Es ist überaus begrüßenswert, wenn Themen romanhaften Charakters von einem zünftigen Historiker aufgegriffen werden, der mit methodischer Schulung die nicht immer selbstverständliche Kunst anschaulicher Erzählung verbindet. Joachim Kühn, ein Schüler Hans Delbrücks, verfügt zudem über berufliche Erfahrungen einer diplomatischen Karriere – zuletzt war er Botschafter der Bundesrepublik in Mexiko. Da er in Paris eine Fülle unbekannten Materials aufgespürt hat, verdanken wir ihm eine Reihe von Biographien zur Geschichte der Familie Bonaparte: "Königin Hortense und ihre Söhne", "Pauline Bonaparte" und "Prinzessin Mathilde". In seinem neuen Buch

Joachim Kühn: "Ehen zur linken Hand in der europäischen Geschichte"; K. F. Koehler Verlag, Stuttgart 1969; 431 Seiten, 26,50 DM

wird ein Problem behandelt, das bis zum Ende der deutschen Dynastien im November 1918 nicht nur menschlich, sondern auch in seinen politischen Folgen von Interesse ist. Schon bevor sich das Gottesgnadentum herausbildete, wurden fürstliche Verbindungen vom Prinzip der Ebenbürtigkeit bestimmt, das noch aus der germanischen Vorzeit stammte. Zum Regieren waren nur Familien berechtigt, die der magischen Kraft des sanguis regius, des Herrscherbluts, teilhaftig waren. Daneben kam es aber auch zu Ehen mit Frauen, die sich mit dem Zustand einer Mätresse nicht zufriedengaben – zum Beispiel zwischen der Marquise de Maintenon und Ludwig XIV. – oder weil ein Souverän ein Eheglück, suchte, das er bei der offiziell angetrauten Gemahlin nicht oder nicht mehr fand. Vor der Regelung durch die katholische Kirche im Trientiner Konzil (1545–1563) genügte dazu sogar ein einfaches Versprechen "vor Gott". Doch nur in seltenen Fällen, nämlich wenn die erbberechtigten Agnaten einverstanden waren, wurde diesen Ehefrauen der von ihnen zumeist erstrebte Zugang zur herrschenden Kaste gewährt. Sie standen sozial und vermögensrechtlich hinter den "ebenbürtigen" Ehefrauen.

Der Verfasser schildert in seinen Porträts nicht nur das menschliche Schicksal, sondern auch die gesellschaftlichen Umstände, die religionsgeschichtlichen Probleme und die politische Bedeutung dieser: Eheschließungen. Das geschieht mit psychologischer Einfühlung, umfangreicher Geschichtskenntnis und zuweilen ironischer Distanz. Quellenkritische Fragen und historiographische Themen werden gesondert behandelt. Die Darstellungen erinnern an das geflügelte Wort, daß die Wirklichkeit dramatischer sein kann als die Dichtung. Auch werden allerhand Legenden zerstört. Agnes Bernauer, der "Engel von Augsburg", die auf Befehl des regierenden Herzogs Ernst von Bayern 1435 bei Straubing in der Donau ertränkt wurde, wird der Märtyrerinnenkrone entkleidet. Sie war weder ein Engel noch von Augsburg – Kühn nennt sie einen "Vamp". Doch auch der Herzogssohn, den sie aus Ehrgeiz heiratete, erscheint nicht als der ritterliche Held, den die Dichtung aus ihm gemacht hat. Philippine Weiser, die Augsburger Patriziertochter, mit der sich 1557 Erzherzog Ferdinand, der Sohn des Kaisers, vermählte, wird aus einer tragischen Figur, die einem Mord zum Opfer fiel, zu einer umsichtigen Hausfrau und großen Esserin, die ein berühmtes, selbstverfaßtes Kochbuch hinterließ.

Das Hoffräulein Geyer von Geyersberg, das Karl Friedrich von Baden als Gräfin von Hochberg 1787 ehelichte, wurde nach dem Erlöschen der echten Zähringer die Ahnfrau, der letzten Großherzöge von Baden. Sie war aber nicht die Kindesräuberin, die ihren Söhnen den Weg zum Thron gebahnt haben soll, indem sie, so will es die Kaspar-Hauser-Legende, den gerade geborenen Sohn der Großherzogin Stephanie entführte – es ist nichts mit dem Prinzentum Kaspar Hausers! Die Ehe, die König Friedrich Wilhelm III. von Preußen nach dem Tode der Königin Luise mit der Gräfin Harrach, nunmehr Fürstin von Liegnitz, einging, bietet sich demgegenüber als eine Idylle wie auch die des Zaren Alexander II. mit Katharina Dolgoruky, einem "Kind der Natur".

Das Attentat von Sarajewo am 8. Juni 1914 leitet dann symbolisch das Ende dieses hochadligen Kastenwesens ein. Heißt es doch, daß der Thronfolger Erzherzog Ferdinand mit dieser Reise seiner morganatischen Ehe mit der Gräfin Sophie von Chotek einen offiziellen Anstrich geben wollte – wozu er nicht berechtigt war. So erklären sich auch die Worte des alten Kaisers Franz Joseph beim Empfang der Todesnachricht: Eine höhere Gewalt habe die Ordnung wiederhergestellt!

Egmont Zechlin