Nach zwei Monaten gesammelten Schweigens stellte Hans Leussink, der Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, in der vergangenen Woche das Arbeitsprogramm seines Hauses vor. Die Präsentation konnte schon deshalb besonderer Aufmerksamkeit sicher sein, weil jene Zeichen, die Bundeskanzler Willy Brandt in der Innenpolitik zu setzen versprach, vor allem von der Bildungspolitik der Bundesregierung erwartet werden. Erfolge wären hier am wirkungsvollsten, zweifellos sind sie aber auch am schwierigsten zu erreichen. "Die Lage des Bildungssystems in der Bundesrepublik", bestätigte Minister Leussink, "ist an vielen Stellen kritisch, wenn nicht sehr kritisch geworden."

Von dem neuen Bundesbildungsminister in dieser akuten Krisensituation den großen Heilsplan zu erwarten, ist illusionär. Was er anbot, war ein Mammutprogramm von konkreten Absichten, an erster Stelle die Sofortmaßnahmen im Hochschulbereich, weil dort die durch die Expansion der Studentenzahlen verursachte Notlage am größten ist.

Als geeignetes Kampfinstrument sieht der Minister den im Hochschulbauförderungsgesetz vorgesehenen Planungsausschuß an, der ursprünglich die Aufgabe haben sollte, für die Jahre 1972 bis 1976 den ersten von Bund und Ländern gemeinsam erarbeiteten Rahmenplan für das Hochschulwesen vorzubereiten.

Wenn dieses Gremium am 16. Januar zu seiner konstituierenden Sitzung zusammentritt, soll nun die Planung eines Notprogramms, in das der gesamte Hochschulbereich einbezogen wird – unabhängig davon, wie "wissenschaftlich" oder nur "fachlich" die einzelnen Hochschulen sind –, seine erste und dringendste Arbeit sein.

Leussink plädiert für gezielte Maßnahmen in den Engpaßfächern, für eine drastische Verkürzung der Planungszeiten unter Verzicht "auf persönliche Vorstellungen und Wünsche", für den Umbau geeigneter Gebäude (auch Schulen) und für die Doppelnutzung der Gebäude im Schichtbetrieb, um zusätzliche Raumkapazitäten zu schaffen.

In jeder Hochschule soll ein Kapazitätsausschuß eingesezt werden, der dem Planungsausschuß bis Mitte 1970 zuverlässige Angaben über die vorhandenen Studienplätze macht. Um festzustellen, wie viele Studienanfänger welches Fach studieren wollen, soll unter den Abiturienten des Jahres 1970 erstmals eine Erhebung durchgeführt werden. Für alle Hochschulen fordert Leussink hauptamtliche Studienberater. Die zentrale Registrierstelle in Hamburg soll zu einer Vermittlungsstelle für Studienplätze entwickelt werden.

Um die Zahl der Lehrkräfte an den Hochschulen beschleunigt zuerhöhen, wird vorgeschlagen, Lehrkräfte mit Zeitverträgen anzustellen, Assistentenstellen durch eine verstärkte Promotionsförderung von Doktoranden zu entlasten und mit der dringenden Änderung der Lehrkörperstruktur nicht auf die Verabschiedung des Hochschulrahmengesetzes zu warten, sondern daran schon vorher durch eine Novelle zum Beamtenrechtsrahmengesetz zu arbeiten.