Der Friede ist keine Illusion

Von Hermann Diem

Die Kammer der Evangelischen Kirche in Deutschland (Ekade) für öffentliche Verantwortung, welche die umstrittene Ostdenkschrift erarbeitet hat, legt ein neues Arbeitspapier vor:

"Der Friedensdienst der Christen. Eine Thesenreihe zur christlichen Friedensethik in der gegenwärtigen Weltsituation"; Verlagshaus Gerd Mohn; 32 Seiten, 1,80 DM.

Gegenüber jener Denkschrift, die damals, wenn auch unter einigen Schwierigkeiten und mit viel Interpretationskünsten, von der Synode der Ekade auf ihre Verantwortung übernommen wurde, fällt auf, daß es diesmal nur heißt, diese Ausarbeitung sei "vom Rat der Ekade als Gesprächsbeitrag zur Veröffentlichung freigegeben" worden. Und im Vorwort sagt Ludwig Kaiser, der Vorsitzende der Kammer: "Wie schon bei früheren Gelegenheiten hat sich auch bei diesen Thesen keine Zustimmung zu allen Formulierungen und den hinter ihnen stehenden Auffassungen unter den Mitgliedern der Kammer erzielen lassen." Dieses Minus an ohnehin immer fragwürdiger kirchenamtlicher Autorisierung wird aber weit aufgehoben durch den Vorzug, daß auf diese Weise sehr viel offener, konkreter und politisch praktikabler geredet werden konnte. Es wäre deshalb zu wünschen, daß die Thesen gerade im politischen Raum mehr beachtet würden als die üblichen kirchlichen Verlautbarungen, die niemandem weh tun wollen, aber deshalb auch niemanden helfen.

Als vom Staat die Bundeswehr eingeführt wurde, hat die Kirche, obwohl sie sich vorher auf Kirchentagen und Synoden ebenso wie viele Politiker dagegen gewehrt hatte, erstaunlich schnell nachgezogen und durch den Abschluß des Militärseelsorgevertrags diesen Schritt des Staates praktisch sanktioniert. Sie meinte es wohl deshalb tun zu können, weil ja nach Artikel 4 des Grundgesetzes für jeden einzelnen die Möglichkeit bestand, durch Wehrdienstverweigerung sein Gewissen zu salvieren, und sie versprach, sich auch solcher Verweigerer anzunehmen. Welche Schwierigkeiten sich inzwischen aus diesem Nebeneinander der allgemeinen Wehrpflicht und der legalen Möglichkeit der Verweigerung ergaben, ist bekannt: Da die Evangelische Kirche in Deutschland den Militärseelsorgevertrag auch mit den Stimmen der Synodalen aus der Deutschen Demokratischen Republik beschließen ließ, in der naiven Meinung, damit der Wiedervereinigung zu dienen, hat sie dadurch selbst auch noch die kirchliche Trennung zwischen den beiden Staaten mitprovoziert.

Rüstungsverzicht riskieren