ZDF, Sonntag, 14. Dezember: "Hotel Royal"

So also sieht es aus, in Evian am Genfer See, dachte der Fernsehzuschauer, so also leben die Reichen: Auf dicken Teppichen rollen die Wägelchen mit den Austern und Hummern, am elften Hole (auf dem Golfplatz vor dem Royal, wie wir Evian-Kenner wissen) pflegen die Toten zu liegen, so grün das Gras, so rot das Blut, das Frackhemd weicht dem Leichentuch. Und hintergründig geht das zu, wenn Verlierer und Gewinner sich beim jeu Blicke zuwerfen, ganz stumm und ausdrucksvoll, wenn der Croupier mit seinem Rechen die jetons einstreicht und die Spieler sich mit batistenen Tüchlein die Transpirationströpfchen von den Schläfen abtupfen.

Und dann der restringierte Code, mit dessen Vokabular sich die oberen Zehntausend beim Mittagessen, pardon, beim Diner, über Hotelsafes und Bridgepartien unterhalten! (Die Jacht der Maharani nicht zu vergessen, die liegt unten am Kai.) Wirklich, hübsch sehen sie aus, die Herren im Smoking und die Nackedeis unter der Dusche, ein wenig zur Seite gewandt, so daß der Betrachter jedenfalls der einen Hälfte jenes Organs ansichtig wird, das nimmermüde Poesie-Produzenten als kleine spitze Brüste zu etikettieren belieben. Und dabei so menschlich, die Leute: Bestellte doch einer, nach Speckmelone und Suppe, zum Hauptgericht nur einen Châteauneuf du Pape, und das noch ohne Jahrgangsangabe, gerade so, als habe er sich in einem provinzstädtischen Adler oder Ochsen zur Tafel gesetzt.

Man sieht, so fein sind die Leute denn auch wiederum nicht, sie bleiben erreichbar für uns, so wie sich auch das Royal, an Filmpalästen gemessen, eher bescheiden ausnimmt: Statt der Freitreppe mit den schwebenden Roben und Fräcken nur ein lumpiger Fahrstuhl. (Allerdings könnte gerade das ein Zeichen besonderer Vornehmheit sein, und was den Chäteauneuf-Besteller angeht, so war das überhaupt kein Mann aus den besseren Kreisen, die nämlich tun so was nicht, sondern ein simpler Erpresser.)

Ein schöner Film, ein bunter Film. Er hieß Hotel Royal, vermittelte den Duft der großen weiten Welt und war auch sonst verführerisch: Vicki Baums Menschen im Hotel jedenfalls wirken, an dieser welschschweizerischen Starparade gemessen, wie der Bericht über eine Neckermann-Reise, verglichen mit der Darstellung einer Onassis-Kreuzfahrt. Die Reichen sind eben noch ein bißchen reicher geworden, und was die armen Buchhalter angeht, die Kringeleins ... die verkehren heute nicht mehr in den Grandhotels. (Wie heißt es doch? God made them high or lowely, and ordered their estate.)

Ich nehme an, die Autoren wollten den Film als Parodie aufgefaßt wissen. Das Klischee sollte Traum-Stereotypen entlarven, der genius loci den ironischen Zitat-Charakter des Ganzen verstärken. So war es doch wohl ... oder nicht?

Momos