Von Josef Müller-Marein

Paris, im Dezember

Als er unlängst vor den Senatoren sprach, betonte Maurice Schumann, der Außenminister Frankreichs, daß die europäische Gipfelkonferenz in Den Haag allein der Initiative des Staatschefs Pompidou zu verdanken war. Er fügte hinzu: "So ist aus der Gemeinschaft der Unruhe aufs neue die Gemeinschaft der Hoffnung geworden." Seinen eigenen Anteil aber verschwieg er nicht. Maurice Schumann war es, der als Muster für die Entwicklung des Gemeinsamen Marktes das oft zitierte Triptychon erfand: Vollendung, Vertiefung, Erweiterung – eines nach dem anderen.

Einige Wochen vor der Haager Konferenz, als im Parlament die Außenpolitik diskutiert wurde, hatte Paul Stehlin, früher General und Stabschef der Luftwaffe, dem Außenminister vorgeworfen, es gäbe gar keine französische Außenpolitik. Ein Wort, das diesem einzigen in Paris gewählten Abgeordneten der Mitte so hart wohl nicht herausgefahren wäre, hätte er das vielversprechende Ergebnis der Konferenz voraussehen, können. Stehlin, leidenschaftlicher Verfechter einer europäischen Integration, wollte nicht provozieren. Er wollte eine Antwort auf die Frage: Wie europäisch denkt Maurice Schumann? Wie groß ist der europäische Glaube dieses Außenministers, der doch ebenfalls aus den Reihen der Mitte kommt, aus dem Kreise also, dem Europa eines der wesentlichen politischen Ziele ist?

Die Antwort ist so einfach nicht.

Als das Ergebnis des Gipfeltreffens bekannt wurde, dachte Alain Poher, der als Senatspräsident der zweite Würdenträger im Staate und ein Mann von radikalem Europäertum ist, an einen anderen Außenminister Schuman (an einen, der ein "n" weniger hatte) und meinte, es sei ganz im Sinne dieses "Vaters von Europa" gehandelt worden. Gewiß hatte Robert Schuman ein vereinigtes Europa gewollt. Doch hat dabei zumindest in einer gewissen Periode seiner Überlegungen der Gedanke eine Rolle gespielt, daß eine möglichst enge Gemeinschaft mit den Nachbarn jenseits des Rheins schon deshalb anzustreben sei, weil ihre Dynamik und Aktivität sich dann besser lenken, mäßigen oder wenigstens kontrollieren ließe. Umarmung besser als kritisches Abfernhalten.

Dieser Gedanke ist auch dem Außenminister Maurice Schumann nicht fremd. Es paßt wohl auch zu seinem Amt, so zu denken. Es zwingt ihn, die Interessen seines Landes mit Klauen und Zähnen zu verteidigen, wie er dies eben jetzt bei den Verhandlungen über die Vollendung des Agrarmarktes in Brüssel zeigte.