Die Frage, ob er ein Irrsinniger sei oder ein Genie, ein Scharlatan oder, wie er selbst meint, der Erlöser der modernen Kunst aus Chaos und Faulheit, taucht immer wieder auf, wenn von Salvador Dali die Rede ist, und sie ist durchaus im Sinne dessen, der sie provoziert, denn wenn es an irgend etwas, diesen Mann betreffend, keinen Zweifel gibt, dann ist es sein Selbstbekenntnis: "Die Popularität, selbst die mittelmäßige, entzückt mich." Nicht zufällig heißt eines der wichtigen Bilder dieses wild um sich schlagenden Exhibitionisten "Le grand Masturbateur": Seine große "Kosmogonie", in deren Zusammenhang er seiner Malerei nur einen geringen Stellenwert zubilligt, reduziert sich allzu schnell immer wieder auf die Inszenierung eines Happenings ums grandiose Ich. Es gibt in der Malerei kaum etwas, was Dali nicht kann, keinen Stil und keine Technik, die er nicht souverän beherrscht, und dieses Singuläre seines Talents scheint auch gleichzeitig seine Begrenzung auszumachen, die gelegentliche Unverbindlichkeit seiner surrealen Bildinszenierungen, deren elegant arrangierte Symbolwelt im Vergleich zu, beispielsweise, Chirocos magischer Dingwelt oft wie surreale Genremalerei wirkt. Auf die Frage: Genie oder Paranoiker? gibt es vorerst keine Antwort, auch nicht durch den soeben erschienenen, exquisiten und in seiner Art vollkommenen Bildband, der den Meister des Showbusiness auf eine so kongeniale Weise präsentiert ("Dali", mit einem biographischen Essay von Max Gérard; Propyläen Verlag, Berlin; 258 S., 243 teils farbige Abb., 145,– DM), daß man damit ein Stück Dali in der Hand zu halten meint, wodurch allerdings, wie wir von ihm selber wissen, Kritik an Dali ausgeschlossen ist.

Petra Kipphoff