Von Martin Gregor-Dellin

Zu guter Letzt gerät selbst der skeptischste Leser am Ende einer Saison noch an das Buch, auf das er so lange ohne viel Hoffnung gewartet hat und das ihn weder mit einem hohlen Kopf noch mit dem Gefühl entläßt, eine schwierige Pflichtarbeit hinter sich gebracht zu haben.

Ich gestehe, daß mir die Entdeckung Theodor Weißenborns auf diese Weise widerfuhr, denn ich beurteilte ihn bisher nur nach seinem 1964 erschienenen Roman "Außer Rufweite", den man in vielseitigem Interesse eben dort lassen sollte: nicht mehr heranziehbar zur Charakterisierung dieses Autors. Doch läßt sich aus dem Abstand, den Weißenborns neuere Arbeiten zu 1964 gewonnen haben, eine Lehre ziehen: Es ist grundfalsch, einen Autor zu früh auf seinen Rang, seinen Anteil am großen Kuchen zeitgenössischen Wohlwollens festzulegen, und es sollte auch heute noch zu den Regeln kritischen Anstands gehören, in jedem Außenseiter den potentiellen Dichter von morgen zu vermuten. Ein Buch wie dieses kann schon mehr sein als ein Ausrufezeichen –

Theodor Weißenborn: "Eine unbefleckte Empfängnis", Erzählungen; Diogenes Verlag, Zürich; 295 S., 16,80 DM.

Die Lesegewohnheit, aus einem Band mit Geschichten immer zuerst die kürzeste herauszugreifen, ist nicht nur eine Untugend. In Wahrheit zeigt sich gerade hier, am knappsten Beispiel, welches spezifische Gewicht eine Prosa besitzt, was Sprache oder Fabel an Genauigkeit des Genauen zu leisten vermögen. Scheitert einer hier nicht, scheitert er selten. Die Erzählung "Menschenkuchen", acht Seiten Umfang, beginnt mit den Sätzen: "Anfangs sprachen sie noch miteinander. Nannten sich heim Namen und versuchten, Vierbeiner schon, die alten Gesten der Zärtlichkeit." Das Einleitungsmotiv einer Umkehrung. Ein Fabrikantenehepaar tauscht mit seinem Pudelpärchen die Rollen.

Nur ein Scherz? Nicht umwerfend, aber man beginnt gespannt von vorn zu lesen. Die Geschichten verlieren mit ihrem scheinbaren Scherzcharakter auch ihre Gleichartigkeit. Im Gegenteil, Ungleichartigkeit herrscht sechzehnmal: Flexibilität der darstellerischen Mittel, die der Stil integriert. Stil und Sujet desavouieren einander nicht. Weißenborn kann es sich leisten, die Geschichte einer Verführung, einer Schändung zu erzählen, "Eine unbefleckte Empfängnis", die Geschichte der Maria Plattefüß aus Neheim-Hüsten, über die in der Maske des Engels der Satan kommt. Er stößt ihr den Dolch in den Leib, unter dem Gelächter der Verschwörer, der Komplizen, die johlen und sie umtanzen, so daß Verstörung sie umfängt.

Der Klappentext enthält ausnahmsweise keine Anpreisung der Titelgeschichte, sondern Zitate für oder wider. Er erteilt Heinrich Böll das Wort zu der sachlichen Feststellung, er finde "Ort, Personen und Handlung genau richtig plaziert und im übrigen einen tiefen religiösen Sinn in dieser Leidensgeschichte einer Magd", während ein Leserbrief nach dem Abdruck in "konkret von Schund, Schweinerei, dreckiger Pornographie und Provokation der gesamten katholischen Christenheit spricht. Es ist mehr; es ist Dichtung. Weißenborn gelingt das seltene Beispiel einer imitatio animae, die dichterische Stimmführung eines Ichs, aus der mehr resultiert als Rollenprosa. Einzigartig, wie hier Wahn und Naivität ineinandergehen. Das Heilserwarten einer armen Kreatur, die in der Vereinigung die Kommunion erkennt, und dann der schauerliche Umschlag ins Erschrecken, das Erwachen in Umnachtung – gespanntere, tiefere Versenkung ist kaum möglich, und nur Bigotterie kann daran Anstoß nehmen.