"Die falsche Kiste", Roman von Robert Louis Stevenson und Lloyd Osbourne. Um eine mehrfach verwechselte, irrfahrende Leiche und die listenreiche Fehde präsumptiver Erben geht es in diesem durchaus unseriösen Roman; Unbeteiligte müssen ihre ganze Phantasie aufbieten, um sich des fatalen Inhalts jener ominösen Kiste zu entledigen, und es triumphiert schließlich die souveränste Gerissenheit. Vertrackt ist dieses makabre Spiel nicht nur für Philologen, die herauszufinden suchen, wer was in das Werk "einbrachte", sondern auch für den Leser, der in der Literatur nach Lebenshilfe und Erbauung fahndet: Der Autor der "Schatzinsel" und sein Stiefsohn haben sich gar nicht erst bemüht, ihrem Spaß an kunstvoll konstruierter Verwirrung und Lösung der roten Fäden, an der unerquicklichen Gesellschaft skurriler Typen, an dünnblütiger Dialogwitzigkeit und boshafter Situationskomik ein moralisierendes Mäntelchen umzuhängen. "Wohlbedachte Leichtfertigkeit", abwegiges Amüsement mit dem haut goût des Unangebrachten, ein frivoles, mitunter abgründiges Vergnügen sind hier Programm und Selbstzweck. (Carl Hanser Verlag, München; 330 S., 16,80 DM)

Rainer Zimmer

"Die Kunst, Schiller zu sprechen" von Ernst Bloch. "Phantasie ohne Lüge", danach sucht Bloch in dem vorliegenden Band mit einer Auswahl von Aufsätzen zur Literatur der Vergangenheit und Gegenwart. Und die seinem ideologiekritischen, Utopisches aufspürenden Blick standhalten, sind: Lichtenberg (den er in Verwandtschaft mit Jean Paul und Walter Benjamin sieht als Beobachter des vielsagenden "Nebenbei"); der Hauff des "Wirtshaus im Spessart", Pontoppidans – heute vergessener – Roman "Hans im Glück", der Expressionismus (dem er selber ja verpflichtet ist und den er, kenntnisreich und wahrhaft marxistisch, gegen Lukács verteidigt, der bekanntlich oft so schematisch und bürokratisch urteilt wie irgendein Kulturfunktionär aus Kottbus) und die Erzählungen aus Hebels "Rheinischem Hausfreund". Höhepunkt des Bandes: Blochs 1955 in Jena gehaltene Schiller-Rede, die sich mit der berühmten Oratio Thomas Manns durchaus messen kann und in der dem Überholenden, Feurig-Vorausdeutenden, Utopisch-Unbedingten in Schillers Dichtung nachgespürt wird. Womit Bloch nicht zu Rande kommt, ist die Frage nach dem Roman, in den unsere Gegenwart eingegangen wäre: Warum fehlt der große Zeitroman, den es doch in der Vergangenheit gab? Bloch findet keine Antwort; vielleicht ist die Frage falsch gestellt, weil sie auf ein künstlerisches Monument, eine Monumentalität zielt, die es nicht mehr geben kann zu einem Zeitpunkt, wo doch – laut Bloch – "die Geburt der Utopie" eher "aus dem Geist der Destruktion" zu erwarten ist. (BS 234, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 162 S., 6,80 DM)

Jörg Drews