Bürgerpräsident Gustav Heinemann auf Staatsbesuch in den Niederlanden

Von Rolf Zundel

Amsterdam, im November

Für den Bürgerpräsidenten schien kein Bedarf. Vom ersten Augenblick an, als Gustav Heinemann mit Cut und Zylinder dem Sonderzug in Amsterdam entstieg und von der Königin der Niederlande willkommen geheißen wurde, regierte das strenge Protokoll des Staatsbesuchs. Der Bundespräsident, der sonst umständliche Zeremonien gern als "Gedöns" abtut und den unmittelbaren, mitunter formlosen Kontakt mit den Menschen sucht, repräsentierte für höhere Zwecke. Er trug zum erstenmal in seinem Leben Cut und Orden, und er bewegte sich, wie das Protokoll es befahl. Wenn ihm das schwerfiel, so ließ er es sich zum mindesten nicht anmerken. Er habe Respekt vor Traditionen, erklärte Gustav Heinemann, sofern sie ungebrochen seien.

Traditionen sind in den Niederlanden in der Tat sehr zählebig, das haben auch die Deutschen zu spüren bekommen: Sie waren in den Niederlanden lange Zeit nicht gern gesehen. Heinemann ist das erste deutsche Staatsoberhaupt, das seit einem dreiviertel Jahrhundert, seit 1891, als Kaiser Wilhelm mit "Heil Dir im Siegerkranz" empfangen wurde, offiziell die Niederlande besucht. Für viele Holländer verbinden sich mit der Nationalhymne der Bundesrepublik, die am ersten Tag des Besuches gleich dreimal gespielt wurde, bittere Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, an die Zeit der deutschen Besetzung. Und es gab auch jetzt noch holländische Journalisten, die glaubten, der Text dieser Nationalhymne laute: "Deutschland, Deutschland, über alles ...".

Gewiß, die politischen Kontakte zwischen den beiden Ländern sind lange schon eng, die Interessen decken sich weitgehend. Der Handel floriert: Die Bundesrepublik ist der wichtigste Handelspartner der Niederlande. Insoweit sind die Beziehungen seit Jahren normal. Trotzdem ist in den Niederlanden eine spürbare Distanz zum großen und oft als bedrohlich empfundenen Nachbarn geblieben. Völker vergessen langsam, und die Niederländer haben ein besonders gutes Gedächtnis.

Wenn man sie fragt, was sie über den deutschen Staatsbesuch denken, so zeigt sich hie und da noch Unbehagen. "Wenn schon der Bundespräsident unbedingt kommen mußte", sagte einer, "warum mußte er ausgerechnet am Nationaldenkmal – es ist der Befreiung des Landes von der deutschen Besetzung geweiht – "einen Kranz niederlegen? Hätte man nicht wenigstens darauf verzichten können?" Er sagte dies nicht ohne Grund: Sein Vater war von den Nazis erschossen worden. Aber solche Stimmen waren sehr selten. "Warum sollte er denn nicht kommen?" meinte ein junges Mädchen voll ehrlicher Verwunderung. "Heinemann ist uns immer willkommen", erklärte eine Frau mit resoluter Stimme. Die holländische Presse hat denn auch einhellig den Besuch des Präsidenten, wenn auch nicht gefeiert, so doch begrüßt.

Überschwengliche Begeisterung war nicht zu erwarten: Davon haben die Holländer auch bei anderen Staatsbesuchen nur wenig gezeigt. Aber als der Präsident hinter einem Vortrab farbenprächtig gekleideter Reiter zusammen mit der Königin sechsspännig in der offenen Karosse zum Schloß rollte, war nirgendwo Protest zu hören. Hinter einem Spalier von Soldaten stand die Bevölkerung in zwei oder drei Reihen, am Schloß warteten ein paar Tausend in mäßig temperierter Neugierde. Ein junger Mann rief: "Der Kaiser kommt." Aber niemand nahm ihn ernst. Die Zuschauer versicherten den deutschen Journalisten: "Der wollte sich nur wichtig machen."

