Geheimdienste – gar nicht so streng geheim

Von Alexander Rost

Kenneth Strong: „Geheimdienstchef in Krieg und Frieden“; Paul Zsolnay Verlag, Wien l969; übersetzt von Dietrich Schlegel; 326 Seiten, 25,– DM.

Janusz Piekalkiewicz: „Spione, Agenten, Soldaten“; Südwest Verlag, München 1969; 527 Seiten, 24,– DM.

Gert Buchheit: „Die anonyme Macht“; Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion, Frankfurt a. M. 1969; 373 Seiten, 29,– DM.

Louis Hagen: „Der heimliche Krieg auf deutschem Boden. Seit 1945“; aus dem Englischen von Egon und Liselotte Eis; Econ Verlag, Düsseldorf 1969; 325 Seiten, 20,– DM.

Männer, die aus der Kälte des Geheimdienstes kamen, plaudern an Kaminen oder geben Statements im Fernsehen. Historiker wagen sich auf ein Feld der Forschung, auf dem die Aktenlage unsicher wie dünnes Eis ist und wichtige Dokumente im Rachen des Reißwolfs verschwunden und, kleingeheckselt, im Ofen verbrannt sind. Journalisten versuchen, im Rinnsal aktueller Informationen zu fischen. Schriftsteller nebst Verlegern erliegen weiterhin der Suggestion eines Themas, dessen Bestseller-Chance im Präfix „geheim“ stecken soll. Und so kommt Buch zu Buch und Buch zum Film über Spionage und Sabotage und Anverwandtes.

Vieles entspringt der Phantasie. Manches ist aufgeblasen vom Gerücht wie ein Luftballon, an dem leichtgewichtige Fakten hängen. Weniges hat Lese-, noch weniger hat Nutzwert, wenn man versucht, militärischen, diplomatischen und politischen Entscheidungsprozessen in Geschichte und Gegenwart auf den geheimen Grund zu gehen. Das liegt simpel daran, daß, wie Kenneth Strong statuiert, „eine öffentliche Diskussion über den Geheimdienst durch die unvermeidlich geheime Natur des Gegenstandes behindert“ wird.

Der Generalmajor a.D. Sir Kenneth Streng räumt aber ein: „Es ist jedoch ungesund und nicht wünschenswert, daß es keine öffentliche Debatte oder Betrachtung über eine solche Einrichtung geben soll... für die schließlich öffentliche Gelder bereitgestellt werden.“ Solcher Satz, hingeschrieben von einem (wenn auch ehemaligen) Chef im Geheimdienst, ist selbst schon ein Beitrag zur freimütigen Erörterung; denn er ermuntert die Kontrollinstanzen in der Öffentlichkeit, das angeblich „heiße Eisen“, das zuweilen zwar nur Blech ist, anzupacken oder den Geheimdienst doch in prüfenden Blick zu nehmen. Ansonsten freilich, was sein ureigentliches Metier angeht, bleibt Kenneth Strong recht wortkarg. Er berichtet einiges über den Geheimdienst; aber er holt kein Geheimmaterial aus einer dunklen Kiste der Zeitgeschichte ans kritische Licht der Gegenwart.

„Bedeutsame“ Trivialitäten

Kenneth Strong, Sohn eines Pädagogen, armer Leutnant in einem sich feudal gerierenden schottischen Regiment, machte Karriere mittels Intelligenz im doppelten Sinne dieses Wortes, das im Englischen als Intelligence eben ein Synonym für „geheimer Nachrichtendienst“ ist. Er war von 1937 bis kurz vor Ausbruch des Krieges Gehilfe des britischen Militärattachés in Berlin und avancierte zügig zum Leiter des Nachrichtendienstes des Alliierten Oberkommandos in Europa. Und weil, wie er schreibt, „viele der ranghöchsten Offiziere, die über meine Zukunft zu befinden hatten, jene britischen Offiziere scheel ansahen, die eng mit Eisenhower und den Amerikanern zusammengearbeitet hatten“, zog er die Uniform aus und blieb als Zivilist in geheimen Diensten, zuletzt, von 1963 bis 1966, als Generaldirektor im britischen Verteidigungsministerium. Er kannte sich also aus. Namen über Namen fallen; aber er berichtet nicht von irgendwelchen „Fällen“.

