Die gleicherweise notwendigen Tendenzen einerseits zur zunehmenden Vermehrung technokratischer Elemente und andererseits zur zunehmenden Demokratisierung der Entscheidungsprozesse in der Gesellschaft bedürfen dringend der Entwicklung von humanen Gesamtkonzeptionen, welche die jeweiligen Spielräume und die Möglichkeiten eines sinnvollen Zusammenspiels berücksichtigen.“

Mit solcher Sprachartistik versuchte unlängst die von internen Meinungs- und Interessengegensätzen verunsicherte „Gesellschaft für Zukunftsfragen“ (GfZ) eine gemeinsame Handlungsbasis wiederzufinden. Der Entwurf ihres „Aktionsprogramms“, vorgetragen auf der Münchner Futurologentagung „Systems 69“, sollte mit seinem Angebot an Regierung und Bundestag, die GfZ als „Koordinationszentrum für die gesamte Zukunftsforschung“ tätig werden zu lassen, der politische Clou dieses „Internationalen Symposiums über Zukunftsfragen“ werden.

Daß die erhoffte Wirkung – jedenfalls im tausendköpfigen Plenum des Kongresses – ausblieb, war nicht zuletzt der Aktivität einer winzigen Minderheit (Berliner Soziologiestudenten) zuzuschreiben, die schon in den ersten Kongreßstunden dafür plädiert hatten, die mühsam verdeckten Streitfragen, die mit den Schlagworten „Technokratie“ und „Demokratisierung“ nur recht unvollkommen gekennzeichnet sind, zum Zentralthema des Kongresses zu erheben.

Der mutig, wenn auch zunächst etwas unbeholfen unternommene Vorstoß, vom wissenschaftlichen Tagungsleiter Professor Karl Steinbuch sogleich als „Umfunktionierungsversuch“ erkannt und von der breiten Mehrheit als lästiges bis unverschämtes Störmanöver empfunden, hatte, wenn auch nicht den beabsichtigten, so doch einen viele überraschenden Erfolg: Am Ende gab es eine respektable und überaus fleißige Opposition, die auf 150 bis 200 Mitstreiter und Sympathisanten verweisen konnte, mit denen sie zwar den Verlauf der Tagung nicht wesentlich beeinflußt, ihrer öffentlichen Wirkung aber deutliche Akzente verliehen hatte.

Ein unvoreingenommener Beobachter der sechs Tage „Systems 69“ wird den von engagierten und diskutierfreudigen jungen Leuten möglicherweise erzielten Bremseffekt positiv beurteilen – im Hinblick auf den Kongreß, vor allem aber auch im Hinblick auf die erklärten Ziele der Gesellschaft für Zukunftsfragen. So wahr es ist, daß die Bundesrepublik in der Zukunftsforschung weit zurückhängt, so verfehlt wäre es, durch Ausklammern gesellschaftlicher Antagonismen überstürzte Aktionen zu ermöglichen. Wer Demokratisierung will, braucht Öffentlichkeit – für seine Konflikte ebenso wie für sein Programm.

Auf eine so weit gefaßte Öffentlichkeit hatten es die Organisatoren der Tagung allerdings noch nicht abgesehen. Sie verfuhren vielmehr zu ihrer Entlastung nach einem System der Arbeitsteilung, das Karl Steinbuch, wo immer er in Bedrängnis geriet, auf die Formel zu bringen pflegte: Wir präsentieren hier nur die Daten – Konsequenzen daraus zu ziehen ist Sache der Politiker.

So wurde denn dem Kongreß in täglich vier Fachvorträgen eine kaum überschaubare Fülle von Daten, Prognosen und Modellen aus so wichtigen Bereichen wie Chemie und Energie, Information und Instruktion, Raumordnung und Raumfahrt vermittelt – aber nieder versprochene Einblick in „die zukünftige Entwicklung der naturwissenschaftlich-technischen Kultur“. Die Referenten blieben eingemauert in ihr Fachgebiet. Sie analysierten unermüdlich ihre eigenen methodischen Probleme, aber nur am Rande die der Zukunftsforschung. Die vom Kongreßprogramm angekündigte ausführliche Darstellung der „Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Sachgebieten“ ersetzten sie durch die Feststellung, es fehle noch an interdisziplinärer Forschung. Ansonsten praktizierte „Systems 69“ die sektorale Informationsgliederung so streng, daß selbst über die Städte von morgen und ihre Verkehrssysteme von getrennten Fachgruppen an verschiedenen Tagen diskutiert wurde.

Trotz dieses Verlaufs wird niemand annehmen wollen, daß die erfahrenen Wissenschaftsmanager von „Systems 69“ ernsthaft die Aussparung eines politikfreien Raums bei der Erforschung der Zukunft für möglich halten. Ob es nun Taktik, Unsicherheit oder pädagogisches Vorurteil war, was sie bewog, die Arbeitshypothese von der Teilung der futurologischen Gewalten zu proklamieren und den Kongreß im wesentlichen als Informationslieferanten für die Exekutive in Staat und Wirtschaft aufzuziehen – eine Fehleinschätzung der gegenwärtig in der Bundesrepublik geführten Diskussion über Zukunftsfragen lag ihrer Entscheidung in jedem Fall zugrunde. Da diese Diskussion nur intensiver werden kann, gehört nicht viel Phantasie zu der Voraussage, daß das Treffen „Systems 71“, das bereits angekündigt wurde, weniger akademisch in der Form und wesentlich politischer im Inhalt sein wird: Sektorale Datenvermittlung und Trendbestimmung werden zurücktreten zugunsten demonstrierter interdisziplinärer Zusammenarbeit, die ja, demokratisch geplant, stets auch Entscheidungsprozeß ist. Peter W. Tügel