Ein unruhiger Herbst – Kulissendonner hinter der Bühne

Von Otto F. Beer

Als Wien im Jahre 1966 seine Bewerbung um die Olympiade zurückzog und schließlich der Zuschlag an München erfolgte, registrierte man dies mit einer gewissen Schadenfreude. Denn die Olympiaveranstaltungen in München zu besuchen, sei eine Sache von wenigen Stunden. Aber die Mühe, eine ganze Stadt umzubauen und auch noch eine U-Bahn zu errichten, könne man nun den Bayern überlassen. Dachte man. Und nun, drei Jahre später, gähnt auch ohne Olympia ein Riesenloch am Karlsplatz, wird die U-Bahn-Strecke Nr. 1 zum Stephansplatz und auf die Wieden geführt. Ein großer Umleitungszirkus bringt hier, zwei Minuten von der Staatsoper, den Verkehr zum Erliegen und die Autofahrer zum Fluchen – ganz wie in so vielen deutschen Städten, die nun gleichfalls unter die Erde gehen.

Nur ist eben Wiens zentrale Baugrube ein Platz, an dem sich ein bißchen viel Historie zusammendrängt: die barocke Karlskirche Fischer von Erlachs an einem Ende, die Sezession (von den Wienern das „goldene Krauthappel“ genannt) am anderen, der Musikverein, in dem sich seit Brahms’ und Bruckners Tagen ein Stück Musikgeschichte abgespielt hat, das Künstlerhaus und anderes mehr. Auf was für eine Sorte von Platz sie nach Errichtung des unterirdischen vierstöckigen U-Bahn-Knotenpunktes herabblicken werden – das vermag heute noch niemand zu sagen. Und jedenfalls werden die beiden Stadtbahnpavillons Otto Wagners dran glauben müssen. Diese reizvollen Beispiele reinen Jugendstils sind zwar heute verwahrlost und verschmutzt, stehen zudem dort, wo die Grube am tiefsten werden soll, aber Bauherren und Architekten geben heilige Versicherungen ab, daß man sie retten und hinterher an anderer Stelle wiedererrichten, ja sogar reinigen werde. Man hat diese Zusagen in Wien mit einiger Skepsis aufgenommen. Mit dem Lebenswerk Otto Wagners ist man in Wien neuerdings sehr rauh umgegangen, hat insbesondere Stadtbahnstationen geschleift – trotz den Protestmärschen von Künstlern und Studenten –, und so ist das Lebenswerk dieses großen Architekten in Gefahr.

Mord am Stadtbild

Doch geht die Spitzhacke in Wien auch sonst munter um. Allen Protesten zum Trotz wurde in nächster Nähe des Stephansdoms ein Barockpalais niedergerissen, weil mit kirchlichem Geld eine Garage errichtet werden soll. Der Dom erscheint dann eingeklemmt zwischen der Auffahrtsrampe und einer Klosettanlage, seine gotischen Nischen werden von häßlichen Verkaufskiosken verdeckt, und in absehbarer Zeit wird auch noch eine U-Bahn-Station seine Entourage nicht eben verschönern. Kürzlich hat sich nun der österreichische Kunstsenat mit einem Notschrei an die Öffentlichkeit gewandt, obwohl sonst das Schreien nicht gerade die starke Seite dieser würdigen Körperschaft ist.

Doch sitzt im Kunstsenat auch Roland Rainer, einer der dynamischsten Architekten Österreichs, vormals Wiener Stadtplaner und Schöpfer der Stadthalle. Und er vor allem hat aufgedeckt, wie Wiens historisches Stadtbild an allen Enden demoliert wird, und zwar mit Zustimmung des Denkmalamtes, das einfach nicht die Mittel besitzt, um all den kostbaren Reichtum an Barockpalästen, Kirchenbauten und Renaissancehäusern gegen den Profitgeist von Bauunternehmern abzuschirmen.

