Auch in den vergangenen zwölf Monaten wurde eine der bedeutsamsten weltpolitischen Fragen nicht beantwortet, die Frage nach dem künftigen Verhältnis der beiden kommunistischen Giganten Sowjetunion und China. Als am 2. März die Nachrichten von den blutigen Zusammenstößen auf der Damanski-Insel im Grenzfluß Ussuri um den Erdball liefen, hielt die Welt den Atem an: Die Entladung des seit langem schwelenden chinesisch-sowjetischen Konflikts in einen Krieg von unübersehbaren Ausmaßen schien sich anzudeuten. Es kam zu weiteren Gefechten am Ussuri und im Grenzgebiet Sinkiang. Moskau und Peking wechselten schärfste Protestnoten. In den beiden Riesenreichen kam es zu Demonstrationen, an denen in China mehrere "hundert Millionen" Menschen teilnahmen.

Zu Ansatzpunkten für eine Entspannung kam es, als der sowjetische Ministerpräsident Kossygin auf der Rückreise von der Beerdigung Ho Tschi Minhs am 11. September überraschend für mehrere Stunden in Peking zwischenlandete und zu einem Gespräch mit seinem chinesischen Amtskollegen Tschu En-lai zusammentraf. Die beiden Regierungschefs vereinbarten Verhandlungen über die Grenzsituation. Sie wurden fünf Jahre nach den letzten politischen Gesprächen zwischen der UdSSR und China am 20. Oktober in Peking aufgenommen.

Von chinesischer Seite wurde keine Rückgabe der umstrittenen Grenzgebiete gefordert, sondern lediglich die Anerkennung der These, daß die heutige sowjetisch-chinesische Grenze auf den unter den Zaren abgeschlossenen "ungleichen Verträgen" beruhe. Über den Verlauf der Gespräche wurde bisher strenges Stillschweigen gewahrt.