Von Marion Gräfin Dönhoff

ZEIT: In diesem Jahr hat der Mensch zum erstenmal den Mond betreten. An diesem Projekt haben 400 000 Techniker und 20 000 industrielle Unternehmen etwa acht Jahre lang gearbeitet. Wenn es sich dabei auch um ein Beispiel einmaliger Größenordnung handelt, so wird daran doch das Charakteristische dieser Zeit sehr augenfällig: Unser Dasein ist durch die Technik bestimmt und ist abhängig vom Funktionieren der Technik. Manchmal scheint es, als ob der Mensch in erster Linie dazu da sei, den Apparat in Gang zu halten.

Zwei Fragen an Sie: Welchen Einfluß hat die Tatsache, daß wir in einer wissenschaftlich-technischen Welt leben, auf den Menschen und die Gesellschaft und welchen auf. die Beziehungen der Staaten untereinander? Ist der technische Fortschritt wirklich nur Fortschritt, oder hat er auch seine Kehrseite?

Weizsäcker: Ich habe heute vormittag in einer Arbeitsgruppe mit den Leuten, die künftig in meinem Institut arbeiten sollen, ein Gespräch über das Problem der Weiterentwicklung der Technik gehabt. Dabei kam zum Ausdruck, daß die Gleichsetzung von Fortschritt und Glück eigentlich eine ziemlich bedenkliche Sache ist. Wir sprachen davon, daß Leute, die in Verhältnissen leben, welche andere unfrei oder elend nennen würden, oft selber ganz zufrieden sind. Daß dann aber, wenn sie aus diesen Zuständen herausgerissen werden durch Fortschritt – durch das, was man nun wirklich als Fortschritt ansieht –, ihr Leiden erst beginnt. Insofern finde ich die Frage "Ist Fortschritt wirklich Fortschritt oder nur technischer Fortschritt?" eine ziemlich schwierige Frage.

ZEIT: Was ich eigentlich meinte: Engt nicht der technische Fortschritt den Raum der Freiheit ein, weil alles organisiert, geplant, kanalisiert werden muß, wie es das Beispiel mit dem Mond zeigt. Wird nicht in dem Maße, wie unsere Möglichkeiten sich erweitern und auch unsere Freiheit wächst, der Raum, in dem persönliche Freiheit existieren kann, immer mehr verengt?

Weizsäcker: In gewisser Weise wird er sicher verengt. Jede Entwicklung nimmt ja auch immer etwas; der Erwachsene kann kein Kind mehr sein. Die Einschränkung, die die Technik uns auferlegt, oder die, sagen wir, ungewünschten Nebeneffekte der Technik zeigen an, daß wir uns noch nicht technisch verhalten, daß wir die Zwecksetzungen der Technik nicht rational ausführen, sondern daß wir ganz blind alles, was technisch möglich ist, auch wirklich machen – ohne nachzudenken, ob das sein muß. Und in diesem Sinne wäre ich also bereit zu sagen, daß die Technik, wie sie gehandhabt wird, unseren Freiheitsraum allerdings einengt. Ich bin nicht sicher, ob ein künftiges Zeitalter nicht sagen wird: Was waren das damals für dilettantische Techniker! Die haben ja gar nicht gewußt, was sie wollten.

ZEIT: Heißt dies, daß die Welt, in die wir jetzt hineinwachsen, in immer stärkerem Maße einen immer höheren Grad an Vernunft notwendig macht?