Ganze Biedermeierviertel in Hietzing und alte Palais in der City wurden demoliert. Eine Art von österreichischer „Lex Malraux“, die solchem Mord am Wiener Stadtbild einen Riegel vorschieben soll, lagert inzwischen als Gesetzentwurf im Unterrichtsministerium. Aber sie wird wohl nicht so bald das Parlament erreichen. Wien ist eben zu arm und zu reich: zu reich an historischem Besitz und zu arm, um ihn verteidigen und konservieren zu können.

Wiens Theater hingegen stehen vor dem genau entgegengesetzten Problem. Hier wird seit Jahren konserviert, wird nur konserviert, und für die Bühne als Museum besitzt man auch die Mittel, die künstlerischen sowohl wie die finanziellen. Daß aber das europäische Theater in diesen letzten drei oder vier Jahren etwas von Grund auf anderes geworden ist: das scheint sich nun auch in Wien langsam und zögernd herumzusprechen. Wilde Experimentierlust wird man den großen Wiener Bühnen zwar nicht gerade nachsagen können, aber diese Herbstsaison brachte doch eine Reihe bemerkenswerter Abende,

Gift in der Konditorei

Das begann im Volkstheater mit der Uraufführung von Wolfgang Bauers „Change“, von der an dieser Stelle schon die Rede war. Wenige Tage nachher folgten in der Josefstadt zwei Einakter von Ivan Klima; von denen einer bisher nur in New York, der andere überhaupt noch nicht gespielt worden war und die für Prag aus guten Gründen ohnehin tabu sind. „Ein Bräutigam für Marcella“: da wird ein junger Mann vor eine kafkasche Super-Behörde geladen, die ihn zwingen will, ein Mädchen, das im selben Haus wohnt wie er, zu heiraten, obwohl er dazu ebenso wenig Neigung zeigt wie sie. Man ist ungemein menschenfreundlich und höflich zu den beiden, selbst dann noch, als man sie foltert und zu Boden schlägt. Ivan Klima hat dieses grausame Spiel von der erzwungenen Liebe in London geschrieben, als er die Nachricht vom Einmarsch der Warschauer-Pakt-Mächte in seine Heimat erhielt, und der Regisseur Edwin Zbonek läßt in den Zusammenbruch des Heiratsunwilligen von ferne her Maschinengewehrsalven und das Rollen von Panzern hereinklingen. Den zweiten Einakter, „Konditorei Myriam“, hat Klima knapp zuvor geschrieben, als es in Prag noch Frühling und er selbst Redakteur von „Literarní Listy“ war. „Ein sehr freundliches und lächelndes Stück“ nennt er es, aber es geht darin immerhin um junge Leute, denen eine seltsame Genossenschaft billige Wohnung zukommen läßt, wenn sie zuvor deren ältere Besitzer in eben jener Konditorei mit vergiftetem Marzipan traktieren und solcherart aus der Welt schaffen. Ein junger Mann deckt diese Praktiken auf, er ruft nach Polizei, Staatsanwalt, sogar nach einem Abgeordneten. Aber alle stehen, scheint es, auf bestem Fuß mit dieser Konditorei und integrieren am Ende auch noch den Protest in ihr System: man brauche auch diejenigen, die dagegen sind, und deshalb solle der junge Mann einmal wöchentlich hierher kommen und seine vehemente Anklage gegen das System öffentlich wiederholen. Zbonek hat gezeigt, daß auch Josefstädter Schauspieler wie Guido Wieland, Kurt Sowinetz oder Alfred Reitterer jener rasanten Härte fähig sind, die das Parabelspiel erfordert.

