Kiel

Der Landtagsabgeordnete Berthold Bahnsen, 56 Jahre alt, aus Leck an der dänischen Grenze, hat schleswig-holsteinische Landesgeschichte gemacht. Nur durch seine Stimme wurde in Schleswig-Holstein die neue Gebietsreform in Kraft gesetzt. Der Sparkassendirektor von der Grenze, der einzige Abgeordnete des Südschleswigschen Wählerverbandes (SSW), der einzigen nationalen Minderheit im Bundesgebiet, hielt es diesmal bei der entscheidenden Schlußabstimmung im Parlament an der Kieler Förde mit der dünn gewordenen Regierungskoalition aus CDU und FDP unter Ministerpräsident Helmut Lemke (CDU), der spätestens 1972 aufs politische Altenteil geht.

Man kann darüber streiten, ob da nun im nördlichen Bundesland eine kleinkarierte Neuordnung der Landkreise zustande kam, oder ob eine zukunftsträchtige Gebietsreform bevorsteht. Gemessen an den Ansätzen in anderen Bundesländern, wie etwa Rheinland-Pfalz, erscheint die Lösung einigermaßen vernünftig: aus 17 Landkreisen schnitt man zwölf. Gemessen am Königreich Dänemark allerdings blieb die Gebietsreform zwischen Flensburg und Lübeck in den Anfängen stecken.

So hätte man erwarten können, daß Bahnsen, der Mann, der Friesisch, Dänisch und Deutsch spricht und dem dänischen Kulturkreis verbunden ist, für die großzügige, die skandinavische Lösung plädieren würde. Sie lag auch bei der Endabstimmung im Landtag auf dem Tisch: Die Sozialdemokraten hielten an ihrem Gesetzentwurf fest, der für das Land zwischen den Küsten nur noch sieben Landkreise, schon beinahe Entwicklungsregionen, und vier mit erheblichem Umland versehene große Städte wollte.

Warum also lief Bahnsen, dessen SSW-Stimmen erst bei der Bundestagswahl den CDU-Fraktionsgeschäftsführer Will Rasner im Wahlkreis Flensburg aus dem Sattel gehoben hatten, zur Kieler Koalition über? Es war ganz einfach der nüchterne Blick eines Realisten für das Mögliche. Die CDU stand unter dem Druck ihrer Provinzfürsten, ihrer Landräte, Kreispräsidenten und Dorfhonoratioren.

So lagen denn die Fronten fest. Die SPD aufs Moderne, die NPD aufs Erzkonservative eingestimmt, garantierten 34 Nein-Stimmen zur Koalitionsvorlage. In den Reihen der CDU gab es dann noch zwei Überläufer nach rechts: den Abgeordneten Ludwig Claussen aus dem Kreis Südtondern, der sein Mandat inzwischen hinwarf, und den Abgeordneten Dr. Wilhelm Rohwedder aus Oldenburg, dessen Landkreis gleichfalls über die Klinge springen mußte. Es blieben regierungsseitig nur noch 34 Abgeordnete der CDU und zwei der FDP übrig. Die Schlachtordnung im Landtag stand 36 zu 36. Da tat Berthold Bahnsen das relativ Vernünftige: Er stimmte für das, was in der konservativen Provinz Schleswig-Holstein erreichbar war.

Hannelore Asmus