Von Michael Gramberg

Da steht wieder ein genialischer Autor im freien Raum, den er mit Wortgewalt ausfüllt. Sein „ungebundener Atem entfacht „die Sprache der Gegenwart und Zukunft, die des handelnden Verlangens“. Alles, was er schreibt, „wird durchpulst von den Leiden und Freuden des Herzens“. „Als ihr mächtiges Erbe die Poesie zu Beginn des Jahrhunderts „zu lähmen schien, sprach sie aus dem Munde Apollinaires in lebendigen, stets wechselnden Gestaltungen. Nördlich verhangen erst, in Sagen und Bildern redend, vom Anhauch der Liebe dann zu einem Tremolo sarkastischer Wehmut entfacht, gewann diese Stimme schließlich so viel Kühnheit, sich ohne Umschweife in der Wirklichkeit zu verwurzeln. Wie viele Töne durchlief sie auf ihrem Weg vom Geraun bis zum Alltagswort! Wie überraschend die Folge der Masken, aus denen sie klagt, lacht oder beschwört!“

So schreibt es Gerd Henniger im Vorwort des Bandes

Guillaume Apollinaire: „Poetische Werke / Oeuvres Poétiques“, zweisprachig, ausgewählt und herausgegeben von Gerd Henniger; Luchterhand Verlag, Neuwied; 416 S., 48,– DM.

So hehr wie diese Einführungsworte ist auch die Ausstattung des Buchs, ist auch der Preis, so hehr sind auch die Übertragungen.

Aber Apollinaire will nicht recht in diesen Rahmen passen. Er gehört eher in ein bürgerliches Milieu mit dem entsprechenden Wortschatz. Es ist zwar ein lädiertes bürgerliches Image, das jedoch selbst noch für den Verfasser der programmatischen Schrift „L’Esprit nouveau et les Poetes“ (Der neue Geist und die Dichter) charakteristisch bleibt. Lädiert: weil sich Apollinaire als uneheliches Kind mit einer Vorliebe für das Glücksspiel in einer gesellschaftlich prekären Situation befand. Er war jedenfalls – so berichtet Fernande Olivier, die langjährige Gefährtin Picassos – in der Pariser Künstlerboheme von 1904 durch Kleidung und Gebaren als gutsituierter Bürger aufgefallen, obgleich seine meistens miserable wirtschaftliche Lage eher anderes erwarten ließ. Das sagt noch nicht viel zur Person Apollinaires aus; so viel aber doch: daß zu ihrer Definition die poetische Umschreibung, wie sie Gerd Henniger in seinem Vorwort versucht, zumindest einen Umweg darstellt. Fraglich ist, ob Apollinaire-Kenner, denn nur an sie dürfte sich Hennigers Einführung richten, bereit sind, diesen Umweg mitzumachen. Großmütig bekennt Henniger bei der Erwähnung de Quinceys in dem Gedicht „Cors de Chasse“ (Jagdhörner): „Gern erfahren wir in diesem Zusammenhang von den Philologen ...“ – man dankt wissenschaftlicher Fleißarbeit.

Diese zweisprachige Ausgabe enthält in chronologischer Reihenfolge die Gedichtsammlungen „Le Bestiaire ou Cortège d’Orphée“, „Alcool“, „Vitam impendere amori“ vollständig, eine Auswahl der „Calligrammes“ und der Nachlaßbände „Il y a“, „Poemes à Lou“, „Le guetteur melancolique“, „Poèmes à Madeleine“. Die Übertragungen besorgten Gerd Henniger, Johannes Hübner und Lothar Klünner. Die Holzschnitte von Raoul Dufy für die Originalausgabe von „Le Bestiaire ou Cortège d’Orphée“ aus dem Jahr 1911 wurden mitaufgenommen. Auch einige Idiogramme sind abgedruckt, jene „typographischen Kunstgriffe“, wie Apollinaire sie bezeichnete, die eine „visuelle Lyrik“ darstellen sollen. Es sind Spielarten einer Schreibweise, die Mallarmé in dem Gedicht „Un coup de des jamais n’abolira le hasard“ angewandt hatte. Ging es aber Mallarmé um die Verteilung und Spannung von Vers und weißer Fläche auf dem Papier, so interessiert Apollinaire die kalligraphische Synthese von Bild und Wort.

