Amerikanische Filmmusicals sind ein bißchen wie kitschige Weihnachtsbäume: sehr künstliche Gebilde mit Lametta, Kugeln, Kerzen und obendrauf einer Spitze – dem Star.

"Hello Dolly" ist eine Edeltanne, so kunstgewerblich und irreal, so glatt mit himbeerfarbigem Zuckerguß überzogen, daß man die Konstruktion und den Drill schon wieder mitsieht, den Schaumgummi spürt und Imprägniermittel zu riechen glaubt. Ständig möchte man an den Balken und Streben der überdimensionalen Kulissen zerren oder mit dem Finger kleine Löcher in die Pappwände bohren, damit irgendwo einmal diese perfektionierte Lawine von Kinoillusionen und Lieschen-Müller-Träumen zusammenkracht. Doch im Musical passiert so etwas nicht, die Welt ist hier immer in Ordnung, äußerlich und innerlich, sie ist strahlend schön und ach so fern.

Alf Brustellin über amerikanische Musicals im Dezemberheft von "film": "Die Antirealität, die der Musicalfilm zum inhaltlichen und ästhetischen Konzept macht, ist vergleichsweise ungefährlich, denn sie bietet Märchen, kenntlich gemachte Illusionen."

Darum treten auch keine lebendigen Menschen auf, nur Typen und Marionetten, die Klischees transportieren: Aufziehpuppen, die, wenn man an einem Knopf dreht, den Mund aufreißen und loskrähen, ein schreckliches Colgate-Lachen produzieren oder eine künstliche Träne kullern lassen.

In "Hello Dolly" gibt es einen knurrigen, geizigen Millionär, seine hübsche, aber etwas dümmliche Nichte und den armen Künstler, der sie liebt; Lehrlinge, die natürlich etwas trottelig, und Modistinnen, die sehr bürgerlich und lebenshungrig sind, junge Mädchen, die furchtbar neckisch herumgirren und glucksen und zwitschern, junge Männer, die mit Kulleraugen und offenem Mund diese Porzellanfiguren bewundern.

In der Riesenbonbonniere Musical ist Realität verpönt, und wo sich doch ein gesellschaftliches oder soziales Problem einzuschleichen droht, wird es im Handumdrehen zu einem knallbunt verpackten Zuckerplätzchen.

"Hello Dolly" ist ein Musterbeispiel der Gattung, es reproduziert brav das alte Handlungsschema vom armen Mädchen aus dem Volk, das seinen reichen Mann kriegt; das war schon so in Cukors "Let’s make Love (mit Marilyn Monroe und Yves Montand) und hundert anderen.