Von Gottfried Sello

Keiner von den Altmeistern, kein Künstler der Picasso-Generation hat so entschieden von den sechziger Jahren profitiert wie Léger. 1957, als das Werk in München im Haus der Kunst gezeigt wurde, sah man ihn in der Rolle des Außenseiters, ohne jeden Bezug zum aktuellen Geschehen. Noch 1962 schrieb Robert Delevoy in seiner bei Skira erschienenen Monographie, er habe nicht den geringsten Einfluß auf die jüngere Generation geübt. Ein Irrtum, wie wir heute wissen. Sein Einfluß war nur suspendiert. Léger mußte warten, bis die Enkel an die Reihe kamen.

Die Pop Art und alles, was sie in realistischen Energien freisetzte, haben Lagers Wiederkehr vorbereitet, haben ihn von der Peripherie ins Zentrum gerückt. Man sieht ihn als Protagonisten der neuen amerikanischen Malerei, weil er die Realität direkt, ohne artifizielle Umstände ins Bild holt. Er gibt sich unkompliziert und unproblematisch. Sein Werk ist frei von Zwangsvorstellungen, Neurosen und psychologischen Skrupeln. "Psychischer Ausdruck war für mich eine zu sentimentale Angelegenheit." Das Stereotypische rangiert vor dem Individuellen, Anonymität vor der singulären Emotion. Lagers postumer Erfolg resultiert weitgehend aus negativen Kriterien, Verzicht auf Psychologie und Expressivität, Verzicht in formaler Hinsicht auf das, was der Ecole de Paris heilig war, auf Peinture.

Léger wird heute, am Ende der sechziger Jahre, als der große Mann gepriesen, der als einziger in der Ecole de Paris der formalästhetischen Versuchung widerstanden, der sich thematisch engagiert hat. In Léger hat man endlich den Maler entdeckt, der die gesellschaftliche Realität überhaupt zur Kenntnis nahm, der sie zum Angelpunkt seines Schaffens gemacht hat. Picasso bleibt in einer Welt der Artisten und Seiltänzer und Mythologien, Chagall malt Träume und Märchen, Klee begab sich auf den Weg ins Innere der Schöpfung, Kandinsky identifizierte das Geistige in der Kunst mit der Abstraktion. Léger dagegen thematisierte die moderne Arbeitswelt mit ihrem technologischen Horizont, mit ihrem Objekt und Subjekt, den Hauptbeteiligten am Arbeitsprozeß, Mensch und Maschine.

Gleichgültig wie sie miteinander umgehen, wer wen beherrscht, der Arbeiter die Maschine oder umgekehrt, zu wessen Vorteil Arbeit geleistet wird und Produktion stattfindet, allein die Tatsache, daß der Arbeiter, der Proletarier, der homme machine als Bildmotiv fungieren darf, hat Léger zu dem außerordentlichen Prestige verholfen, das er heute bei der Neuen Linken genießt.

Léger gilt als der Maler des Proletariats, als proletarischer Maler. Hinzu kommt, daß sich Léger, wie jedermann weiß und wie er selber oft und offen genug betont hat, zum Kommunismus bekannt hat, womit der ideologische Zirkel sich schließt. Die politische Haltung verbindet und unterscheidet Léger von Picasso.

Die beiden Altmeister der modernen Kunst, beide vom gleichen Jahrgang 1881, sind oder waren überzeugte Kommunisten. Für Picasso sind Politik und Kunst zwei getrennte Bereiche. Léger dagegen erscheint als der bessere Kommunist, weil er politische Aktivität in seine Malerei hineingenommen habe, er ist auch politischer, Picasso jedoch nur künstlerischer Revolutionär. Léger wird als der wahrhaft Progressive apostrophiert, Picasso in die Rolle des Regressiven abgedrängt.