Er hat teils private, überwiegend jedoch privatdienstlich gestimmte Memoiren geschrieben. Der aufmerksame und mit einigen Vorkenntnissen versehene Leser kann ihnen eine Fülle von Details entnehmen, die manches Bild aus der Kriegszeitgeschichte in Nuancen zurechtrücken oder doch schärfer konturieren. Man erhält en passant einen Einblick in die Denkweise allzu konservativer britischer Militärs; und man ist bestürzt, wieviel uniformierte Borniertheit vor Kriegsausbruch freilich nicht nur in England sich breitgemacht hatte. Der intelligente Kenneth Strong, durchaus Soldat, doch kein „Kommißkopp“, gibt sodann eine instruktive Darstellung seiner Arbeit mit Eisenhower und dessen Stabschef Bedell Smith; von beiden hält er große Stücke. Über seine Tätigkeit nach dem Kriege sagt er so gut wie nichts. Aber trotz seiner allgemeinen Fassung ist das Schlußkapitel über „Geheimer Nachrichtendienst und Regierung“ schon qua Autor sehr aufschlußreich.

Wiederholt fordert er von den Geheimdiensten engen Kontakt zu den wichtigsten Politikern und genaue Kenntnis der jeweiligen politischen Interessen; denn: „Ohne diese Kenntnis wird immer die Gefahr bestehen, daß Spektakuläres und Triviales als bedeutsam präsentiert werden.“ Er warnt vor dem Mißverständnis, daß „die verborgenen Seiten des Nachrichtendienstes so viel Publizität erhalten, daß Politiker und Beamte, die es besser wissen sollten, aber natürlich auch die Öffentlichkeit, nur in den Begriffen der zwar verrufeneren, dafür aber weniger wichtigen Aktivitäten denken, wenn vom Nachrichtendienst die Rede ist“. Und er betont: „Der größte Teil der modernen Nachrichtendiensttätigkeit beruht auf offen zugänglichem Material.“ Kenneth Strong trägt dazu bei, den Geheimdienst zu entmythologisieren.

Janusz Piekalkiewicz, ein Pole, der in Paris lebt, hat hingegen noch einmal das Panorama der Spionage mitsamt anderen (so der Untertitel) „Geheimen Kommandos im Zweiten Weltkrieg“ ausgebreitet. Es ist ein Buch, das auf den ersten Blick Mißtrauen erregt, ob da die alten Geschichten neu geschminkt werden. Doch das Mißtrauen verflüchtigt sich, sobald man die zwar farbigen, dabei aber fundierten Texte mit vielen Augenzeugenberichten liest und die Hunderte von bislang unbekannten Photos sieht. Dieses Buch ist aus einer Fernsehreihe des Autors entstanden; für einen dieser Filme, über das britische Kommandounternehmen auf die Schleusen von St.-Nazaire in der Nacht zum 26. März 1942, hat Janusz Piekalkiewicz übrigens beim Internationalen Fernseh-Festival in Monte Carlo 1969 den ersten Preis für die beste zeitgeschichtliche Dokumentation erhalten.

Es sind immer wieder die vielen nüchternen und gerade deshalb aufregenden Photos, die zum Beispiel der schon hundertmal erzählten Geschichte vom französischen Resistance-Netz „Interallie“ mitsamt der „Katze“ genannten Doppelagentin Mathilde Carré nicht nur frischen Reiz, sondern mehr Eindringlichkeit geben. Und so umstritten manches, wie zum Beispiel der Absturz der Liberator „AL 523“ mit dem polnischen General Sikorski in der Nacht zum 5. Juli 1953 vor Gibraltar, auch geblieben ist – es gibt, in dieser populären Form, keine spannendere und dabei exaktere Geschichte über die geheimen Aktionen, in denen Spionage und Sabotage eine Rolle gespielt haben, zu denen aber auch Unternehmen wie die Arbeit deutscher Wettermeldetrupps in der Arktis zählten.

