Geburtstage mit behördlichem Segen: pro Vormittag bis zu fünfzehn Ehrungen

Von Marie-Luise Scherer

Berlin

Der Herr Pfarrer betont die Hetze des Tages. Gerade eben habe er noch jemanden beerdigt. Doch nun sei er da. "Ja, wo ist denn unser Geburtstagskind?" Ein "Fläschchen zur Stär-Worte hat er parat und das, was man passende Worte nennt – über die Hürden, die das Leben in den Weg stellt und die Kraft, mit der man diese Hürden nimmt, und über die langen, schönen Jahre. Im Krematorium warte wieder eine Trauergesellschaft auf ihn. Der Kreislauf des Lebens läßt den Pfarrer nicht aus dem Mantel.

Clara P. wird 85 Jahre. Sie drückt die Hände behördlicher und kirchlicher Gratulanten. Sozialkommissionsvorsteher M. hat seinen bewährt galanten Satz "wer hätte an so eine junge Dame gedacht" schon gesagt. Jetzt gibt er für die Blumenschale des Bezirksamtes ausführliche Gießvorschriften.

Die Jubilarin Clara P. bittet, Platz zu nehmen. Sozialkommissionsvorsteher M. dankt mit den Worten: "Na, dann wollen wir uns zur Feier des Tages mal auf zehn Minuten setzen." Er ist pensioniert und betrachtet die Ehrungen "alter Mitbürger" als eigenen Jungbrunnen. Er sagt: "Sie wissen ja, wie alte Leute sind. Die einen halten sich tipptopp, die andern hausen wie die... Wir wollen das Wort lieber nicht aussprechen." Herr M., ehrenamtlich für 12 Schöneberger Straßenzüge zuständig, hat sich durch seinen häufigen Umgang mit "alten Mitbürgern" viel Selbstbewußtsein und ein Gefühl für die eigene Jugendlichkeit zugelegt. Überall Freude, wo er klingelt. Blumen und je nach der Rentensituation auch Geld. Er läßt sich von Clara P. vierzig Mark quittieren. Hin und wieder trinke er auch ein Gläschen mit – aus Anstand. Weniger als Prosit auf die Gemütlichkeit, denn als aufmunternde Geste für "den zu ehrenden Menschen".

Schön war die Jugend...