Von Norbert Harlinghausen

Rom könnte sich einer reisewütigen Konsumgesellschaft – oder konsumwütigen Reisegesellschaft – in tausend wohlbegründeten Werbesprüchen empfehlen, nur nicht mit diesem einen: „Herzlich willkommen im gastlichen Rom!“ Denn: herzlich willkommen ist eigentlich niemand, „gastlich“ ist Rom keineswegs. Rom ist „ewig“. Und, das reicht. Wer nach Rom reist, erfüllt seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit als zivilisierter Erdenbürger, denn er sollte das Zentrum der Welt gesehen haben, wo das römische Recht, die Liebe, der Wein, das Essen, der Gallische Krieg des Julius Caesar, die Lateinlehrer und der Papst erfunden wurden. Und der liebe Gott natürlich.

Wer also nach Rom kommt, sollte das alles vorher gewußt haben – und einiges mehr –, denn die Römer setzen das perfekte Wissen über ihre Stadt und ihre Geschichte als bekannt voraus.

Nach solcher Einführung macht es unbändigen Spaß, nach Rom zu kommen. Es ist doch im Grunde herzerfrischend, daß sich die meisten Hotelportiers trotz jahrzehntelanger Touristenpraxis in bewundernswerter Souveränität weigern, die Öffnungszeiten der Museen auswendig zu lernen. Gedruckte Reiseprospekte sind kein Ersatz, denn sie sind genauso großzügig ungenau. Ich kenne verzweifelte Landsleute, die jedesmal den „geschlossenen“ Tag irgendeines der römischen Museen erwischt haben. Wenig gastlich ist auch Mutter Kirche, denn mittags, wenn einem ein kühler Aufenthalt in einem der über 300 Gotteshäuser wohltäte, sind sie geschlossen.

Es gibt kein Rezept für einen kurzen Rom-Besuch; ich jedenfalls möchte hier keines verschreiben, denn ich liebe Rom und die präpotenten Römer, wie sie es verdienen: frei und ohne Programm. Wenn schon ein Rezept, dann dieses: Man biege irgendwo vom Corso Vittorio Emanuele oder von der Via del Corso nach rechts oder links ab und verirre sich in den engen, düsteren Gassen, in welche das Licht nur durch den schmalen Schlitz über den Dachtraufen einfällt und in denen es meinetwegen immer noch nach Caracalla oder Sixtus V. riecht – oder ein bißchen nach Knoblauch, weil der zu einer richtigen römischen Hausmannskost gehört.

Also verirrt sich der Freund nach unserem Vorschlag in Roms Altstadt, und um ein bißchen Ordnung in die Verirrung zu bringen, schlage er sich von der Via del Corso aus über die Piazza Colonna und die Piazza Montecitorio nach rechts ins Gewühle des Marsfeldes, in jenen mittelalterlichen Stadtteil, den die Päpste nach ihrer Rückkehr aus dem Exil von Avignon erbauen ließen. Auf der Piazza Colonna steht jene herrliche Säule des Marc Aurel, auf der in einem Spiralrelief die glanzvollen Siege des Kaisers über die Markomannen und die Sarmaten verzeichnet sind. Im Schatten dieser Säule wird Politik, gemacht, der rostrote Palazzo Chigi ist der Sitz des Ministerpräsidenten. Auf der Piazza Montecitorio steht keine Säule, sondern der Obelisk des Pharaos Psammetico II. (594 bis 589 v. Chr.). Augustus ließ ihn zum Schmuck des Marsfeldes von Baalbek nach Rom transportieren. Inzwischen ist er ein wenig ausgeflickt, weil er einmal umgefallen war. Auch auf diesem Platz wird Politik gemacht, denn im Palazzo di Montecitorio ist die Abgeordnetenkammer untergebracht, und wenn unser Freund an der Ecke der Herderschen Buchhandlung einen Wasserwerfer warten sieht, so soll ihn das nicht ängstigen.

An der Herderschen Buchhandlung frage er nach dem Pantheon. In den winkligen Seitengassen rundherum bieten sich Restaurants an, die eine annehmbare Küche führen und sich außerhalb der Reisesaison mit ihren römischen Stammgästen unter sich fühlen und dann sogar exzellente Leistungen für geringes Geld offerieren. Das Touristenmenü ist eben doch keine Erfindung des Lukull.