DIE ZEIT

Ulbrichts Alibi-Offerte

Walter Ulbricht schießt mit vollen Breitseiten. Nichts von dem, was sein Entwurf für einen Staatsvertrag zwischen der DDR und der Bundesrepublik enthält, ist, für sich genommen, neu; aber in dieser Akkumulation sind die Forderungen Ost-Berlins noch nie fixiert worden.

Wetterleuchten in Europa

Allerorten wird nach allen Seiten gesprochen, verhandelt und sondiert. Amerikaner und Russen visieren ihre zweite Gesprächsrunde über eine Begrenzung der strategischen Kernwaffen an, Moskau spricht mit Peking, Washington bemüht sich um die Wiederaufnahme der Botschaftergespräche mit China, Bonn verhandelt über Gewaltverzicht mit Moskau und klärt einen Termin mit Warschau, die drei Westmächte bieten den Sowjets neue Verhandlungen über Berlin an, sogar der Prager Ministerpräsident Husák wünscht Kontakte zur Bundesrepublik, und, was man am wenigsten erwartet hätte, selbst zwischen Ulbricht und Heinemann werden Briefe gewechselt.

Worte des Jahres

"Ihr gebt mir nicht die geringste Möglichkeit, meine politische Haltung zu verteidigen, öffentlich beschuldigt ihr mich, aber ihr sperrt mir den Mund zu, damit ich nicht antworten kann.

Die Welt der Gewalt

1. Kuba – Gescheiterter Invasionsversuch (Schweinebucht) im April 1961. Kennedys Seeblockade gegen sowjetische Raketenlieferungen im Oktober 1962.

Gewählt, aber nicht gekrönt

Das muß man sich sagen lassen von einer Frau, die etwas zu sagen hat – von Dr. Katharina Focke, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeskanzleramt und SPD-Rekordüberfliegerin.

Auf dem Ku-Damm rollt die Mark

Nicht nur an Kurfürstendamm und Tauentzien, auch in den vielen anderen Geschäftsstraßen West-Berlins drängelten sich die Käufer.

Ein Zeitungsmann tritt ab

Daß Le Monde zu den sechs besten Zeitungen der Welt gehört, steht außer Frage. Man kann nur darüber streiten, ob das Blatt zu den ersten oder zu den letzten drei dieser Gruppe gehört.

Vokabeln der 60er Jahre

Basisgruppen: Nach dem Schahbesuch 1967 an den Universitäten gebildet. Versuch, die "studentische Massenbasis" durch thematische Schwerpunktbildung (zum Beispiel Kritische Universität) zu "politisieren" und statt der traditionellen Selbstverwaltungsorgane (AStA, Studentenparlament) Aktionszentren aufzubauen.

Boljahn sammelt Punkte

Mitunter war’s so lustig wie im Ohnsorg-Theater: wenn Otto, ein gestandener Zwei-Zentner-Mann, vom Pflaumen- und Pinselballett berichtete, dem er als Primaballerina in Tüll zu Diensten war ("nix Gruppensex, das haben so ein paar Spanner behauptet, die uns durchs Fenster im Hemd gesehen haben; Verleumdung; wir haben anständig für Fraktionsfeste trainiert"! und wenn Richard Boljahn lauthals menschliche Bedürfnisse anmeldete: "Pause, ich muß mal pinkeln.

Bahnsen gab den Ausschlag

Der Landtagsabgeordnete Berthold Bahnsen, 56 Jahre alt, aus Leck an der dänischen Grenze, hat schleswig-holsteinische Landesgeschichte gemacht.

Wenn das Sozialamt seinen Alten gratuliert: Der Bürgermeister kommt erst zum 100.

Der Herr Pfarrer betont die Hetze des Tages. Gerade eben habe er noch jemanden beerdigt. Doch nun sei er da. "Ja, wo ist denn unser Geburtstagskind?" Ein "Fläschchen zur Stär-Worte hat er parat und das, was man passende Worte nennt – über die Hürden, die das Leben in den Weg stellt und die Kraft, mit der man diese Hürden nimmt, und über die langen, schönen Jahre.

Vamps oder Mätressen?

Es ist überaus begrüßenswert, wenn Themen romanhaften Charakters von einem zünftigen Historiker aufgegriffen werden, der mit methodischer Schulung die nicht immer selbstverständliche Kunst anschaulicher Erzählung verbindet.

Thesen wider die Abschreckungsdoktrin: ...et in terra pax...

Gegenüber jener Denkschrift, die damals, wenn auch unter einigen Schwierigkeiten und mit viel Interpretationskünsten, von der Synode der Ekade auf ihre Verantwortung übernommen wurde, fällt auf, daß es diesmal nur heißt, diese Ausarbeitung sei "vom Rat der Ekade als Gesprächsbeitrag zur Veröffentlichung freigegeben" worden.

