Von Carl J. Burckhardt

Nach einem Besuch im ostpreußischen Friedrichstein schrieb der Schweizer Carl J. Burckhardt, von 1937 bis zum Kriegsausbruch 1939 Hoher Kommissar in Danzig, einen Brief an Marion Dönhoff. Nach dem handschriftlichen Original zitieren wir daraus einen Auszug.

Die opferbereite, kühne Stellung, die Sie einnehmen, den Widerstand, der von ihren Freunden ausgeht, bewundere ich.

Die Frage, die mich täglich beschäftigt: Kann ein Gewaltregime, das nach einem verlorenen Krieg, einem schlechten Friedensschluß und einer unerfahrenen demokratischen Episode, sich durchsetzt, durch andere Mittel überwunden werden als durch eine erneute internationale Katastrophe? Nach dieser Katastrophe – verbrecherischer Übertreibung des Autoritätsprinzips – wird dann jede Autorität bis zur letzten in Frage gestellt sein. Weiteste Gebiete aber werden durch eine sozialpolitische Doktrin von wahrhaft religiöser Wirkungsgewalt all die Machtmittel bewahren, die nur unter Diktaturen anwendbar sind. Ich fürchte, daß der russische Diktator, dem heute wie morgen eine Orthodoxie zur Verfügung steht, die (auf schwachen, romantischen Anschauungen beruhende) Unternehmung Hitlers zuerst durch lockende Solidaritätsangebote in das kriegerische Abenteuer hineinstoßen wird, um dann im Verlauf eines für Deutschland, auf alle Fälle, auf die Dauer aussichtslosen Kampfes den Spieß umzudrehen.

Es gibt viele Deutsche, welche die Situation mit Klarsicht beurteilen. Viele unter ihnen wollen Widerstand leisten. Ich kenne Deutschland wenig, habe nur in meiner Studienzeit kurz in München und Göttingen gelebt.

Was mir aber jetzt von meinem Gefängnis aus wahrzunehmen möglich ist, beunruhigt mich aus folgenden Gründen: Man trifft ausgezeichnete Leute, die zum inneren Widerstand bereit sind, aber fast alle sprechen zuviel. Zum Unterschiede von Slawen und romanischen Völkern ist die Kunst des Verschwörers kaum vorhanden.

Zur Zeit sehe ich eine leichte Möglichkeit des rechtzeitigen Eingreifens, bevor (das) dilettantische, nicht mehr rückgängig zu machende Abenteuer der deutschen Staatsleitung seinen Anfang nimmt: Eure Armee! Aber auch da bin ich skeptisch. Es gibt die militärische Erziehung, es gibt den Eid.