Korporal Pfeffers Blasmu

Von Wolf Donner

Wir sind jetzt populärer als Jesus Christus, hat John Lennon einmal gesagt und so mit dem ihm eigenen Sarkasmus die Tatsache kommentiert, daß das Image der vier englischen Pop-Idole längst in mythische Gefilde entrückt ist. Die Wirksamkeit ihrer Musik ist, so drückt es ein wenig überschwenglich der Londoner Designer Alan Aldridge aus, "zu einer faszinierenden Sozialgeschichte unserer Generation und ihrer Kultur" geworden.

Das begann 1963 mit den ersten Berichten über eine plötzlich ausgebrochene Manie, mit Sensationsmeldungen weniger von Konzerten und Songs der Beatles als von den Auswirkungen ihrer Musik auf die Teenager in England und Amerika. Die zweite Phase setzte ein, als 1965 Lennons Bücher "In His Own Write" und "A Spaniard in the Works" erschienen, als zum erstenmal die Beatles-Texte genauer untersucht würden und "progressive" Feuilletons den Beat für sich entdeckten.

Und dann kamen die Intellektuellen. Soziologische, sozialpsychologische und literarische Analysen wurden abgefaßt, Kapazitäten wie Leonard Bernstein und Pierre Boulez sparten nicht mit fachlichem Lob, die Exegeten schlugen sich erbitterte Schlachten, und die Tiefschürferei verstieg sich bis ins Lächerliche und Groteske.

Inzwischen ist Begeisterung zum Pflichtakt geworden, kann die Kritik nur mehr bestätigen, daß die Beatles, was immer sie produzieren, ihr einmal erreichtes Niveau nicht mehr unterbieten können, daß sie großartig sind auch da, wo sie zum werweißwievielten Mal ihre musikalische Vergangenheit neu verarbeiten und die Wirksamkeit der Parodie und des Selbstzitats noch immer zu potenzieren wissen.

Auf der Wellenlänge dieser vorläufig letzten Stufe der Beatles-Rezeption liegt auch

"The Beatles Songbook", herausgegeben von Alan Aldridge, aus dem Englischen von Peter Zentner; Axel Juncker Verlag, München/Zürich; 156 S., Abb., 19,80 DM.

Korporal Pfeffers Blasmu

Das Vorwort des Herausgebers annonciert die Beatles als Ersatzreligion und das Songbook als "ein Porträt der sechziger Jahre", das angeregt wurde durch den "Tiefgang der Liedertexte der Beatles". Man sollte das nicht zu wörtlich nehmen, denn das Buch ist eher eine liebenswürdige Absage an die Deutelei und den bemühten Tiefsinn, und es setzt das legitime Vergnügen an den Beatles-Texten wieder in sein Recht. Keine kritische Darstellung, keine Analyse einer phänomenalen Karriere oder einer Revolution der modernen Musik, kein Werk, aus dem man viel Neues erfährt – aber man hat neunzig Liedertexte, und das ist oft aufregend genug.

Es ist ein kunterbuntes Bilderbuch zum Schmökern und Blättern beim Anhören von Beatles-Platten, zum Mitlesen der Verse und zum Betrachten dessen, was dreiundvierzig Künstlern zu diesen Versen eingefallen ist. Aldridge hat sie aufgefordert, Beatles-Songs zu illustrieren (unter ihnen sind so bekannte Namen wie David Hockney, Rudolf Hausner, Tomi Ungerer und Ronald Searle). Sie entledigen sich ihrer Aufgabe bravourös, mit Cartoons, Comics, Zeichnungen, Ölgemälden, Photos und Photomontagen; mit Bildern, die die zarte Poesie eines Liebesliedes aus der Soul-Periode so adäquat ins Optische übertragen wie das Nonsens-Geplapper und das parodistische Schnulzengeplärre anderer Stücke; Illustrationen, die das ganze Spektrum der Nuancierungen und Stimmungen der Beatles-Songs widerspiegeln, von surrealistischen, phantastischen oder mystischen Wirkungen über psychedelische, verpoppte und modische Trends bis zum verspielten, deftigen Ulk und zur kindlich-naiven Sonntagsmalerei. Stile und Richtungen der Kunst der letzten zehn Jahre geben sich ein Stelldichein, jede Seite bringt eine neue Überraschung.

Ein paar der schönsten, treffendsten, witzigsten Bilder sind die von Patrick zu "Here, There and Everywhere", von Art Kane zu "Within You Without You" und "Strawberry Fields Forever", von Justin Todd zu "Penny Lane" und von Alan Aldridge zu "Helter Skelter", "Sexy Sadie" und zu "I’m Only Sleeping". Nur die zwei makabren Illustrationen von Hausner zum "Fool on the Hill" und zur "Magical Mystery Tour" fallen ein wenig aus dem Rahmen; im übrigen sind die Zuordnung der Bilder zu den englischen Texten und das gesamte Arrangement vorzüglich zu nennen.

