Der tschechische Lee heißt Gabriel Laub. Auch seinen Aphorismen, die kürzlich in vorzüglicher deutscher Übersetzung erschienen sind –

Gabriel Laub: "Verärgerte Logik", aus dem Tschechischen von Friedrich Torberg; RH 21, Carl Hanser Verlag, München; 94 S., 5,80 DM

merkt man an, daß ihr Verfasser wenigstens zwei Ideologien mit unmenschlichem Gesicht aus erster Hand kennt. Auch er, ein gebranntes Kind aus Prag, dessen Reflexionen uns an die Zeichnungen seines Landsmanns Ivan Steiner erinnern, weiß Bitteres zu berichten: "Die hartnäckigsten Anhänger der Sklaverei waren nicht die Sklavenhalter, sondern die privilegierten Sklaven"; "Der Sklave will nicht frei werden. Er will Sklavenaufseher werden"; "jede Religion mißt die Glaubensstärke ihrer Anhänger an der Bereitschaft, Holz für den Scheiterhaufen herbeizuschleppen."

Können wir also den Exil-Tschechen, der von sich selber sagt: "Ich bin ein älterer Angehöriger der mittleren Generation junger Autoren", als einen Epigonen von Lee bezeichnen? Wobei das Wort "Epigone" keineswegs pejorativ gemeint sein muß. Epigonentum? fragt Gabriel Laub. "Auf anderen Gebieten des öffentlichen Lebens nennt man das anders: man verwendet Erfahrungen."

Vergleichen wir einmal den Meister mit seinem Jünger. Zwei Texte, die sich thematisch ähneln. Zuerst Lec: "Sein Gewissen war rein: Er benutzte es nie." Jetzt Laub: "Er hat sich niemals mit Denunziationen die Hände beschmutzt: Sein Telephon war immer peinlich sauber." Und nochmals Laub: "Er hat niemals einen Hinrichtungsbefehl ausgefertigt. Immer die Sekretärin." Die Treffsicherheit des Meisterschützen Lee, dessen knapper Satz sich hier auf alle möglichen Formen jener oben erwähnten Untugend bezieht, ist evident.

Sind etwa manche Aphorismen von Laub nicht wortkarg genug? Es gelingt ihm zwar Lapidares: "Die Heiligen: posthume Karrieristen", aber schon folgender Minitext hat einen Satz zu viel: "Manche Journalisten sollten nach dem gleichen Tarif entlohnt werden wie die Träger auf den Bahnhöfen, denn sie befördern fremdes Gedankengut. Allerdings wären sie dann den anderen Journalisten gegenüber finanziell im Vorteil."

Besser gefällt mir schon eine andere Bemerkung des Aphoristikers am Rande der traurigen "conditio journalistica" im Osten: "‚Auch wir‘, sagte der Bergsteiger zum Journalisten, ‚können uns das Genick brechen, wenn wir vom vorgezeichneten Weg abweichen.‘"

Nicht alle Aphorismen von Laub treffen ins Schwarze. Vor Beredsamkeit wird gewarnt. Auch größere Angst vor den Gefahren der Banalität wäre nicht fehl am Platze. Dennoch: der denkende Satiriker und charmante Feuilletonist namens Laub wird bestimmt sein dankbares Auditorium finden. Nicht etwa, weil im Königreich der Blinden der Einäugige König ist – in der Bundesrepublik gibt es wenigstens fünf begabte Aphoristiker. (Namen und Adressen sind dem Rezensenten bekannt.) Dieser sympathische Epigone von Lee nämlich hat seine eigene Handschrift, und seine geistigen Patenonkel sind auch nicht schlecht. Manchmal meldet sich in ihm ein kluger Wunder-Rebbe aus Brody zu Wort: "Warum nimmt man den Ratten übel, daß sie das sinkende Schiff verlassen? Wozu braucht man auf einem sinkenden Schiff auch noch Ratten?" Manchmal läßt uns der brave Soldat Schwejk herzlich grüßen: "Er hielt das Banner der Freiheit hoch. Dann zerschnitt er es, weil er Windeln brauchte."