Das war vielleicht das Entscheidende dieser Tage: Es wurden keine Emotionen aufgewühlt. Schlagzeilen am Tage der Ankunft des Bundespräsidenten machten immer noch die Mondfahrer. Für viele Holländer scheint dieser Staatsbesuch aus Bonn ein Besuch zu sein wie viele andere, ein normales Ereignis. Und diese Feststellung mag am Ende mehr bedeuten als gefälliges Fähnchenschwenken und leichtlebiger Jubel.

Hieße der Bundespräsident nicht Gustav Heinemann, wäre es kaum so gewesen. Er ist, wie die Zeitung Het Vrije Volk schrieb, für die Holländer ein Repräsentant "des anderen Deutschland" – ein Mann, der Respekt und Achtung verdient. Er mußte der Vergangenheit nicht ausweichen, er suchte vielmehr mit Vorbedacht jene Gedenkstätte auf, die an ein besonders schlimmes Verbrechen erinnert, das im Namen Deutschlands verübt worden ist.

Nicht zu früh gekommen

Im alten jüdischen Viertel von Amsterdam steht die prächtige Fassade eines Hauses, "Hollandse Schouwburg" genannt. Etwa 100 000 Juden lebten vor dem Krieg in dieser Stadt, nicht nur toleriert, sondern als Mitbürger geschätzt und anerkannt. Im September 1941 wurde ihnen von den Nazis der Besuch von Theatern, Konzerten und Kinos verboten. Darauf richteten die Juden in der Schouwburg ihr eigenes Theater ein. Ein Jahr später begann die "Endlösung der Judenfrage", auch in Holland. Das Theater wurde geschlossen und als Sammelplatz für die Transporte ins KZ benutzt. Für die meisten der ermordeten Amsterdamer Juden wurde die Schouwburg Durchgangslager zum Tod.

Hinter der Fassade öffnet sich heute ein freies Geviert, von Mauerresten umgeben. Über sie weg geht der Blick auf eine Baumgruppe und auf Hinterhöfe. An der Begrenzung des Gevierts ragt ein schlichter Obelisk auf, der an das Schicksal der Ermordeten erinnert. Dort legte der Bundespräsident ein kleines Gesteck weißer Nelken nieder. Nur seine Frau und das Königspaar begleiten ihn dorthin: Das offizielle Gefolge war zurückgeblieben.

Auch in Rotterdam, dessen Innenviertel 1940 durch einen deutschen Bombenangriff eingeäschert würde, mußte sich der Bundespräsident mit der Vergangenheit auseinandersetzen: Er besuchte die damals zerstörte und nach dem Krieg wieder aufgebaute St.-Laurentius-Kirche. Gerade diese Stadt aber ist auch das beste Beispiel dafür, daß die Niederländer nicht nur an ihren Traditionen hängen, sondern auch zukunftsoffen ihre Chancen von morgen wahrnehmen.

Rotterdam ist heute der größte Hafen der Welt. 120 Millionen Tonnen Güter werden dort jedes Jahr umgeschlagen. Weit hinaus ins Meer erstreckt sich der Europahafen. Der Seehimmel ist immer noch so, wie ihn die alten Niederländer gemalt haben: graue Wolken und ein kleines Stück blauer Himmel, vom Winde aufgerissen. Aber statt Windmühlen und Segelschiffen sieht man jetzt die Silhouetten von Riesentankern und Containeranlagen. Hinter riesigen Öltanks erheben sich die bizarren Metallstrukturen der Raffinerien. Rotterdam, an der Mündung von Maas und Rhein gelegen, ist der wichtigste. Umschlagplatz der europäischen Wirtschaft geworden. Das Einzugsgebiet dieses Hafens reicht weit nach Belgien und Deutschland hinein. Hier denkt und plant man für morgen, für Europa.