Spione, Agenten, Soldaten – die Grenzen haben sich im Zweiten Weltkrieg verwischt; und die Begriffe vom Geheimdienst, vom Nachrichtendienst und die Vorstellungen von seinen Methoden und Aufgaben sind mittlerweile unscharf geworden. Da ist eine Untersuchung, die wissenschaftlichen Anspruch erheben darf, bitter nötig. Jetzt liegt sie, als erste dieser Art in Deutschland, in aller Ausführlichkeit vor: „Die anonyme Macht“, eine mit Fleiß und Fachverstand verfaßte Arbeit von Gert Buchheit. Als engagierter Historiker abseits herkömmlicher Ordinarien hatte er zuletzt über die Geschichte der militärischen Abwehr in Deutschland geschrieben. Vom kritischen Referieren tat er nun den Schritt zur methodischen Überlegung und Fixierung.

Die Überschriften über die Abschnitte und Kapitel des Buches machen es deutlich: „Die Funktionen des Geheimdienstes“; eine Charakterisierung der „Geheimdienste gestern und heute“ in verschiedenen Mächten; „Agenten: Anwerbung, Ausbildung, Einsatz“; „Der Doppelagent“; „Der Beeinflussungsagent“; „Der Warteagent“; „Die Kryptologie“, über Chiffriersysteme und Codes also; „Grundvoraussetzungen moderner Nachrichtenauswertung“ und Lehrstücke „Aus der Praxis der Geheimdienste“ und so weiter und so fort. Das hört sich seminarstaubtrocken an; in der Natur der Sache jedoch liegt es, daß dieses Buch, das man nicht einfach lesen kann, sondern ein wenig schon studieren muß, gegen Langweilerei gefeit ist.

Es beeindruckt mit der Masse des Materials, mit Zahlen, Daten, Namen, Thesen, Regeln. Ein umfangreicher Apparat mit Literatur- und Quellenangaben stützt die Behauptungen ab. Daß der Rezensent, trotz dessen Forderung, Nachrichtendienst von journalistischer Tätigkeit strikt zu trennen, ausgerechnet in diesem Zusammenhang als ein „früherer Mann der Branche“ bezeichnet wird (obwohl er einst mit Geheimmaterial nicht mehr oder weniger zu tun hatte als viele junge Seeoffiziere), ist ein Fehler in der Fülle des Stoffs. Man mag es als Indiz dafür nehmen, wie man als außenstehender Kritiker unversehens in den kritisierten Kreis einbezogen wird (das ist eine leidige Beobachtung, die Journalisten auf fast allen Gebieten immer wieder machen müssen). Und es sei Anlaß, hier noch einmal vor der verhängnisvollen Nähe zu warnen, in die der friedfertig Nachrichten sammelnde Journalist von manchen Geheimdienstbeamten oft gerückt wird.

Zuweilen waren Journalisten tatsächlich besser informiert als betriebsblinde Geheimdienstler. Oft haben sie entscheidende Entwicklungen früher und schärfer gesehen; und die Warnung vor dem Bau der Mauer in Berlin, den Hinweis auf die damals explosive Lage in der Deutschen Demokratischen Republik hat ein nicht unbekannter deutscher Zeitungsverleger während eines Besuches in Washington ziemlich im Gegensatz zur damaligen Ansicht der CIA vorgebracht. Immer wieder haben besonders Auslandskorrespondenten sich der Aufforderung, Informationen nicht nur an ihre Redaktionen zu liefern, entziehen müssen. Unterließen sie’s, waren sie nicht selten, um es mild zu sagen, gelackmeiert. Daher sei abermals darauf gedrungen: Journalistenarbeit soll sich von Agententätigkeit unterscheiden wie Feuer von Wasser.

