Die City als Kunstschule – Streik an der Met – Stücke mangel am Broadway – 900 000 Dollar für Coco Theaterexperiment in der Kirche

Von Stanley Kauffmann

Weihnachten in New York – hier wie überall mehr denn je das Fest für große Einkäufe und kleine Kinder. Prachtvolle Geschäftsauslagen in der Fifth Avenue und der riesige Weihnachtsbaum im Rockefeller-Center sind die Accessoires einer weihnachtlich glanzvollen Kulisse, hinter der sich abgenutzte Tradition mit obligatorischem exotischen Grünzeug und Kerzenschein offenbart. Wo an diesen Tagen keine Kinder in der Familie sind, ist das ganze sogenannte Fest nur noch eine Tortur. Das alte Lied vom kommerzialisierten Weihnachtsfest wird übertönt von der Klage, daß eigentlich alles nur noch ermüdend sei.

Zudem lastet über der Stadt – ja über der ganzen Nation – in diesem Jahr neben dem immer noch andauernden Vietnamkrieg die große Bestürzung und Trauer über die hinausgezögerten Nachrichten aus Song My.

Freilich, über eine so große Stadt wie New York gibt es keine allgemeingültige Aussage. Trotz der sich ausbreitenden Einstellung, Weihnachten sei eine aufreibende Zeit, die wir irgendwie überleben müssen, trotz den zermürbenden Berichten aus dem fernen Kontinent über – vielleicht – Massenermordungen hat diese Stadt nichts von ihrer unermüdlichen Aktivität eingebüßt.

Zum Beispiel besuchten Tausende von Amerikanern die große Kunstausstellung "New York Painting and Sculpture: 1940–1970" im Metropolitan Museum, die Henry Geldzahler, der Kurator für Zeitgenössische Kunst, arrangierte. Allerdings war das Urteil der Presse fast ausnahmslos vernichtend. Harold Rosenberg schrieb im New Yorker, Geldzahler habe die Stadt wohl mit einer Kunstschule verwechselt. Hilton Kramer von der New York Times äußerte sich über Ausstellung und Auswahl der Werke mindestens ebenso negativ und bezeichnete den von Geldzahler verfaßten Katalogtext als "vorwiegend albernes Geschwätz".

Ich möchte hier keine Künstler namentlich anführen, aber mir persönlich wurde nach dem Besuch der Ausstellung der Grund für mein schwindendes Interesse an der Malerei und Bildhauerei der letzten zehn bis fünfzehn Jahre klar. Zu vieles erscheint einfach leblos, Materie, abstoßend oder egozentrisch. Doch das ändert nichts an dem sehr großen Erfolg dieser Ausstellung beim Publikum, und für die dubiose Karriere von Thomas Hoving, dem Direktor des Metropolitan Museum, ist das ein weiterer Schritt. Seit seiner Amtsübernahme immer das gleiche: ein großer Erfolg beim Publikum und ein Durchfall bei den Kritikern. Auf diese Weise schaukelt sich diese Met empor.