Nur jener, der sich noch genau an das Röhrendebakel im Jahre 1963 erinnert, kann den Umschwung in den deutsch-russischen Handelsbeziehungen ermessen. Damals stand die deutsche Stahlindustrie bei den Russen im Wort. Sie konnte ihre Röhren aber nicht liefern, weil die Bundesregierung ein Embargo verhängte. Eine lang anhaltende Verstimmung zwischen Bonn und Moskau war die Folge. Heute sind Russen und Deutsche wieder dabei, groß ins Röhrengeschäft zu kommen. Von einem politischen Störfeuer kann diesmal keine Rede sein.
Die veränderte Haltung der Russen, die damals auf ewig verschnupft schienen, hat freilich entgegen manchen Vermutungen nur am Rande mit der neuen politischen Konstellation in der Bundesrepublik etwas zu tun. Der Grund für das russische Interesse liegt vielmehr darin, daß in Sibirien riesige Erdgasfunde gemacht wurden, die die Sowjetunion zum größten Erdgasland der Welt avancieren ließen. Nach der Meinung von Experten haben die Russen gesicherte Erdgasvorkommen von mindestens 20 000 Milliarden cbm. Sie übertreffen damit die USA, die mit etwa 8000 Milliarden cbm bislang als größtes Erdgasland der Welt galten. Dazu zum Vergleich: Die Vorräte in der Bundesrepublik werden nach jüngsten Untersuchungen auf rund 314 Milliarden cbm geschätzt.