Im Rotterdamer Rathaussaal, mit Teppichen ausgelegt und riesigen Blumenarrangements vor schwerer Eichentäfelung, wurden dem Präsidenten und der Königin die Notablen der Stadt vorgestellt. Von Förmlichkeit war nur wenig zu spüren. Ein paar Schritte entfernt von der Präsidentengruppe hielt Außenminister Luns Hof, unübersehbar in seiner mächtigen Gestalt. Mit erhobenem Zeigefinger dozierte er, unterbrach sich für einen Augenblick, um alten Bekannten die Hand zu schütteln, neigte sich von seiner Höhe herab, um einer Dame die Hand zu küssen, und fuhr dann fort in seinem Vortrag.

Hier erst in Rotterdam wurde vielleicht am freimütigsten, aber auch am herzlichsten gesprochen. "Hier in Rotterdam", sagte der Bürgermeister Thomassen zu Heinemann, und er spielte dabei auf die Neigung des Präsidenten an, zu Verabredungen oft zu früh zu kommen, "hier in Rotterdam kommen Sie nicht zu früh". So deutlich hat das sonst niemand gesagt. Die Notwendigkeit europäischer Zusammenarbeit demonstrierte der Bürgermeister an einem drastischen Beispiel am Rhein: "Die Abwässer zahlreicher Industriewerke haben den Rhein zu einer europäischen Kanalisationsröhre gemacht", erklärte er. "Aber wir müssen das Rheinwasser trinken." Die Königin verschluckte sich fast vor Lachen.

Genau nach Vorlage

Solche Späße erlaubte sich der Bundespräsident nicht. Er hat sich in allen Reden sehr genau an seinen Text gehalten, sein öffentliches Auftreten entbehrte des schwungvollen Worts und der großen Geste. Er ist kein Toscanini unter den Präsidenten, und immer noch meint man eine gewisse Scheu vor großen Auftritten bei ihm wahrzunehmen. Aber seine Worte wirken. Eleganz mag nicht seine Sache sein. Aber seine unprätentiöse Würde beeindruckt. Und auch an der Galatafel beim small talk mit den gekrönten Häuptern, wenn das Kerzenlicht sich im getriebenen Silber spiegelt und wenn kostbare Weine gereicht werden, hat der Präsident eine gute Figur gemacht. Die Holländer sind ihm dabei überall freundlich entgegengekommen. Deutsch war an der Tafel die Konversationssprache.

Heinemann hat bei seinem Besuch in den Niederlanden die deutsche Geschichte noch einmal absolvieren müssen. Aber nach diesem Pensum, so scheint es, ist manches in den beiderseitigen Beziehungen leichter geworden. Es ist wohl auch kein Zufall, daß die zweite Hälfte des Staatsbesuchs weniger der strengen Politik gewidmet war als der Gastfreundschaft und der Information. Dem Bundespräsidenten wurde gezeigt, was dieses Land hervorgebracht und geleistet hat: die Delta-Werke in Südholland, ein riesiges System von Deichen, das die Küsten vor Katastrophen schützen soll, der Europahafen, ein Umschulungszentrum für Erwachsene, landwirtschaftliche Betriebe, eine Blumenversteigerung und die Rembrandt-Ausstellung.

Die Niederlande, die oft so zäh am Hergebrachten festhalten, sind eben auch eines der modernsten Länder Europas. Landgewinnung, Städtebau, Sozialplanung, in vielem sind die Holländer Vorbild, Schrittmacher des europäischen Fortschritts; und das Gefühl ist weitverbreitet bei ihnen, daß die europäische Zukunft Gemeinsamkeit verlangt. Diese gemeinsame Zukunft, in vielen Reden vom Bundespräsidenten und von den Gastgebern beschworen, verbindet die Länder. Sie ist eine solide Basis vertrauensvoller Zusammenarbeit. Insofern war der Staatsbesuch des Bundespräsidenten keineswegs nur eine Reise in die Vergangenheit.