Mit der Aufnahme der Vietnam-Verhandlungen in Paris war zu Beginn des Jahres nicht nur ein monatelanges Tauziehen um die Sitzordnung und andere Prozedurfragen beendet, sondern gleichzeitig die Hoffnung auf eine friedliche Beilegung des Konflikts in Südostasien geweckt worden. Doch schon bald zeigte sich, daß die Vertreter der USA, Südvietnams, Nordvietnams und der südvietnamesischen Nationalen Befreiungsfront (NLF) kaum eine Lösung finden würden. Während sich die Verhandlungen in Paris mühsam voranschleppten, verschärfte sich die Situation auf dem Kriegsschauplatz. Zur gleichen Zeit erlebte Präsident Nixon die erste große Vietnam-Demonstration seiner Amtszeit.

Es sollte nicht die letzte sein: Bis zum Jahresende gingen bei drei Vietnam-Moratorien Millionen von Amerikanern auf die Straße, um für eine Beendigung des Krieges zu demonstrieren. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung und mit der Gewißheit, daß der Krieg nicht zu gewinnen sei, gab der Präsident den Abzug von US-Truppen bekannt: 25 000 Mann (Juni), 35 000 Mann (September) und 50 000 Mann (Dezember). Nachdem im Laufe des Jahres Friedenspläne Thieus, der NLF und Nixons jeweils von der Gegenseite strikt abgelehnt worden waren, wurde auch der Mißerfolg der Pariser Verhandlungen (bis Mitte Dezember wurden 47 Sitzungen abgehalten) immer deutlicher. Schließlich trat der US-Chefdelegierte Cabot Lodge zurück.

Wenn es noch. eines Beweises für die Grausamkeit des Krieges bedurft hätte, dann lieferten ihn die Nachrichten über die Massaker von My Lai. Mit entsetztem Erstaunen registrierten Amerika und die Weltöffentlichkeit die Verbrechen amerikanischer Soldaten an vietnamesischen Zivilisten. Die Bilder aus dem Weiler My Lai erschütterten ebenso wie die Bilanz, die die Alliierten zum Jahresende zogen: danach sind seit 1960 weit über eine Million Soldaten auf beiden Seiten gefallen.