Biafra

Das Jahr 1969 brachte nach 31 Monaten Sezessionskrieg in Nigeria keinen Frieden. Keinem Vermittler, weder Papst Paul VI. auf seiner Reise nach Uganda, noch dem Roten Kreuz, weder protestantischen Kirchenvertretern noch englischen Parlamentariern und den Vertretern der "Organisation für afrikanische Einheit" auf ihrer Septemberkonferenz in Addis Abeba gelang es, die feindlichen Brüder an den Verhandlungstisch zu bringen.

1969 – Wandel und Gewalt

Walter Ulbricht, DDR-Staatsratsvorsitzender, unterbreitete in einem Brief an Bundespräsident Heinemann, der postwendend beantwortet wurde, die Gesprächsbereitschaft Ostberlins auf der Basis völliger Gleichberechtigung.

Vietnam

Mit der Aufnahme der Vietnam-Verhandlungen in Paris war zu Beginn des Jahres nicht nur ein monatelanges Tauziehen um die Sitzordnung und andere Prozedurfragen beendet, sondern gleichzeitig die Hoffnung auf eine friedliche Beilegung des Konflikts in Südostasien geweckt worden.

Irland

Nach einer Zeit der relativen Entspannung waren im August blutige Kämpfe zwischen der protestantischen Mehrheit und der katholischen Minderheit ausgebrochen; Besonders die Stadt Londonderry mit ihrem Arbeiterviertel Bogside wurde zum Schauplatz des Aufruhrs.

Frankreich

Ein Gigant stürzte, Frankreich und die Welt verloren eine Persönlichkeit von historischem Zuschnitt. Als Charles de Gaulle die Volksabstimmung über die von ihm befürwortete Senats- und Regionalreform zur Vertrauensfrage machte, ahnten nur wenige die Folgen, die damit für den General und für Frankreich verbunden waren.

Moskau-Peking

Auch in den vergangenen zwölf Monaten wurde eine der bedeutsamsten weltpolitischen Fragen nicht beantwortet, die Frage nach dem künftigen Verhältnis der beiden kommunistischen Giganten Sowjetunion und China.

Unser Ratespiel zum Jahresende

Wie in vergangenen Jahren hat sich die Feuilleton-Redaktion der ZEIT zusammengesetzt und im Kollektiv – der eine hatte diesen Einfall, der andere jenen, ein dritter schrieb es, eine Vierte schrieb es um – "Fälle" ausgedacht, die unsere Leser dazu anregen sollen, sich mit ihnen zu beschäftigen.

Kunstkalender

Der neue Zyklus heißt "Schriftfest in Sofia", entstanden im letzten Sommer, 14 Farbholzschnitte, obgleich die Druckplatten nicht in Holz, sondern in Kunststoff geschnitten sind.

Agonie eines Paragraphen

Der Paragraph 184 unseres Strafgesetzbuches, der unter anderem die Herstellung und Verbreitung unzüchtiger Schriften mit Gefängnis bis zu einem Jahr bedroht, ist genauso alt wie das Jahrhundert; und ruhmreich ist er nicht gerade gealtert.

Lydia Schierning empfiehlt Schallplatten

Felix Mendelssohn Bartholdy und Peter Tschaikowsky: "Violinkonzerte"; Pinchas Zukerman, New Yorker Philharmoniker, Leitung: Leonard Bernstein, Londoner Sinfonieorchester, Leitung: Antal Dorati; CBS 72 768, 25,– DM.

Schallplatte: Nichts zu verbergen

Endlich, endlich eine große Langspielplatte nur von und mit Biermann: neun Lieder und ein Stück aus dem "Wintermärchen". Und Biermann kennt kaum, wer ihn nur liest.

Ungeordnetes ohne Ende

Man könnte es ein musikalisches Sechstagerennen nennen, was sich da dieser Tage in Berlin abspielte, organisiert von einer Avantgardegruppe, die sich selber als "Neue Musik Berlin" bezeichnet.

ZEITMOSAIK

Gegen die häufige "Darstellung von brutaler Gewalt, Roheit und kaltblütigem Mord" im Fernsehen wendete sich die an den Südfunk gerichtete Resolution eines evangelischen Pfarrers und dreihundertneunzehn seiner Gemeindemitglieder, die darin eine "immer frechere Verachtung der Gebote Gottes" sehen.

Showmaster Dali

Die Frage, ob er ein Irrsinniger sei oder ein Genie, ein Scharlatan oder, wie er selbst meint, der Erlöser der modernen Kunst aus Chaos und Faulheit, taucht immer wieder auf, wenn von Salvador Dali die Rede ist, und sie ist durchaus im Sinne dessen, der sie provoziert, denn wenn es an irgend etwas, diesen Mann betreffend, keinen Zweifel gibt, dann ist es sein Selbstbekenntnis: "Die Popularität, selbst die mittelmäßige, entzückt mich.