Im selben Haus gab es mitten im Jahr 1969 eine Schnitzler-Uraufführung – mit Darstellern wie Leopold Rudolf, Hans Holt, Eva Kerbler, Klaus-Maria Brandauer, Vilma Degischer. Schnitzler hat an seiner Tragikomödie „Das Wort“ über drei Jahrzehnte gearbeitet und sie dann als Torso hinterlassen. Ein Vorfall, der im Wien von 1904 Aufsehen erregte, bildet den anekdotischen Kern. Ein junger Maler, verliebt in die Gattin von Adolf Loos, wurde von ihr zurückgewiesen. Peter Altenberg, in seine paradoxen Aperçus verliebt, sagte ihm damals: „Stirb! Sie ist eine Göttin!“ Worauf sich der junge Mann erschoß. Es geht um die Leichtfertigkeit, mit der das Wort gehandhabt wird, um eine wienerische Nationalkrankheit mithin. „Worte – wir haben doch nichts anderes!“ heißt es einmal. Daß sie morden können: dieses Thema hat Schnitzler zeitlebens nicht mehr losgelassen. Die Tragikomödie um das Literatentum hat dramaturgische Brüche, um deren Beseitigung sich, der Bearbeiter Friedrich Schreyvogl geschickt bemühte. So ist „Das Wort“ Fleisch geworden und hat sogar, für jeden Kaffeehauskenner sichtbar, unter uns gelebt. In Wien war es vor allem die behutsame und facettenreiche Inszenierung Ernst Haeussermanns, die nie das Gefühl aufkommen ließ, man habe einen Torso vor sich.

Dann war da „Die fünfte Kolonne“, das einzige Stück, das Ernest Hemingway geschrieben hat, 1937 uraufgeführt und nun am Volkstheater erstmals deutsch gespielt. Keine erschütternde Neuentdeckung gewiß – Stücke so berühmter Autoren bleiben nicht grundlos abseits liegen – aber doch ein interessantes Pendant zu „Wem die Stunde schlägt“. Der spanische Bürgerkrieg lieferte hier wie dort das Material.

Im Kleinen Konzerthaustheater bemühen sich die Josefstadt und das österreichische Fernsehen um experimentelle Dramatik. Diesmal war Hans-Georg Behr an der Reihe, der kürzlich in Bonn mit seiner Kollage „Ich liebe die Oper“ zu Wort gekommen war. „Werbung um Antigone“ heißt sein Wiener Stück, und wenn auch darin die Montage fremder Texte nur maßvoll angetönt erscheint, gibt es doch Parallelen: einen jungen Mann, den eine gutbürgerliche Familie zur Heirat nötigt, nur soll er diesmal keine Schneiderpuppe ehelichen, sondern die Tochter Antigone, die bereits vor zwölf Jahren gestorben ist und von der es bloß noch eine Truhe voller Knochen und ein weißes Brautkleid gibt. Eine „Seelenheirat“ haben die treusorgenden Eltern im Sinn. Sie wollen ihn töten und seine Seele mit dem in einem Gummiballon aufbewahrten letzten Atemzug Antigones vermählen. Der schüchterne Freier rettet sich durch einen Sprung durchs Fenster und enttäuscht damit das Publikum, das sich bereits genüßlich auf eine Hinschlachtung in Arrabalscher Manier vorbereitet hatte. Da wird ein Gymnasiastenspaß für Gesellschaftskritik ausgegeben, soll ein Ulk am Jausentisch den kleinbürgerlichen small-talk decouvrieren, der doch durch Ionesco schon weit präziser decouvriert worden ist, wird ein an sich nicht ungeschickt gebautes Stück dadurch um seine Spitze gebracht, daß es mit einer Bedeutsamkeit auftritt, die seiner dramatischen Qualität durchaus nicht angemessen ist. Wenn ein Regisseur wie Heinrich Schnitzler das mit Schauspielern wie Rainer Artenfels, Jochen Brockmänn und anderen Josefstädtern inszeniert, gewinnt es allerdings Körper und Kontur.

Die Bundestheater hatten zu diesem Theaterherbst, der zwar widersprüchlich, aber doch jedenfalls interessant war, nicht allzu viel beigetragen. In der Staatsoper eine konventionelle Buckwitz-Inszenierung von Smetanas „Dalibor“, im – Burgtheater einmal die Konfrontation der beiden Kleopatra-Dramen von Shakespeare und Shaw, ein anderes Mal eine ungemein delikate Steinboeck-Inszenierung von Albees „Alles im Garten“ – es wurde mehr nachgespielt als Neues gebracht.

