Von Paul Moor

Man könnte es ein musikalisches Sechstagerennen nennen, was sich da dieser Tage in Berlin abspielte, organisiert von einer Avantgardegruppe, die sich selber als "Neue Musik Berlin" bezeichnet. Manches von dem, was da passierte, kann man eigentlich nicht gut beschreiben; trotzdem möchte ich es versuchen, denn einer zusammenhängenden Kritik entzieht sich das Geschehen nahezu völlig.

Um gleich das Schlimmste loszuwerden, fange ich beim vorletzten Ereignis an. Die Aussicht auf Rock und Elektronik hatte hier an die 2000 Fans ins Auditorium maximum der Technischen Universität gelockt, kaum jemand über dreißig, beinahe jeder aber hippiesk.

Ein Pärchen machte den Anfang auf dem Podium, beide für diese Aktion nackt bis zur Hüfte. Sie hatte sich den Begriff ANIMA über ihre ziemlich flachen Brüste malen lassen, er kokettierte mit dem Wort SOUND. Sie bearbeitete erbarmungslos, aber nicht ungeschickt eine erstaunliche Vielfalt von Trommeln, jaulte, kicherte und schrie unsinnige Improvisationen in ein Mikrophon, er quetschte derweil verschiedene widerwärtige und üble Geräusche aus einer Art gewundenem ventillosen Horn Marke Eigenbau.

In einer anderen Rockgruppe gab es einen jungen Mann, ebenfalls in unvergleichlichen Jeans, der sofort einen beispiellosen Anfall hatte, über ein Tambourin herfiel und das arme Ding wie wild gegen seine linke Handwurzel knallte. Nach ein oder zwei Minuten dann ließ er seine Hose fallen, kletterte hinaus, wollte unbedingt und ohne daß es direkt zur Sache gehört hätte seinen Körper vorführen – der war ebensowenig außergewöhnlich wie der von Fräulein ANIMA –, kehrte dann zu seinem Minnesang zurück, um uns mit den letzten Triumphen eines Elektronikgenies bekannt zu machen bei einem Lautstärkepegel von sicherlich siebenfachem Fortissimo.

Ein Projektor warf beziehungslos aufeinanderfolgende verschwommene Bilder auf eine große Leinwand. Der Tiefpunkt dieser ganzen Serie – und hoffentlich damit auch meiner ganzen vergangenen wie zukünftigen Konzertbeobachterpraxis – wurde erreicht von einer Projektion ungeheuer vergrößerter Umrisse von Mehlwürmern, die man zwischen zwei Glasplatten geklemmt und dann in den heißen Lichtstrahl des Projektors geschoben hatte.

Als die Rockgruppe ihre ohrenbetäubende Monotonie fortsetzte und der pathologische Exhibitionist auf der Bühne sich anmerken ließ, er werde wohl gleich versuchen, sich selber zum Platzen zu bringen, bereitete uns die Leinwand den Genuß sauberer einzelner qualvoller Zuckungen von einzelnen Insektenbeinchen, als die Projektorlampe die bis dahin noch lebendigen Tiere ohne Grund quälte und nach und nach auch das letzte bißchen Leben gratis und franko verbrannte.