Von Lilo Weinsheimer

Bremen

Mitunter war’s so lustig wie im Ohnsorg-Theater: wenn Otto, ein gestandener Zwei-Zentner-Mann, vom Pflaumen- und Pinselballett berichtete, dem er als Primaballerina in Tüll zu Diensten war ("nix Gruppensex, das haben so ein paar Spanner behauptet, die uns durchs Fenster im Hemd gesehen haben; Verleumdung; wir haben anständig für Fraktionsfeste trainiert"! und wenn Richard Boljahn lauthals menschliche Bedürfnisse anmeldete: "Pause, ich muß mal pinkeln." Da grauste es höchstens ein paar Ästheten. Lustig war es oft während der drei Tage Parteiordnungsverfahren gegen den Bremer DGB-Chef und einstigen SPD-Multifunktionär Richard Boljahn, halbjuristisch war es bisweilen, politisch fast nie. Wenn es ernst und grundsätzlich zu werden drohte, dann zog "König Richard‘ jene Register, mit denen er seit Jahren seine Genossen zur ohnmächtigen Weißglut treibt. Er klopfte seine Pfeife aus, sagte "April, April", rief nach einem Bier, machte seine Kontrahenten lächerlich: "Mein lieber Moritz, müßt ihr das eigentlich feierlich ablesen, was ihr gegen mich vorzubringen habt, könnt ihr Parlamentarier dat nicht frei sprechen?" Und unter den Genossen "Zuhörern" im Saal raunte es: Eigentlich sei er doch ein prima unverklemmter Mords- und Pfundskerl, dieser Richard ...

Wie immer der Spruch der parteiinternen Schiedskommission – Vorsitz Hermann Wolters, Senator a. D. – im Januar ausfallen wird: Sieger sind schon jetzt die Warner vor dem "Prozeß Boljahn", Leute die argwöhnen, die Sache werde zum Bumerang gedeihen.

Im August schien das "Aus" über Boljahn so gut wie perfekt. Gerüchte über Grundstücksspekulationen führten zur "Baulandaffäre", ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß trat in Aktion. "Endlich", so der Landesvorsitzende der SPD, Bildungssenator Moritz Thape, jetzt in Anklägerfunktion beim Parteiverfahren, "endlich kamen damit Beweise auf den Tisch, mußten Zeugen unter Eid aussagen. Bis dahin, mein lieber Richard, wußten wir nur, daß du in vielen Töpfen gekocht hast. Deine Erfolge haben es uns so schwer gemacht, mit dir fertig zu werden."

So überstürzt wie delittantisch hatte im Sommer ein eilig formierter Partei-Untersuchungsausschuß die Chance ergriffen und ein Sündenregister des mißliebigen Genossen zusammengestellt. Es wurde während einer stürmischen Delegiertenversammlung verlesen; danach forderte die entrüstete Versammlung nahezu einstimmig: Boljahn solle sein Abgeordnetenmandat niederlegen, er habe sich fortlaufend parteischädigend verhalten. Das schien "König Richards" Ende zu sein. In seiner Siedleridylle in Borgfeld meditierte Altbürgermeister Kaisen: "Der Jung’ ist tot." Zum eindeutigen Tabula rasa indessen, zum Ausschluß aus der Fraktion, rangen die Parteigremien sich nicht durch. Der Respekt vor dem Initiator der Trabantenstadt Neue Vahr ("Boljahnograd") und der Stadthalle ("Boljahneum"), so hieß es, rechtfertige einen ehrenvollen und freiwilligen Abgang. Beobachter des Hick-Hacks kommentierten anders: "Die haben immer noch Angst vor Boljahn, er weiß zu viel."

Der scheinbar Tote nutzte die totale Verwirrung über Grundstücksskandale, Maklerprovisionen und über renommierte Politiker, die ihre Ämter quittieren mußten: Boljahn sagte "nein" zum Verdikt seiner Genossen ("freiwillig gehe ich nicht, das muß alles Punkt für Punkt bewiesen werden"), er ließ sich vom DGB beurlauben und sammelte im Windschatten der allgemeinen Aufregung Material zu seiner Rechtfertigung. Er forderte und bekam seinen "Prozeß", das Parteiordnungsverfahren.