„Schmetterlinge weinen nicht“, Roman von Willi Heinrich. Der Titel trifft so gut wie nichts: Die zwanzigjährige Cilly, die einen reichen, soliden Fünfziger zur Scheidung bewegen möchte, ist mehr eine Kreuzung aus Schlange und Gans als ein Schmetterling, außerdem weint sie durchaus, wenn der Liebhaber Widerstand leistet. Eher könnte der Roman „Petting mit Heinrich“ heißen, streckenweise liest er sich wie eine Anleitung für Fortgeschrittene. Außerdem läßt sich bei Heinrich lernen, wie man durch geduldiges Beharren auch mit Stummelsätzen (Stilvorbilder „Bild“ und „DM“) Zeilen schinden kann. Ein ganz und gar beliebiges Beispiel (Seite 249): „Wie sie überhaupt auf diesen blödsinnigen Einfall gekommen war. Ohne zu bedenken, wohin er führen mußte. In welche peinliche Situation. Mit welchen peinlichen Konsequenzen. Nur weil es damals für den Augenblick der bequemste Weg war. Der undramatischste. Der scheinbar unproblematischste. Und weil das bevorstehende Zusammentreffen mit Karl alles andere hatte nichtig erscheinen lassen. Belanglos und nicht aktuell. Weil sie nichts anderes mehr im Kopf gehabt hatte. Und auch jetzt schon an nichts anderes mehr denken konnte. Nur noch besessen war von dem Wunsch, wieder bei ihm zu sein. Bei ihm zu liegen. Neben ihm im Wagen zu sitzen. Wieder mit ihm nach Morcote zu fahren. Nach Bissone und Capalago. Und sie würde auch wieder mit ihm hinfahren (C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh; 447 S., 19,80 DM)

Christa Rotzoll

„Museum des Hasses – Tage in Manhattan“, von Jürg Federspiel. Ein Schweizer findet in diesem Buch über New York gelegentlich manch hartes Wort für die provinzielle Borniertheit der Schweizer und übt sich mit diesem Buch in der guten alten Literatur, womit er sogleich seinen eigenen Beitrag zum Beweis der Richtigkeit der eigenen harten Worte über die Schweizer leistet. Der Titel dieser Aufzeichnungen verspricht mehr, als diese halten. Es handelt sich um allerlei kleine Impressionen und Reflexionen, die eher ihren Autor Federspiel als dessen Gegenstand, die Stadt New York, betreffen. New York und Haß, das ist eine gegenwärtig schon beinahe automatisch sich einstellende Assoziation. Die Gründe dafür werden in diesem Buch allerhöchstem gestreift. Das dürfte mit der Scheu des Autors zusammenhängen, sich den wirklichen Erfahrungen auszusetzen, die diese Stadt zu bieten hat. Wer davon etwas hören will, muß schon zu Jan Cremers „Made in USA“ greifen. Federspiels Buch liest sich, als ob sein Verfasser aus Scharans (Domleschg) nie herausgekommen wäre, während Jan Cremer seine Augen nicht nur im Kopf hat, sondern sie auch benutzt. (R. Piper & Co Verlag, München; 272 S., 15,– DM)

Helmut Salzinger

„Versuch schweizerischer Gedichte“ von Albrecht von Haller. Die Welle der Neudrucke hat nun auch den „Alpen-Haller“ (1708–1777) erreicht: In photomechanischer Wiedergabe liegt die neunte Auflage (Göttingen 1762 seines berühmten Buches vor, mit Gedichten von 1725 bis 1756, einem Anhang mit bisher unpublizierten Gedichten und einem Nachwort von Josef Hebling. Ihren. Höhepunkt hat die Nebenstunden-Dichtung des Berner Arztes und Göttinger Professors, des Physiologen, Botanikers und Universalgelehrten in der Lehrdichtung „Die Alpen“. 1728 hatte er mit seinem Kommilitonen Johannes Gessner die Alpen bereist; die Rechtfertigung dafür, den „niederen“ Stoff (Berge, Landleben, die einfachen Älpler) zum poetischen Thema zu machen, holte er sich aus Vergils „Georgica“, und als Form wählte er zehnzeilige Alexandriner-Strophen. Das Resultat ist noch weit entfernt von „Naturlyrik“ im späteren Sinn; die Verse sind rhetorisch, pompös, voller literarischer und gelehrter Topoi – man spürt: Haller bedenkt in artig gezimmerten Versen die Alpen. Dennoch liegt ein Hauch von rousseauscher Sehnsucht über dem Gedicht, das das einfache Leben und die Sittenreinheit der Bergbewohner gegen die höfische Kultur und den „eitlen Tand“ der galanten Stadtwelt ausspielt: „Die mäßige Natur allein kann glücklich machen Ein zeitgenössischer Kritiker sagte über die „Versuche schweizerischer Gedichte“, sie seien „wohlgeraten“; die „Gedanken sind meistenteils neu, erhaben und gründlich, die Worte wohlgewählt und nachdrücklich, und die Reime rein und fließend“. Der Kritiker hieß Gottsched und hatte recht. (Verlag Herbert Lange & Cie, Bern; 360 S., 80,– DM)

Jörg Drews