Von Elena Schöfer

In dem französischen Städtchen Pont-Saint-Esprit hatte sich Merkwürdiges zugetragen. „Zu Mittag“, so wird berichtet; „kam Joseph am 17. August mit einem Bärenhunger aus den Weinbergen. Er aß reichlich von Mme. Moulins Bouillon gras ... Dazu reichlich Brot, fast ein ganzes gros pain ... Nach dem Essen war noch etwas von dem Brot übrig, und Mme. Moulin verfütterte es an die Katze, die Enten und den Hund...

Ein scharfer, überaus befremdlicher Schrei der Katze ließ Mme. Moulin ihre Küchenarbeit unterbrechen. Als sie auf den Boden blickte, schrie die Katze wieder in heftiger Pein auf, wälzte, krümmte, wand und schüttelte sich, rannte kreischend zur Wand und wollte sie erklimmen. Ihre Haare standen buchstäblich zu Berge... Es war ein scheußlicher, beängstigender Anblick, der sie unglaublich schockierte, sagte Mme. Moulin später. Unfähig; die Wand zu erklimmen, rannte die Katze nun, in rasender Geschwindigkeit gegen sie an, so, als wollte sie sich selbst umbringen... Dann sprang das Tier mit einem weiteren schrecklichen Schrei hoch, schlug wild mit den Klauen in die Luft und fiel bewegungslos auf die Fliesen.“

Einen Tag später führte der Geschäftsführer Monsieur Delacquis, ein ältlicher Junggeselle, die Übelkeit und das Kältegefühl, unter denen er in der letzten Nacht gelitten hatte, auf das üppige Forellenmahl am vergangenen Abend zurück; Natürlich war dazu Brot gereicht worden, aber es war bei Monsieur Briand, dem beliebtesten Bäcker in der Grande Rue gekauft worden, und so hatte man keinen Anlaß, es irgendwie mit den Magenschmerzen in Verbindung zu bringen. Mittags hatte Delacquis dann einige Schwindelanfälle, so daß er es vorzog, nach Hause zu radeln.

„Die Strecke hügelaufwärts kam Monsieur Delacquis vor, als wäre sie eine Million Meilen lang. Die Straße schien sich vor seinen Augen auszudehnen und dann wieder zu schrumpfen. Die Häuser an ihrem Rand erstrahlten in unbeschreiblichen Farben. Wenn er auf seine Hände am Zenker schaute, schienen sie sich meilenweit von ihm weg zu erstrecken. Das Vorderrad weitete sich, bis es die ganze Welt umschloß, und hatte dann wieder seine normale Größe. Monsieur Delacquis hatte das einzigartige Gefühl, außerhalb seiner selbst zu sein und auf jene Figur, die so mühselig den Hügel hinaufkeuchte, hinunterzublicken. Die Fahrt schien Jahrhunderte zu dauern, und doch fühlte er sich so, als bewege er sich mit unglaublicher Geschwindigkeit, fege auf einem fließenden Teppich an den Weingärten vorbei, die keine gewöhnlichen Weingärten mehr waren, sondern lodernde Zeilen in prächtigen Farben. Er schien in Zeit und Raum zu treiben, und als er im Hof von La Villette ankam, hatte er das Gefühl, er sei auf den Schwingen einer geheimnisvollen Kutsche hereingetragen worden.“

*

Von vielen ähnlichen Städtchen des Midi unterscheidet sich Pont-Saint-Esprit, wo sich diese merkwürdigen Ereignisse im Hochsommer des Jahres 1951 zugetragen haben, vor allem dadurch, daß es nicht nur in Reiseführern erwähnt wird, die von alten Gemäuern und ihren berühmten Gästen, von brennender Sonne und schattigen Boulesplätzen, von schwerem Wein und Salade Niçoise schwärmen: Pont-Saint-Esprit ist Handlungsort eines Romans, Drehpunkt einer Reportage von John G. Fullers mit dem Titel „Apokalypse 51 – Moderne Medizin im Kampf um eine kranke Stadt“ (Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1969).