Das gilt auch für die eingestreuten Anmerkungen der vier Beatles, die aus der Biographie von Hunter Davies übernommen wurden: Pointen, Gags oder erläuternde Aperçus wie die Bilder. Aber da ist Vorsicht geboten, ist das britische Understatement genauso zu berücksichtigen wie der Hang der Beatles, ihre Interpreten zu irritieren. Soll man Paul die Story glauben, die er zum Titel "Lucy in the Sky with Diamonds" erzählt – oder bleibt man besser bei der alten Version, dem Hinweis auf LSD? Ebensowenig kann und soll wohl die Bemerkung von Yoko Ono: "Ich bin sehr schüchtern. John ist auch schüchtern" die Tatsache überspielen, daß der Song, unter dem das steht ("Everybody’s Got Something to Hide"), an erotischer Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt.

Der lustigste Teil des Buches ist der Anhang. Da werkelt einer an den Songs herum, "deutscht sie ein", und er tut es nach den unsinnigsten, leider nirgends erklärten und begründeten Prinzipien, die er beliebig austauscht und mixt. Was man hätte erwarten und wünschen können: eine Übersetzung, welche nicht zu wörtlich und nicht zu frei Sinn und Inhalt der Songs wiedergibt für diejenigen, die kein Englisch verstehen, die aber die Lieder der Beatles mehr oder weniger auswendig mitsummen – denn so dürfte es wohl den meisten gehen.

Eine authentische Übersetzung dieser Songs kann es nicht geben; hat man nicht schon bei einer freien Bearbeitung, von der Valente oder der Ofarim vorgetragen, ärgerlich den Fernseher abgeschaltet? Selbst ganz klare, schlichte und unkomplizierte Zeilen eines Beatles-Songs klingen, ins Deutsche übertragen, ganz anders, lapidar, albern, angestrengt lässig, oder gestelzt, umständlich und meist unfreiwillig komisch.

Das fängt an mit den Titeln. "Strawberry Fields Forever" sind eben nicht "Erdbeerhänge auf ewig", die "Magical Mystery Tour" ist mehr als eine "Zauberhafte Rätselreise" und "All You Need is Love" bedeutet ziemlich genau das Gegenteil von "Liebe ist genug".

Korporal Pfeffers Blasmu

Übersetzungsprinzip Nummer eins: Man soll jede Zeile in der Originalmelodie auf deutsch mitsingen können. Abgesehen davon, daß man dennoch immer sehr schnell ins Haspeln und Stocken gerät, wenn man es versucht, führt dieser Tick fortgesetzt zu Lächerlichkeiten und Abstrusitäten. "Shine, the weather’s fine" wird, damit Rhythmus und Singbarkeit erhalten bleiben, zu "Sonne. Zählt jeden Strahl". "Will you still need me, will you still feed nie, / when I’m sixty four" wird übersetzt: "Wirst du verehren, / wirst du noch nähren / mich mit sechzigvier Aus "Yesterday" wird, je nach Bedarf, "gesternzeit" oder "gesterntagen", aus "doesn’t have a point of view" wird "Punkte gibt’s nicht, wo er steht", und "mind" wird, in den abenteuerlichsten Kombinationen, immer nur mit "Seele" übersetzt. "Trauernebel hüllt den Seelenball" – solche Zeilen, deren es viele gibt, versteht man erst, wenn man das englische Original nachschlägt.

Um Rhythmus und Melodie zu erhalten, werden auch alle Ahs und Ohs, alle nur gesungenen Laute und musikalischen Schnörkel in die Übersetzung aufgenommen. "Korporal Pfeffer" macht also "Blasmu-, Blasmu-, Blasmusik und das Walroß sagt "Gruu Gruu Gruu Grunnz!", der Sänger von "Misery" steckt am Ende "Uh-uh in Traurigkeit", und der von "Love Me Do" muß flehen "Bitte hab mich lieb, huh huh hab mich lieb". Und "Hey Jude" heißt, wer hätte das gedacht, "Mei-eyn Froooiind".

Kein Zweifel, hier ist ein Talent grotesker Poesie am Werke. Die Zeile "But now I’ve got it the word is good" aus "The Word" heißt in der Übersetzung "Reim dich jetzt, oder ich freß dich", und nach eben dieser Regel wird verfahren. Die Schule wird zur "Schül’", damit sie sich auf "kühl" reimt, Natur wird "Naturale", damit sie zu "alle" paßt; zu "Yellow Submarine" bietet der Übersetzer gleich vier Varianten an: "Tauchseeboot", "Tauchmaschin", "Tauchbooteh" und "Boot, wo taucht" – reimen tun sich alle vier.

Fazit: Man erfreue sich am Songbook und greife auf den Anhang nur als zusätzliche Raritätensammlung zurück. Und halte sich im übrigen an die bei den Beatles oft wiederkehrende Formulierung: "I’d love to turn you on." Sie ist dem Buch auch als Motto vorangestellt und heißt etwa: Ich möchte ench aufdrehen, in Schwung bringen, antörnen oder auch: high machen – keineswegs aber, wie es im Songbook steht: "Ich möcht’ euch so gern anknipsen", und noch weniger: "Ich möcht’ euch Zucker auf den Po streuen."