Von Willy Huppert

Die Zeiten, da Wesen vom Mond die Erde besuchten, sind wohl endgültig vorbei; heute geht die Reise in umgekehrter Richtung. Vor unseren Augen spielt sich eine höchst perfektionierte, wissenschaftlich-technische Präzisionsarbeit ab. Die Faszination des Miterlebens wandelt unsere Einstellung zum Mond. Der vielbesungene Mond, guter Gefährte der Liebenden, Tröster der Leidenden, ist endgültig entmythisiert. Ist er es wirklich?

Auf deutsch liegt jetzt eine alte japanische Erzählung vor, in der eine Mondfee aus dem Reiche des Mondkönigs „durch eine Verknüpfung des Geschicks auf die Erde kommt –

„Die Geschichte vom Bambussammler und dem Mädchen Kaguya“, aus dem Japanischen und mit einem Nachwort von Hisako Matsubara, illustriert mit Holzschnitten von Naoko Matsubara; Verlag Langewiesche-Brandt, Ebenhausen; 22, – DM.

Kaguya Hime, die strahlend schöne Fee, wächst bei einem armen Bambussammler auf. Fünf Freier umwerben sie. Die Fee stellt ihnen Aufgaben, die sie nicht lösen können. Der Kaiser tritt auf: Es vollzieht sich in der vorher so kühl distanzierten Fee eine innere Wandlung, eine zarte, sich jedoch nie erfüllende Liebesbeziehung entwickelt sich zwischen dem Höchsten aller Sterblichen und der Fee aus dem Reich der Unsterblichen.

Die Mondfee lernt als Liebende die Welt der Menschen sehen. Als sie gegen Ende der Erzählung von den Wesen des Mondes unerbittlich zur Rückkehr in ihr Reich ewiger Schönheit und ewiger Jugend gedrängt wird, erwidert sie: „Laßt nicht sichtbar werden, wie wenig ihr von menschlichen Gefühlen versteht.“

In der allerletzten Szene kommt jene Diesseitsbejahung zum Ausdruck, die, wie Hisako Matsubara in ihrem Nachwort ausführt, das Wesen urjapanischer Einstellung ist. Der Kaiser, dem die scheidende Mondfee die Speise der Unsterblichkeit schenkt – hofft sie, ihn in ihrem Reich wiedersehen zu können? – der Kaiser lehnt die Speise ab. Es scheint, als ob er das an Wünschen, Leiden, aber auch an Liebe reiche sterbliche Leben auf Erden höher einschätze als jene schicksalslose Existenz der zeitlos glücklichen Unsterblichen.