Frankfurt Bis zum 15. Januar, Galerie Appel und Fertsch: "Josua Reichert"

Der neue Zyklus heißt "Schriftfest in Sofia", entstanden im letzten Sommer, 14 Farbholzschnitte, obgleich die Druckplatten nicht in Holz, sondern in Kunststoff geschnitten sind. Nach dem "Russischen Initialenbuch" und anderen Alphabeten bearbeitet Josua Reichert jetzt das bulgarische, in den Landesfarben Weiß-Rot-Grün und dem für seine strenge Koloristik unerläßlichen Schwarz. Kompositionen mit einem oder mehreren kyrillischen Buchstaben oder, im äußersten Fall, eine "buchstabenähnliche Figur". Reichert ist Typograph, er ist unter all den phantasievollen und ambitionierten Lettristen der einzige, der bei seinen Lettern bleibt. Lettristik in Minimal Art. Man ist bei Reichert immer erst erstaunt und enttäuscht, daß auf den Blättern so wenig passiert. Am Ende wirken seine monumentalisierten Buchstaben stärker als jede skripturale Malerattitüde.

Köln Bis zum 20. Januar, Galerie der Spiegel: "Christo"

Der Verpacker Christo war von Australien angereist, um in Köln das zu tun, was man eben von ihm erwartet. Er verpackte nicht den Kölner Dom und nicht die Kunsthalle, sondern bloß die unteren Räume der Galerie, die in ihren oberen Räumen die Entwürfe, Zeichnungen und Collagen zu seiner jüngsten spektakulären Großverpackungsaktion ausstellt. Die unteren Räume – ein abgestandener Witz, schade um die schöne Leinwand, die überall herumliegt und auf der man herumtrampelt, man lacht ein bißchen gequält, aus Verlegenheit oder aus Höflichkeit. Verpacken gehört zum Image wie Klappern zum Handwerk. Der Tick, die Marotte, die Masche eines Künstlers, um Schlagzeilen zu machen. Denkt der Besucher, soll er denken, bevor er in die oberen Räume kommt, um dann vor Christos "packed coasts" zu kapitulieren, die gerahmt als eine neue Art von Tafelbild an der Wand hängen. Das Unternehmen, für das sie als Entwürfe und nach dem sie als Modelle entstanden sind, hat an der Little Bay in der Nähe von Sydney stattgefunden. Unter Christos Kommando waren 200 Mann, darunter 60 Freiwillige, ein Pionierhauptmann und 8 Alpinisten damit beschäftigt, eine Meile Strand und Steilküste (bis zu 30 m hoch) zu verpacken. Die Plane wurde vertäut und mit Tausenden von Bolzen festgeschossen. Das Publikum konnte gegen Entgelt bei der Aktion zusehen. Die ausgestellten Photos dokumentieren das absurde Unternehmen. TV und Life sind dabeigewesen. Warum verpackt Christo die Küste? Warum landen Astronauten auf dem Mond? Die "packed coasts", Tafelbilder, vermitteln neue optische Informationen. Geologische Unebenheiten, Falten, Schründe erscheinen als formale Strukturen, denaturierte Natur als ästhetisiertes Objekt. Erst ein Stück Landkarte, topographische Fakten, dann die photographierte und gezeichnete Küste, in manchen "Bildern" dominiert sogar die Zeichnung, Christo ist ein exzellenter Zeichner, darüber die gleiche Küste, in Leinwand verschnürt. Sie hat eine romantische und eine rationale Dimension. Christo romantisch auf der Spur von Caspar David Friedrich, der Mönch am Strand, glitzernde Eisschollen, Einsamkeit. Andererseits: uns wird Natur nur noch zivilisatorisch verpackt, in Cellophan, im Frischhaltebeutel geliefert. Im Mai wird Christo einen Park verpacken.

Gottfried Sello

Weiterhin im Programm:

Bremen Bis zum 20. Januar, Galerie Michael Hertz: "Renato Guttuso"