Von Brigitte Berendonk

Seit Mexiko und Athen kann man es auch beim besten Willen nicht mehr vornehm vertuschen: Die Hormonpille (oder -spritze) gehört anscheinend ebenso zum modernen Hochleistungssport wie Trainingsplan und Trikot, wie Spikes und Spesenscheck. Nach meiner Schätzung treffen sich bei großen Wettkämpfen bald mehr Pillenschlucker als Nichtschlucker. Olympia nach dem Motto: Dianaboliker aller Länder, vereinigt euch! Nahezu alle Zehnkämpfer der Weltklasse nehmen die Pille, 90 Prozent der Werfer, Stoßer und Gewichtheber, etwa die Hälfte der Springer und Sprinter, und auch bei den Ruderern, Schwimmern und Mannschaftsspielern wird sie immer beliebter. Manche „Pillenkönige“ wie der durch seine Sportverletzungen berühmte US-Zehnkämpfer Russ Hodge, sein glücklicherer Teamkamerad Bill Toomey oder der schwedische Diskus-Cassius Ricky Bruch sollen schon zum Frühstück horrende Portionen der muskelbildenden Androgene schlucken, so daß ihr Apotheker eigentlich Nachschubschwierigkeiten haben müßte.

Und wenn mir heute beispielsweise ein Wurfathlet beteuert, keine Anabolica zu nehmen, dann glaube ich ihm vorerst ganz einfach nicht; zuviel ist in dieser Frage bisher schon gelogen worden, von Offiziellen wie von Athleten. So sind auch die – schon an ihrem Beamtendeutsch als einstudiert erkennbaren – Dementis der urplötzlich so stark gewordenen DDR-Asse oder ihrer Vormund-Funktionäre schlichtweg unglaubwürdig. In privatem Gespräch – so etwa einem britischen Athleten gegenüber – haben einige von ihnen den Gebrauch von Anabolica (angeblich auch injiziert) unumwunden zugegeben. Im Frauensport scheint man ebenfalls mehr und mehr nach der Eliminierung der „natürlichen“ nun die künstlichen = hormon-induzierten Intersexe heranzubilden: Jedenfalls geben Muskelmassenzunahmen von mehr als fünf Kilo in wenigen Wochen (bei erwachsenen Frauen) ebenso deutliche Hinweise wie eine galoppierende Akne oder bestürzt erörterte Zyklusstörungen.

Es ist offensichtlich: Die Leistungssteigerungen des letzten Jahrzehnts zum Beispiel in den technischen Disziplinen der Leichtathletik gehen nur zum geringeren Teil auf Verbesserungen des Bewegungsablaufes (die heutigen 20-Meter-Kugelstoßer sind technisch keineswegs besser als der Parry O’Brien der fünfziger Jahre), der Trainings- und Lebensbedingungen zurück. Schon seit vielen Jahren stärken sich etwa US-Athleten, die berühmten schwarzen „Naturtalente“ ‚nicht; ausgenommen, regelmäßig mit dem CIBA-Präparat Dianabol, einem Mittel, das auch heute noch weithin – jedenfalls von westlichen Athleten – bevorzugt wird.

Der Erfolg dieser exzessiven, hormonalen Muskelmast ist augenscheinlich und auch in dieser Zeitung mehrmals glossiert worden. Ein heutiger Kraftathletik-Wettbewerb versetzt ja durch die Typologie der Athleten das Publikum regelmäßig in einen Gefühlszwiespalt aus Horror und Amüsement. Eine kleine anabolische Zeitbombe liegt nun darüber hinaus noch in dem vor kurzem in dem renommierten US-Journal Science erschienenen Bericht von Johnson und O’Shea (Oregon State University) versteckt. Diese stellten überraschenderweise nach Dianabol-Gabe nicht nur Muskelkraftzuwachs, sondern auch eine erhöhte Sauerstoffaufnahme fest. Sollten sich solche Befunde erhärten lassen, dann dürften sich demnächst wohl auch unsere Dauerleister in die Schar der Anabolicaschlucker einreihen.

Während aber in den Ländern des Ostblocks (und vielfach auch im Westen) die Anabolicaverabreichung anscheinend ärztlich wirkungsvoll kontrolliert ist, wird sie in der Bundesrepublik in geradezu grotesk dilettantischer Weise gehandhabt. Man überläßt sie nämlich – „nichts hören, nichts sehen“ – mit besten Wünschen und ein wenig schlechtem Beigeschmack ganz einfach den Trainern, Hilfstrainern, Klubmedizinmännern, Masseuren und – meistens – den Athleten selbst: Es schlucke ein jeder nach seiner Façon!

Daß Androgene eine Reihe von – teilweise irreversiblen – Fehlentwicklungen verursachen können, steht wohl zumindest ebenso fest wie ihre muskelbildende Wirkung: beispielsweise Disproportionierung von Sexualorganen und -verhalten, Akne (mit all ihren psychischen Folgen), Ödeme, Schädigungen des Skelettsystems, des Stoffwechsels von Leber, Prostata und Nebennierenrinde, Libidostörungen (von den Athleten selbst natürlich am meisten gefürchtet und diskutiert).