Korporal Pfeffers Blasmu

Wir sind jetzt populärer als Jesus Christus, hat John Lennon einmal gesagt und so mit dem ihm eigenen Sarkasmus die Tatsache kommentiert, daß das Image der vier englischen Pop-Idole längst in mythische Gefilde entrückt ist.

KRITIK IN KÜRZE

"Die falsche Kiste", Roman von Robert Louis Stevenson und Lloyd Osbourne. Um eine mehrfach verwechselte, irrfahrende Leiche und die listenreiche Fehde präsumptiver Erben geht es in diesem durchaus unseriösen Roman; Unbeteiligte müssen ihre ganze Phantasie aufbieten, um sich des fatalen Inhalts jener ominösen Kiste zu entledigen, und es triumphiert schließlich die souveränste Gerissenheit.

Nützliche Erfindungen

Zu guter Letzt gerät selbst der skeptischste Leser am Ende einer Saison noch an das Buch, auf das er so lange ohne viel Hoffnung gewartet hat und das ihn weder mit einem hohlen Kopf noch mit dem Gefühl entläßt, eine schwierige Pflichtarbeit hinter sich gebracht zu haben.

Ein neues Film-Musical: Ziergewächse im goldenen Käfig

"Hello Dolly" ist eine Edeltanne, so kunstgewerblich und irreal, so glatt mit himbeerfarbigem Zuckerguß überzogen, daß man die Konstruktion und den Drill schon wieder mitsieht, den Schaumgummi spürt und Imprägniermittel zu riechen glaubt.

FILMTIPS

"Das Geheimnis der falschen Braut", von François Truffaut. Der Film ist aufgehängt zwischen zwei Fiktionslandschaften: dem tropischen Reunion zu Beginn und den verschneiten Hochalpen am Schluß.

Fernsehen: Die Nackten und die Tote

So also sieht es aus, in Evian am Genfer See, dachte der Fernsehzuschauer, so also leben die Reichen: Auf dicken Teppichen rollen die Wägelchen mit den Austern und Hummern, am elften Hole (auf dem Golfplatz vor dem Royal, wie wir Evian-Kenner wissen) pflegen die Toten zu liegen, so grün das Gras, so rot das Blut, das Frackhemd weicht dem Leichentuch.

Pop, Op et cetera und die Folgen

Daß Werbung und Kunst nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun haben, gilt – spätestens seit die Werbung zum Gegenstand der Kulturkritik geworden ist – als ebenso selbstverständlich, zumindest unter empfindsameren Schöngeistern.

Hausse ohne Ende

In der Tokioter Börse herrscht ungetrübter Sonnenschein. Nichts Negatives konnte den Kursanstieg bremsen. Die Kurse haben ein neues all time high erreicht.

Die Zukunft des Kapitalismus: Nicht die beste aller Welten

Im Vorabdruck veröffentlichte die ZEIT Auszüge aus den Kapiteln des Buches "Kapitalismus – von Manchester bis Wall Street" (seine Geschichte in Texten, Bildern und Dokumenten, Desch-Verlag, 384 Seiten, 64,– Mark) von Diether Stolze und Michael Jungblut, die sich mit der Zukunft unserer Wirtschaftsordnung beschäftigen.

Spirituosen: Cognacs bester Kunde

Die Weinbrandbrennerei Scharlachberg bestätigte den deutschen Konsumenten guten Geschmack: Am Weinbrandmarkt der Bundesrepublik geht der Verbrauchertrend eindeutig zur guten Qualität.

NAMEN

Bernhard Cornfeld, Chef der IOS, wurde samt Mutter Sophie zu einer Privataudienz bei Papst Paul VI. geladen. Die Audienz soll eine Anerkennung des Papstes für gute Taten gewesen sein: Cornfeld gibt über eine hauseigene Stiftung reichlich für gute Werke.

Automobilmarkt: Ford kauft Blechschneider

Bei der Übernahme von Lancia wurde Ford aus dem Rennen geworfen. Fiat und die Bedenken der Regierung waren zu stark. Jetzt hat der amerikanische Autokonzern auf Umwegen doch noch Eingang in die italienische Automobilindustrie gefunden.

Chemie: Die letzten Taue gekappt

In den ersten Tagen des neuen Jahres werden die großen Drei der deutschen Chemie – Bayer, Hoechst und BASF – das Arrangement über die Tochtergesellschaften bekanntgeben, die ihnen bei der Auflösung der alten IG-Farbenindustrie AG nach dem Kriege gemeinsam zufielen oder an denen sie sich durch Aktienkäufe im Laufe der Zeit beteiligten.

Geschmückt von Kopf bis Fuß

"Seinem Phantasieschmuck würden wir dann Stücke aus Gold und Edelsteinen folgen lassen", ergänzt Walter Huber, Alleininhaber der Firma Schuler & Kun, die unter vielen anderen Kunden auch den berühmten New Yorker Juwelier Tiffany beliefert.

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