Coup in Kanzlernähe

Ganz plötzlich aber haben dann die Bundestheater doch die Show gestohlen, und zwar mit einem Theaterdonner, der entfernt an die großen Ausbrüche der Karajan- und Haeusserman-Ära erinnert. Freilich fanden damals die Ereignisse im Theater statt, diesmal aber in der Administration. Von einem Tag zum anderen wurde der Chef der Bundestheaterverwaltung, Ministerialrat Thalhammer, durch den bisherigen Leiter des österreichischen Kulturinstituts in New York, Gottfried Heindl, ersetzt. Heindl war vordem Pressereferent und Hauptgeschäftsführer der Volkspartei, und der junge Unterrichtsminister Mode, der diesen Überraschungscoup landete, kommt ebenfalls aus einer politischen Karriere in unmittelbarer Nähe des Kanzlers Klaus. Daß ein so musischer und dem Theater innerlich verbundener Mann wie Thalhammer so jäh abgesetzt wird, sieht also fürs erste nach einer parteipolitischen Lösung für ein heikles kulturelles Problem aus. Aber es steckt ein wenig mehr dahinter.

Es geht um die Frage, wie ein Staat seine Theater führen soll, ohne allzu tief in die roten Zahlen zu geraten. Denn der Staat ist zwar, wo er Subventionen ins Haus bringt, hoch willkommen, nicht aber dort, wo er in Künstlerisches dreinredet. Nun wird zwar in Österreich darüber geklagt, daß sich das Budget der drei Bundestheater auf runde 400 bis 500 Millionen Schilling beläuft, aber es wird gern vergessen, daß der größte Teil davon für Pensionen und steigende Materialkosten verjubelt wird.

In den letzten Monaten geriet das System der Bundestheaterverwaltung immer mehr ins Schußfeld. Die „Aktion 20“, ein Zirkel junger ÖVP-Intellektueller, hat einen Reformvorschlag ausgearbeitet. Und da der neue Leiter der Bundestheaterverwaltung ihnen nahesteht, dürfte wohl dieses Konzept demnächst die Basis für ein neues Gesetz liefern. Die Leitung dieses vermutlich größten europäischen Theaterkonzerns soll aus der Beamtenhierarchie des Unterrichtsministeriums herausgenommen werden.

Kein Ministerialrat, sondern ein Generaldirektor würde an der Spitze stehen, ein eigener kaufmännischer Direktor den Betrieb rationalisieren, ein technischer Direktor die Werkstätten von Oper, Burg und Volksoper zusammenfassen. Eine Eigenproduktion von Schallplatten, Filmen und Tonbändern soll neue Geldquellen erschließen. Ernst Wolfram Marboe, der Urheber des „Aktion-20“-Entwurfes, ist an leitender Stelle im österreichischen Rundfunk tätig, und offenbar stand das Modell von Bachers Rundfunkreform Pate bei diesem Erneuerungsprojekt für die österreichischen Bundestheater. Bei den internen Diskussionen über die künftige Struktur der Staatsbühnen wurde gelegentlich das „Hamburger Modell“ als nachahmenswerte Lösung erörtert. Ministerielle Skeptiker wollen allerdings wissen, daß es in Hamburg Leute gibt, denen das österreichische System einer Theaterführung durch eine Sektion der Unterrichtsverwaltung als nicht so üble Lösung erscheint. So besehen wäre es vielleicht kein schlechter Einfall, wenn einmal ausnahmsweise nicht die Tenöre auf Reisen gingen, sondern die Theaterverwaltungen beider Metropolen in der jeweils anderen Stadt ein Gastspiel geben würden. Davon ließe sich allerlei Spektakuläres erwarten.