Die Börse in Tokio verspricht neue Rekorde

Von Otto Graf Lambsdorff

In der Tokioter Börse herrscht ungetrübter Sonnenschein. Nichts Negatives konnte den Kursanstieg bremsen. Die Kurse haben ein neues all time high erreicht. Im Durchschnitt stiegen die Kurse um 28 Prozent in diesem Jahr. Aber gerade das machte den krisenerfahrenen Anleger mißtrauisch. "Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen", sagte sich so mancher Anleger und verkaufte – zu früh – wie er bald danach feststellen konnte.

In Japan wurde aber zugegebenermaßen des Guten oft zuviel getan. Wer sich ein Ziel von etwa 30 Prozent Kursgewinn auf ein Jahr setzte, war häufig vor der Zeit am Ziel. Es ist in der Tat schwierig, bei einer in wenigen Wochen erreichten Kursmarke das Kursziel zu erhöhen und die "Gewinne laufen zu lassen".

Dies ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die schnellen Kursbewegungen der japanischen Börse haben viel spekulatives Geld angezogen. Eine Zeitlang galt es in Deutschland als "schick", in japanischen Aktien zu spekulieren. Inzwischen haben sich die kleinen Spekulanten weitgehend zurückgezogen. Die jetzigen Kurse liegen in den meisten Fällen über den Verkaufskursen der spekulativen Anleger. Sie können sich nur schwer entschließen, wieder neu einzusteigen. Gegenwärtig sind fast nur sophisticated Investors in japanischen Aktien engagiert.

Die Zurückhaltung vieler an sich an japanischen Aktien interessierter Anleger ist nur mit der geringen Kenntnis über den japanischen Aktienmarkt zu erklären. Viele meinen, die japanischen Aktien seien in den letzten eineinhalb Jahren zu teuer geworden. Außerdem setzt man kein allzu starkes Vertrauen in das zukünftige Wachstum der japanischen Wirtschaft. Dabei wird aber in der Regel der grundlegende Umwandlungsprozeß des japanischen Aktienmarktes nicht zur Kenntnis genommen:

  • Die japanische Wirtschaft ist in den letzten Jahren in sich ausgeglichener und stabiler geworden.
  • Die Qualität der Unternehmensgewinne hat sich erhöht, d. h., die Rückschlagsgefahr hat sich vermindert.
  • Die verbesserte Gewinnqualität rechtfertigt ein höheres Bewertungsniveau.