Gustav Walter Heinemann, dritter Präsident der Bundesrepublik Deutschland, promovierte 1921 an der Philosophischen Fakultät der Philipps-Universität, Marburg, zum Dr. rer. pol. über das Thema "Die Spartätigkeit der Essener Kruppschen Werksangehörigen unter besonderer Berücksichtigung der Kruppschen Spareinrichtungen". Referent war Geh. Rat Professor Dr. Troeltsch.

Sein Thema wählte er – diese Annahme drängt sich einem wenigstens auf – aus gegebenem Anlaß. Zumindest dürfte er bei dem Wunsch nach Einblick in die nötigen Unterlagen nicht allzu großen Schwierigkeiten begegnet sein. Seine Beziehungen zur Führungsspitze der Firma Krupp waren sicherlich recht gut; er war ja, wie er in seinem Lebenslauf schreibt, "Sohn des jetzigen Handlungsbevollmächtigten der Fried. Krupp A. G. Otto Heinemann".

Eine wie auch immer geartete Kritik an den Kruppschen Spareinrichtungen taucht – deshalb? – in der ganzen Arbeit nicht auf. "Immerhin darf wohl die bewährte und eingehend beschriebene Kruppsche Spareinrichtung als vorbildlich bezeichnet werden"‚ heißt es am Ende.

Doch zuvor setzt er sich mit dem Begriff des Sparens auseinander und kommt zu dem Schluß "Sparen ist Vermögensbildung aus Einkommen unter Ausschluß eines gegenwärtigen Konsums". Und dieser "Ausschluß eines gegenwärtigen Konsums" wurde den in den Kruppschen Spareinrichtungen sparenden Werktätigen leichtgemacht, denn der Sparbetrag wurde ihnen gleich vom Lohn oder Gehalt abgezogen.

Ohne spezielle Anreize wäre die Konkurrenz der herkömmlichen Spareinrichtungen, zum Beispiel der Sparkassen, doch recht groß gewesen. Solche Anreize sieht Heinemann in dem hohen Zins der Kruppschen Spareinrichtungen, in der jährlichen Prämienverlosung, in der Bequemlichkeit des Lohnabzuges und nicht zuletzt in den Werbemethoden. So befindet sich auf jeder Lohntüte ein Vordruck zur Sparerklärung. Der Arbeiter braucht dann nicht mehr viel zu tun: "Er schneidet oder reißt zu diesem Zwecke die Rückseite der Lohntüte ab und schreibt in den Vordruck Namen und Fabriknummer sowie den Sparbetrag ein, mit dem er sich bis auf weite: es monatlich regelmäßig zu beteiligen wünscht."

Aber nicht alle standen der Kruppschen Spareinrichtung so positiv gegenüber wie der Autor. So beklagt Heinemann immer wieder die Gegenagitationen der Gewerkschaften, die hauptsächlich bei jungen Arbeitern häufig zur Einstellung ihrer Spartätigkeit führten. Heinemann schreibt: "Seit dem Bestehen der Kruppschen Spareinrichtungen versuchen insbesondere die freien, aber auch die christlichen Gewerkschaften und Angestelltenorganisationen durch Einwirkungen, sei es in ihrer Presse, in Versammlungen oder durch Vertrauensmänner in den Betrieben, eine Beteiligung der Arbeitnehmer an der Kruppschen Spareinrichtung oder am Lebensversicherungsverein zu hintertreiben."

Allgemeines Resümee: "Die Sparwilligkeit wird dann den größten Umfang erreichen, wenn sie für alle Bevölkerungskreise eine aus eigener Erkenntnis und eigenem Wollen heraus bejahte Selbstverständlichkeit geworden ist."