Unterschied, denn Unterschied heißt Freiheit.

Daß diese Idee des Liberalismus einen anderen Stellenwert hat, wenn die grundlegende Gleichheit der Bürgerrechte für alle weitgehend verwirklicht ist, liegt auf der Hand. Unter solchen neuen Verhältnissen bedeutet Liberalismus nicht mehr Privilegierung derer, die gleicher sind als andere, sondern Öffnung der neuen Hörigkeiten im Interesse der Entfaltung aller. Insofern ist der Hauptorientierungspunkt des Liberalen der einzelne in der Fülle seiner Entwicklungsmöglichkeiten; die Hauptstoßrichtung eines neuen Liberalismus aber geht gegen ein System bürokratischer Organisation und vorgeblicher Rationalität, das eben diese Fülle begrenzt. Der neue, moderne Liberalismus nimmt die Forderung gleicher Bürgerrechte als notwendige Voraussetzung der Freiheit aller ernst; er richtet sich insofern gegen diejenigen, die an hergebrachten und allzu oft autoritären Autoritäten und Privilegierungen festhalten wollen, auch wenn diese sich Liberale nennen. Der neue Liberalismus versteht staatsbürgerliche Gleichheit aber auch nur als Voraussetzung der Freiheit aller; er richtet sich daher noch entschiedener gegen diejenigen, die befangen in den Verstrickungen von Gleichheitsforderung und Wirklichkeit bürokratischer Organisation das tragische Paradox einer solchen Politik nicht erkennen. Liberalismus heute ist von Konservativen und Sozialisten gleich weit entfernt.

Das alles sind sehr allgemeine Bemerkungen für den, der die bestimmten politischen Anwendungen sucht. Doch ist der Schritt zu den Anwendungen so weit nicht: Gleiche Bildungschancen für alle – aber eine Schule, die offen ist für sehr unterschiedliche Begabungen und Begabungsverbindungen, die weder die Grenzen der Klassen noch der Schultypen respektiert. Gleiche Grundversorgung bei unverschuldeter Not für alle – aber ein breiter Bereich, in dem der einzelne die Wahl hat, ob er sein Geld ausgeben, anlegen, für seine eigene Versorgung sparen will. Garantierte Einkommenschancen für alle – aber eine Fülle von Anreizen auch finanzieller Art, die es dem einzelnen erlauben und attraktiv machen, seine Fähigkeiten unter immer neuen Umständen zu erproben. Gleiche politische Teilnahmemöglichkeiten für alle – aber die Beseitigung aller bürokratischen und oligarchischen Behinderungen solcher Teilnahme auch auf Kosten der Wirkungsmöglichkeiten politischer Parteien. Bürgerrechte auch in der Wirtschaft – aber wirksame, unmittelbare Rechte des einzelnen, die nicht, durch Organisationen vermittelt, im Augenblick ihrer Realisierung schon wieder Fiktion geworden sind.

So werden alsbald die Konturen eines politischen Programms erkennbar, das mit dem "Steinzeitliberalismus" zwar die zentrale Stellung des einzelnen mit seinen Lebenschancen verbindet, das sich aber im übrigen von diesem in zwei entscheidenden Punkten weit entfernt: Nahm der alte Liberalismus die Tatsache hin, daß seine Forderungen tatsächlich zu Privilegierungen führten, so wacht der neue Liberalismus ungeduldig über der effektiven Gleichheit der Ausgangschancen aller Bürger und ist insofern ein sozialer Liberalismus. Galt die Auseinandersetzung des alten Liberalismus vor allem den Hörigkeiten abgestandener Traditionen, so gilt die des neuen Liberalismus den neuen Hörigkeiten der Organisation, der Bürokratie, der Technokratie, also des Systems vorgeblicher Sachgesetzlichkeiten, das heute den einzelnen entmündigt.

