Empfohlen zum geistigen Wettbewerb in Familien, Kommunen und anderen sozialen Kleinstgebilden:

Wie in vergangenen Jahren hat sich die Feuilleton-Redaktion der ZEIT zusammengesetzt und im Kollektiv – der eine hatte diesen Einfall, der andere jenen, ein dritter schrieb es, eine Vierte schrieb es um – "Fälle" ausgedacht, die unsere Leser dazu anregen sollen, sich mit ihnen zu beschäftigen.

Vielleicht ist es nicht nur unterhaltend, vielleicht ist es auch ganz lehrreich, an einem ruhigen Abend einmal darüber nachzudenken: daß so viele, zuweilen wohl geliebte, zuweilen sogar liebenswürdige Gestalten aus Werken der erzählenden, der musikalischen und der bildenden Kunst im Sinne unseres Strafgesetzbuches Delinquenten sind.

Geschildert werden also kriminelle Verhaltensweisen, deren sich eine Figur schuldig gemacht hat, die in manchen Fällen wirklich, in anderen Fällen gewiß nie gelebt hat: die wir jedenfalls vor allem aus Kunstwerken (im weitesten Sinne) kennen.

In diesem Sinne sind es also fiktive Charaktere, auf die wir nun die Bestimmungen des deutschen Strafgesetzbuches angewandt haben, obwohl sich das Leben dieser Charaktere, auch wo sie wirklich gelebt haben oder wenn sie wirklich gelebt hätten, räumlich oder zeitlich oder sowohl räumlich wie zeitlich in Gefilden abgespielt hat oder hätte, in denen das deutsche Strafgesetzbuch von 1969/70 nicht gilt.

Kurz: geschildert werden die Verbrechen von Kunst-Figuren (die einmal wirklich gelebt haben mögen oder nicht), gefragt wird: Wer ist gemeint – also zum Beispiel: Wotan aus Wagners Ring oder Rembrandts Nachtwächter? (Keiner der beiden Falle kommt vor, es sind nur Beispiele.)

Hinzuzufügen wäre noch, daß wir den Versuch, eine stilechte juristische Diktion zu finden, sei es des Urteilsspruchs, sei es des Plädoyers, sei es auch nur des Gerichtsberichts, schnell wieder aufgegeben haben. Fiktiv wie die "Verbrechen" ist die Diktion, in der plädiert, verteidigt, verurteilt, berichtet wird.