Wolf Biermann: "Chausseestraße 131"; Wagenbachs Quartplatte 4, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin; 19,– DM

Endlich, endlich eine große Langspielplatte nur von und mit Biermann: neun Lieder und ein Stück aus dem "Wintermärchen". Und Biermann kennt kaum, wer ihn nur liest. Seine Lieder sind nicht einfach musikalische Untermalungen und Garnierungen seiner Texte: Text, Melodie und Vortrag sind bei ihm von vornherein so angelegt, daß sie zusammengehören. Was im bloßen Text flach wirkt, gewinnt gesungen unvermutete Intensität; scheinbare Sentimentalitäten werden ironisiert, Pathos wird entkrampft, Beiläufigkeiten wächst Pathos zu. Für sich genommen, sind Wort und Musik von kalkulierter Unvollkommenheit; erst ihr Mit- und Gegeneinander, ihre Interferenzen und Spannungen ergeben den vollen, komplexen Sinn. Denn Biermann ist nicht einer, der sich um seiner sozialistischen Überzeugung willen von der Anstrengung dispensiert hat, alle Intelligenz und Phantasie zusammenzunehmen. Zwischentöne erscheinen ihm nicht unangebracht.

Die Plattenhülle zeigt ihn klein, freundlichmißtrauisch und abwartend inmitten seines Mobiliars; der Gitarrenhals ragt provokativ aus dem Ledersessel. Die Platte heißt: Chausseestraße 131. Und das ist einfach Biermanns Adresse. In die Lieder und zwischen die Lieder dringt der Lärm von der Straße. In diesem Fall ist das alles nicht belanglose Verpackung. Wenn ästhetisch genannt zu werden verdient, was die Wahrheit einer Situation auf die prägnanteste und natürlichste Weise vermittelt, erhält die Platte dadurch eine weitere ästhetische Qualität. Was damit gesagt wird: Hier sitze ich in Berlin-Ost, soweit wohlauf, von Märtyrerposen will ich nichts wissen; die Vorzüge eines Aufnahmestudios allerdings stehen mir nicht zur Verfügung; da draußen, das sind die Leute, die ich hier immer höre und von deren Gedanken manches in meinen Liedern steckt, die aber mich nicht hören dürfen, weil meine Obrigkeit findet, daß ich dem Sozialismus Schande mache – urteilt also bitte einmal selber; im übrigen habe ich nichts zu verbergen, meine Adresse ist bekannt.

Biermann jammert nicht auf dieser Platte; er ist wütend und heiter: mich kriegt ihr nicht so leicht klein mit eurem Boykott, ich kann unwahrscheinlich halsstarrig sein. Weiß der Gott, den er seine Oma Meume in Hamburg zugunsten des Kommunismus anrufen läßt, wieviel Anstrengung ihn diese Haltung kostet. Er jedenfalls hat sich entschlossen, die Identität zwischen seiner Sache und seinem Leben aufrechtzuerhalten. Kein "eigentlich meine ich wohl, aber wie die Verhältnisse nun einmal sind..." – das macht ihn vielen, die die gleiche Kraft nicht aufbringen, unheimlich. Seine Sache ist der Kommunismus: "So oder so, die Erde wird rot: Entweder lebendrot oder todrot..." – aber ein Kommunismus der Freiheit; ein Kommunismus als Voraussetzung der Freiheit, nicht als Rechtfertigung für kleinbürgerliches Bürokratentum. Einen angepaßten Sänger mit verschämten Hintergedanken hat er nicht vor abzugeben, um dem gitterlosen, aber schalldichten Käfig zu entkommen, in den er gesetzt wurde. Wie lange kann das einer durchhalten, ohne daran kaputtzugehen? Ohne konkrete Hoffnung? Während sich ringsum fast alles arrangiert? Sich im Recht zu wissen, genügt nicht; es braucht Rückgrat, sich nicht vereinnahmen zu lassen, weder von Ost noch von West; und es braucht ein Betätigungsfeld, auf dem man mit sich ins reine kommt – für Biermann sind es seine Lieder. Sie sind mit seiner Sequestrierung gewachsen. Dieter E. Zimmer