Vehikel für Verschwörungen

Dies ändert selbstverständlich nichts daran, daß auch Geheimdienste ein journalistisches Thema sein können und müssen. Man darf nicht zulassen, daß geheimdienstliche Unternehmen womöglich mehr schaden als nutzen und daß die Politiker in einer Mischung von Respekt und Unkenntnis dem Nachrichten-Establishment allzu freie oder gar falsche Hand lassen. „Ein Nachrichtendienst ist das ideale Vehikel für eine Verschwörung“, hat jemand gesagt, der es wissen mußte, der amerikanische Geheimdienstchef Allen Dulles. Es ist ein Satz wie ein Menetekel. Und was berechtigten und falschen Respekt und vor allem Unkenntnis betrifft: Gert Buchheits Buch sollte für Parlamentarier wie für Leute in den Exekutiven eine Pflichtlektüre sein. Hier wird Problematik nicht überspielt. Die Tatsachen, wohlgeordnet, mit wissenschaftlichen Kriterien aufbereitet, sorgen für die Basis einer gerechten Beurteilung.

Zu solcher Art Gerechtigkeit gehört unter anderem, daß man sich bewußt bleibt, wie wenig ein vernünftig geführter Geheimdienst mit seinen Erfolgen an die Öffentlichkeit treten kann. Wenn es Lärm gibt, ist das fast durchweg die Folge von Pannen, Affären, Skandalen. Ihre Art und ihre Häufigkeit bieten allerdings oft genug die Möglichkeit, den Geheimdiensten und ihrem Nutz- oder Unnützeffekt überhaupt auf die Spur zu kommen. Und außerdem bieten sie, auch und gerade, wenn sie des Vordergründig-Sensationellen entkleidet werden, einen Lesestoff, der mit Romanen konkurrieren kann. Das trifft zu für Louis Hagens Report über den „heimlichen Krieg auf deutschem Boden seit 1945“, überwiegend in den Jahren des kältesten Krieges, als in Deutschland, wie Kenneth Strong im Vorwort schreibt, „sämtliche Voraussetzungen für die Entwicklung einer regen Spionagetätigkeit vorhanden“ waren.

Ein Weg zum Frieden

Die Organisation Gehlen, der Fall Felfe, der Fall Otto John (zu dem Louis Hagen ein bißchen apologetisch Stellung nimmt), die Exilspionage der Ukrainer und besonders die Spionageangriffe aus dem Osten werden in Fällen, die ihrerzeit Schlagzeilen in den Zeitungen machten, ausführlich und über die Tagesberichterstattung hinausgreifend dargestellt. Mit „Spionagefieber“ ist auch das Kapitel über die „Spiegel“-Affäre überschrieben. Und den Schluß des Buches bildet sein bestes Stück: ein Nachwort von Hans Detlev Becker, des auf diesem Gebiet wohl am besten informierten deutschen Publizisten, der rigoros mit Vor- und Fehlurteilen aufräumt.

Das stets faszinierende und immer wieder von der Kolportage vergewaltigte Thema „Geheimdienst“ ist in jedem der vier Bücher, von denen hier zu berichten war, in wohltuender Ferne vom Phantastischen behandelt worden, erzählend, erinnernd, analysierend. In jenem Nachwort von Hans Detlev Becker wird nicht bloß das übliche Fazit gezogen. Es wird ein Punkt gesetzt und ein Richtungsschild aufgestellt: „Spionage als Weg zum Frieden.“ So paradox das klingen mag, es stimmt – wenn man statt „Spionage“ das Wort „Nachrichtendienst“ setzt und damit nicht bloß Tarnung betreibt, sondern mit dem Wort auch dessen Charakter wechselt.

Das bedeutet unter anderem, daß die geheimen Dienste nicht so furchtbar geheim bleiben werden, wie man sie gemacht hat.