Die internationale Diplomatie begleitet den Übergang in das neue Jahrzehnt mit faszinierender Betriebsamkeit.

Allerorten wird nach allen Seiten gesprochen, verhandelt und sondiert. Amerikaner und Russen visieren ihre zweite Gesprächsrunde über eine Begrenzung der strategischen Kernwaffen an, Moskau spricht mit Peking, Washington bemüht sich um die Wiederaufnahme der Botschaftergespräche mit China, Bonn verhandelt über Gewaltverzicht mit Moskau und klärt einen Termin mit Warschau, die drei Westmächte bieten den Sowjets neue Verhandlungen über Berlin an, sogar der Prager Ministerpräsident Husák wünscht Kontakte zur Bundesrepublik, und, was man am wenigsten erwartet hätte, selbst zwischen Ulbricht und Heinemann werden Briefe gewechselt.

Da nehmen sich die Brüsseler Anstrengungen des Sechser-Europa zur Überleitung der EWG von der Zollunion in die Wirtschaftsunion schon fast bescheiden aus, obwohl hier wirklich Nägel mit Köpfen gemacht werden, während alles andere einstweilen hinter einem Nebelschleier von vagen Absichten und Aussichten verborgen bleibt. Immerhin: man braucht sich nur zwölf Monate zurückzuversetzen, um sich der Bewegung bewußt zu werden, die seitdem in Gang gekommen ist und einen Hauch von Aufbruchstimmung spüren läßt, auch wenn es mit manchen Vorstößen und Projekten nicht weit her ist.

Vor einem Jahr lastete noch der Alpdruck der Prager Tragödie auf Europa: Es stand auf Spitze und Knopf, ob der Osten und der Westen wieder auf lange Zeit in den Kalten Krieg zurückfallen oder sich aufs neue dem Versuch des Abbaus von Spannungen zuwenden würden. Die westliche Allianz hatte gerade ihre Sicherheitsvorkehrungen in Europa verstärkt. Einige Staatsmänner, wie der ehemalige Kanzler Kiesinger, hatten vorübergehend gehofft, dem sowjetischen Totalitätsanspruch über Osteuropa ein größeres westeuropäisches Eigengewicht entgegensetzen zu können. Aber das prallte an Charles de Gaulle ab.

Von alledem kann nun an der Schwelle zum neuen Jahrzehnt nicht mehr die Rede sein. Um die Spuren ihres Gewaltaktes gegen die Tschechoslowakei zu verwischen, präsentieren die Sowjets den Appell zu einer europäischen Sicherheitskonferenz. Und im Westen trugen drei Regierungswechsel zur Veränderung der Szenerie bei: Präsident Nixon wertete die westliche Allianz wieder auf; de Gaulles Rücktritt beendete Frankreichs ehrgeizigste Epoche nach dem Kriege und sein Streben nach gloire und grandeur einer Weltmacht im zweiten Rang; Kanzler Brandt hat im Osten eine größere diplomatische Flexibilität gegenüber der Bundesrepublik bewirkt.

Zum erstenmal, so scheint es zunächst, werden westliche Verhandlungen und Sondierungen in östlicher Richtung nicht mehr zu Lasten der inneren Stabilität des Atlantischen Bündnisses und der westeuropäischen Gemeinschaften forciert. Ostpolitik und Westpolitik werden nicht mehr als Alternative, sondern als komplementäre Größen betrachtet. Seit der Berlin-Krise hat keine amerikanische Regierung mehr eine so defensive Zusicherung über die unveränderte Truppenpräsenz in Europa abgegeben wie die Administration Nixon; sie gilt bis Mitte 1971. Die EWG erlebt in der nachgaullistischen Ära eine Renaissance; der siebenjährige selbstzerstörerische Konflikt wegen England ist überwunden.

Ob sich diese Stabilisierung im Westen nutzbringend gegen östliche Orthodoxien einsetzen läßt, steht in den Sternen. Die lange Zeit gehegte Furcht davor, daß sich die beiden Welthegemonialmächte in einer die beiden Bündnisse überspannenden globalen Partnerschaft auf dem Rücken ihrer europäischen Verbündeten "verständigen" könnten, ist gewichen. Statt dessen besteht heute hüben wie drüben eher das Problem, wie das wachsende Bedürfnis nach europäischer Identität gegenüber den Weltmächten sich durchzusetzen und durchzuhalten vermag: Wie können sich die Westeuropäer langfristig die Sicherheit durch Amerika erhalten, und wie können die Osteuropäer ihren außenpolitischen Vasallen-Status lockern, ohne mit der Breschnjew-Doktrin in Konflikt zu geraten?