1880 in Rom geboren und an der französischen Riviera aufgewachsen, lebte Apollinaire von 1899 an mit Unterbrechungen in Paris. Ein Jahr verbrachte er als Hauslehrer in Deutschland. Von 1914 bis 1916 war er Soldat. Eine schwere Kriegsverletzung war mit ein Grund für seinen frühen Tod im Jahr 1918. Die einzelnen Lebensbereiche: Deutschland, Paris, Krieg, bieten reichlichen Stoff für sein Schreiben – ebenso wie die unglücklichen Lieben dieses mal-aime.

In der Tradition Baudelaires und Mallarmés war Apollinaire zugleich Kritiker, Theoretiker, Poet. Er wurde in Paris mit Autoren und Malern bekannt, mit Alfred Jarry, Max Jacob, André Salmon, mit Picasso, Henri Rousseau, Marcel Duchamp. Er griff in die Diskussion um ein neues Kunstverständnis ein und wurde Wortführer der kubistischen Malerei. „Ein Picasso studiert ein Objekt, wie ein Chirurg eine Leiche seziert“, schrieb er. Apollinaire sah in der dargestellten Mehrdimensionalität der kubistischen Formen eine neue „vierte Dimension“ verwirklicht.

Auch in der Literatur schien ihm der Geist des zwanzigsten Jahrhunderts eine neue Bewußtheit zu fordern. „Die wissenschaftliche Sprache steht bereits im tiefen Mißverhältnis zur Sprache der Dichter. Das ist ein unerträglicher Sachverhalt“, heißt es in dem erwähnten Vortrag „Der neue Geist und die Dichter“, der 1918 im „Mercure de France“ abgedruckt wurde. Er polemisierte gegen das Vorurteil, daß es keine neuen Stoffe mehr für die Literatur gäbe: „Man hat meinen Kopf geröntgt. Ich als Lebender habe meinen Schädel gesehen, und das sollte nichts Neues sein?“ Das „Dröhnen eines Flugzeugs“ muß dem Dichter, bewußt machen, daß er künftig seinen „Geist an die Realität“ zu gewöhnen hat. Jedes Ereignis, jede alltägliche Begebenheit kann dichterisch relevant werden. Absolute Freiheit in Themen- und Wortwahl ist Voraussetzung einer synthetischen Darstellungsweise, in der die gesamte Komplexität der Erscheinungs- und Vorstellungswelt umfaßt wird, in der sich die Wahrheitssuche des Dichters dokumentiert.

Das bedeutet nicht, daß die Literatur nur das Bestehende reproduziert; vielmehr stellt sie sich „prophetische Aufgaben“. Sie erfindet neue Fabeln, nachdem Wissenschaft und Technik die alten Fabeln verwirklicht haben: etwa Ikarus’ Flug. Diese „Entdeckungsfahrt“ ins Unbekannte rechtfertigt erst den dichterischen Anspruch.

„Die Überraschung ist die stärkste neue Triebfeder“, schrieb Apollinaire. Sie wird durch die kombinatorische Bildersprache, durch eine gegen den Leser gerichtete Aggressivität erreicht. Das 1912 entstandene Gedicht „Zone“ – der wohl bekannteste Text Apollinaires – ist Anfangsprodukt dieses „neuen Geistes“, den sein Autor proklamiert:

Zuletzt bist du müde dieser veralteten Welt

O Eiffelturm Hirte die Herde der Brücken blökt heute morgen

Du hast es satt zu leben im griechischen und römischen Altertum

Sogar die Automobile sehn hier veraltet aus

Die Religion nur ist neu geblieben die Religion

Ist einfach geblieben wie die Flughafen-Hangars

Ich sah eine hübsche Straße heut morgen ihren Namen vergaß ich

Neu und sauber vor Sonne war sie ein Hornsignal

Die Direktoren die Arbeiter und die schönen Stenotypistinnen

Kommen von Montagmorgen bis Samstagabend dort viermal täglich vorbei

Morgens heult dort dreimal täglich die Sirene

Eine tollwütige Glocke bellt gegen Mittag

Die Inschriften der Firmenschilder und Mauern

Die Straßenschilder die Anschläge kreischen nach Papageienart

Die Anmut dieser Fabrikstraße ist mir lieb

Sie liegt in Paris zwischen der Rue Aumont-Thiéville und der Avenue des Ternes

Erlebtes, Gesehenes und Erinnertes bilden ein Konglomerat, in dem die Sprache neue visionäre Bilder erstellt. So sehr Apollinaires Reflexion Rimbaud verpflichtet ist, findet hier keine totale Zertrümmerung statt. Im Gegenteil: der absoluten schöpferischen Freiheit des „neuen Geistes“ steht ein Ordnungsprinzip zur Seite, das sich aus einer laut Apollinaire echt französischen Verstandesdisziplin rekrutiert. An diesem Punkt sollte dann die Kritik der Surrealisten ansetzen.