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Daß in solchen Ideen eine progressive und zumindest der Möglichkeit nach mächtige politische Kraft sichtbar wird, läßt sich schwerlich leugnen. Ebensowenig aber kann man übersehen, daß die Parteienstruktur aller modernen Gesellschaften noch kaum die Tendenzen widerspiegelt, die in dieser Analyse zum Ausdruck kommen – und daß noch ganz ungewiß ist, wie stark die Kraft des Reformliberalismus gegenüber den Mächten des etablierten Systems sein wird.

Damit das System unserer politischen Parteien den sozialen Entwicklungen moderner Gesellschaften entspräche, müßte es zwei große politische Gruppierungen kennen: die eine, eher konservative, bestünde aus den Verteidigern des bürokratischen Systems und also im wesentlichen aus den heutigen sozialistischen Parteien (wobei ich nicht übersehe, daß es auch in diesen liberale Elemente gibt); die andere, eher progressive, wäre gekennzeichnet durch einen reformliberalen Kurs der angedeuteten Art. An den Flügeln beider Parteien wäre Platz für radikalere Gruppierungen, die einen anderen, extremeren Kurs vertreten: einen Kurs traditional-autoritärer Zielsetzungen einerseits und einen utopischanarchistischen Kurs auf der anderen, der liberalen Seite. Daß die damit angedeuteten politischen Fronten tatsächlich heute quer durch verschiedene politische Parteien gehen, zum Teil auch im Spektrum der offiziellen Politik völlig fehlen, stellt eine der heikelsten Fragen an die politischen Systeme der Gegenwart und ihre Fähigkeit zur Veränderung aus sich selbst: Was muß geschehen, damit eine in sich unglaubwürdige und unrepräsentativ gewordene Parteiendemokratie wieder zum Vehikel der Auseinandersetzung zwischen großen, durch gemeinsame Interessen und Überzeugungen verbundenen sozialen Gruppen wird?

Erst diese Frage macht vielleicht den Ernst der Problematik ganz erkennbar, um die es geht, wenn man heute von altem Sozialismus und neuem Liberalismus spricht. Es ist wichtig, die Wiedergeburt des Liberalismus zu befördern; es ist möglich, das Programm eines sozialen Reformliberalismus zu formulieren, es ist offenkundig, daß das geläufige Parteienspiel an den zentralen Auseinandersetzungen moderner Gesellschaften weithin vorbeigeht – aber es ist keineswegs gewiß, daß es eine notwendige Entwicklung hin zu überzeugenderen politischen Frontstellungen geben wird. Max Webers säkularer Pessimismus hatte schon seinen Grund. Vielleicht stehen wir nicht am Anfang der Wiedergeburt des Liberalismus, sondern am Anfang eines neuen Mittelalters, der Sklaverei im wirtschaftlichen Überfluß. Das System einer planrational-bürokratischen Gesellschaft ist durchaus kräftig und fähig zu überleben. Es gibt viele, die an diesem System ein etabliertes Interesse haben: Beamte und Verbandsführer, Mitglieder von Parlamenten und ihre akkreditierten Journalisten, Beiratsprofessoren und Planer aller Kategorien. Für viele von ihnen ist nicht nur die außerparlamentarische Opposition, sondern auch der neue Liberalismus ein Störenfried, und sie haben die Machtmittel, um diesen Störenfried zu beseitigen. Faschismus ist vielleicht ein schlechter Name für ein System der Unfreiheit, das weniger auf persönlicher Führung als auf unpersönlicher Organisation beruht; Bürokratie trifft nur einen Teil des Problems; "Systemismus" ist ein etwas ungewohnter Begriff. Was immer indes der Name sein mag, die Alternative ist klar und bedrohlich: Reformliberalismus – oder das Gehäuse der Hörigkeit des Systems einer Dienstklassengesellschaft. Insofern ist die theoretische Frage nach den Bedingungen der Veränderung unserer politischen Strukturen in eine praktische Forderung zu übersetzen: Wir müssen etwas tun, damit eine in sich unglaubwürdig und unrepräsentativ gewordene Parteiendemokratie wieder zum Vehikel der Auseinandersetzung zwischen großen durch gemeinsame Interessen und Überzeugungen verbundenen sozialen Gruppen wird.