Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Dezember

Nicht nur an Kurfürstendamm und Tauentzien, auch in den vielen anderen Geschäftsstraßen West-Berlins drängelten sich die Käufer. In Berlin wird ebenso wie im ganzen Bundesgebiet wieder eine Konsumweihnacht gefeiert; Geschenke im Werte von einigen hundert, nicht selten von über tausend Mark liegen unter den Lamettabäumen. Die Hochkonjunktur in Westdeutschland ist auch an Berlin nicht vorübergegangen. Der Arbeitsmarkt ist wie ein trockener Schwamm. Mit mehr Leuten könnte man noch mehr produzieren. Aber wo ist das nicht so in der Bundesrepublik?

West-Berlin lebt ein äußerlich durchaus normales Leben. Es hat die gleichen Sorgen und die gleichen wirtschaftlichen Erfolge wie westdeutsche Städte. Geht man durch die Straßen und Kaufhäuser und spricht man mit Unternehmern und Politikern, wird einem nur selten bewußt, daß das Normale in dieser Stadt durchaus nicht das Selbstverständliche ist. Man hat sich in Berlin daran gewöhnt, so zu leben wie die Bewohner der Bundesrepublik, und nimmt nur selten noch wahr, daß West-Berlin eine einzigartige Stadt unter einzigartigen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen ist. Nicht mit Hongkong und – wenn man in die Vergangenheit zurückschaut – nicht mit Danzig oder Triest ist Berlin vergleichbar. Denn diesen Städten stand immerhin noch ein unkontrollierter Wasserweg offen. West-Berlins Handel mit dem natürlichen Hinterland ist spärlich. Nur neun Prozent seines Exports gehen in die DDR, nur zwei Prozent der eingehenden Lieferungen stammen aus der DDR. Nicht dem Wert, sondern der Menge nach machen die Käufe aus der DDR allerdings 25 Prozent der gesamten West-Berliner Bezüge aus, denn die DDR liefert vorwiegend Massengüter. Jedes in Berlin verbrauchte Braunkohlenbrikett kommt aus Ostdeutschland. Und bei anderen Lieferungen von draußen werden 46 Prozent des Zuckers, zwanzig Prozent der Eier, elf Prozent der Fleischwaren, fünf Prozent der Milch und zwölf Prozent der Baustoffe aus der DDR bezogen.

Wie eine mittelalterliche Stadt ist West-Berlin von Mauern umgeben. Arbeitskräfte können nicht aus der Umgebung angeworben, Fabriken nicht vor den Toren errichtet werden. Das hemmt die Entwicklung, bremst die Expansion. Der Warenverkehr muß mindestens die 180 Kilometer nach Helmstedt überwinden. Mehr als 33 000 Tonnen Güter treffen täglich in West-Berlin ein. Jeden Tag müssen mehr als zwanzig Güterzüge, 750 Lastwagen, vierzig Schiffe und hundert Flugzeuge den Weg von Westdeutschland nach Berlin und wieder zurück finden. Daß dies trotz gelegentlicher Schikanen an der Grenze reibungslos funktioniert, ist eine der Voraussetzungen für die Lebensfähigkeit der Stadt.

Die zweite Voraussetzung: Die Berlin-Hilfe des Bundes. Die Stadt hat hohe Soziallasten. Ihre Steuereinnahmen sind begrenzt und durch Präferenzen gemindert. Die Wirtschaft muß die geographische Ferne von den Absatzmärkten überwinden, Steuervergünstigungen helfen ihr dabei. Die politische Situation Berlins hemmt die Bereitschaft zur Investition. Zulagen und Abschreibungsvergünstigungen müssen einen Ausgleich schaffen. Arbeitskräfte für Berlin werden durch Steuerpräferenzen und billige Darlehen gewonnen oder gehalten.

Wie jede Subvention ist auch die Berlin-Hilfe im Grunde ein Übel, wenn auch ein notwendiges Übel. Mißbräuche bleiben nicht aus, was auch unternommen werden mag, um ihnen entgegenzuwirken. Die hohen Abschreibungsvergünstigungen für Geschäftsbauten laufen jetzt aus. Längst unterbunden ist das berüchtigte Knopfannähen, wodurch früher gleich der ganze Mantel, wo er auch produziert sein mochte, Umsatzsteuerpräferenz in voller Höhe erhalten hatte. Die rund 3,5 Milliarden Mark, die der Bund jährlich an Zuschüssen für den Landeshaushalt, als Ausgleich für Steuermindereinnahmen und für sonstige Hilfen aufbringt, erhalten die Lebensfähigkeit der Stadt und steigern ihre Leistung. Die Zahlungen des Bundes an Berlin haben sich in den letzten zwanzig Jahren verdoppelt. Das Ergebnis: das Sozialprodukt der Stadt hat sich in dieser Zeit vervierfacht.