Während die theoretischen Schriften Apollinaires zum Teil in deutschen Übertragungen erschienen sind, blieb das poetische Werk bisher größtenteils unübersetzt. Die Luchterhand-Ausgabe ist die erste umfassende. Sie gibt einen ausreichenden Einblick in Apollinaires Werk. Biographische Daten und eine kurze Bibliographie unterstreichen den Charakter der Werkausgabe. Leider fehlen die genauen Entstehungsdaten der einzelnen Texte.

Hauptvorteil der Ausgabe: sie ist zweisprachig. Der Leser bleibt bei seiner Apollinaire-Lektüre glücklicherweise nicht auf die deutschen Übertragungen angewiesen; sonst wäre es auch schlecht um ihn bestellt. Gerd Henniger und seine Mitarbeiter haben sich viel vorgenommen: „Die Übersetzungen versuchen bei größtmöglicher Texttreue eine Wiedergabe der Apollinaireschen Verskunst in ihrer Komplexität. Das erforderte Beibehaltung von Metrum und Reim.“ Die Verbindung beider Komponenten hat zwangsläufig zur Folge, daß beides nicht erreicht wird. Die Forschung, von der doch manches „gern erfahren“ wird, und die Geschichte der deutschen Übersetzung haben hinreichend nachgewiesen, daß Texttreue und Adaption der Verskunst nur in den seltensten Fällen verbunden werden konnten.

Zur Debatte steht die grundsätzliche Frage, die wichtiger ist als der Nachweis inhaltlicher Verschiebungen und sprachlicher Verrenkungen durch metrische Zwänge: die Frage nach der Leistung der Übersetzung. Sicherlich bietet sich der Weg an, mit anachronistischem Sprachgebrauch die Übersetzung in die Entstehungszeit des Originals zurückzudatieren; ein Extremfall dafür ist der spätmittelhochdeutsche Dante. Ein anderer Weg ist die Umdichtung im Sinn Stefan Georges: Die strenge Bindung an das Original wird aufgegeben mit dem Ziel, eine eigene dichterische Form zu finden. Die Übersetzungen der Apollinaire-Texte tendieren in beide Richtungen zugleich.

Kann aber diese Form des Übertragens auf dem Stand des heutigen Sprachbewußtseins der Linguistik und der strukturalen Erkenntnisse noch überzeugen? Sollte nicht Übersetzen jeweils Adaption aus dem aktuellen Sprachbewußtsein heraus sein, sollte es nicht der Versuch einer immer neuen Auseinandersetzung mit dem Original sein? Daran gemessen, können die vorliegenden Übersetzungen nicht überzeugen.

Ses regards laissaient une traîne

D’etoiles dans les soirs tremblants

Dans ses yeux nageaient les sirenes

Et nos baisers mordus sanglants

Faisaient pleurer nos fées marraines

Es ließen ihre Blicke Mähnen

Von Sternen in den Abend schwirren

Im Auge schwammen ihr Sirenen

Und unsrer Küsse blutige Wirrn

Entsetzten unsre Feen zu Tränen

Die Paraphrase wird unvermeidlich. Sie verstellt den Weg zum Original. Ihre Gefährlichkeit liegt in der kaum spürbaren Verschleierung, in der Poetisierung des Poetischen. Manchmal sind es nur leichte gezierte Umstellungen, die etwas erzeugen, etwas mitschwingen lassen, was im Original nicht da ist, zum Beispiel die schon zitierten Zeilen aus „Zone“:

A la fin tu es las de ce monde ancien

Zuletzt bist du müde dieser veralteten Welt

J’aime la grâce de cette rue industrielle

Die Anmut dieser Fabrikstraße ist mir lieb

Bleibt die Möglichkeit der Prosaversion, die sich besonders bei zweisprachigen Ausgaben anbietet. Sie könnte die Inhalte vermitteln, die bei Apollinaire trotz der Einheit von Form und Inhalt wiederzugeben sind, sie könnte wörtlich sein; denn Metrum, Reim sind unübersetzbar, selbst die Syntax – es sei denn, man fühlt sich imstande, so zu übersetzen, wie Mallarmé die Gedichte Poes übersetzt hat.