Von Petra Kipphoff

Rund 1500 Braunschweiger Bürger ließen sich, laut Braunschweiger Zeitung, beim Silvesterball in der Stadthalle vom holländischen Showmaster Rudi Carrell einen feinen Witz präsentieren: "Ein Mädchen kommt voller Blut nach Hause. Auf die Frage seines Vaters, wo kommt das Blut her, erwidert es, ich habe noch einmal Schwein gehabt."

Ein bißchen Schweineblut, theoretisch verspritzt von einem so reizenden Menschen aus dem Onkel-Lou-Land, und das alles an Silvester, das fand, Schwamm drüber, auch die Braunschweiger Zeitung einen gelungenen Scherz, jene Zeitung, auf deren Seiten das besagte blutspendende Tier vorher tagelang planmäßig und kunstvoll ausgeschlachtet und sodann mit einer Füllung von Menschenwürde, Achtung vor dem Tod, Achtung vor dem Leben, Würde der Kunst und was der Köstlichkeiten mehr sind, gestopft worden war (derartige Begriffe eignen sich offenbar ähnlich gut zu unverbindlichen Dekorationszwecken wie die Innereien eines Schweines).

Der andere Showmaster, Otto Muehl, der das originale Schweineblut verspritzt hatte, war in Braunschweig weniger gut angekommen. Muehl, einer der bekanntesten Protagonisten des "Wiener Aktionismus", war, mit Erlaubnis des Hochschulsenats, vom AStA der Hochschule für Bildende Künste eingeladen worden, in der Schule eine "Materialaktion" zu veranstalten.

Der Einfall war genausowenig sensationell wie der, Rudi Carrell zur Silvester-Conference zu bitten: Muehl hat schon lange internationalen Underground-Ruhm, seine Filme sind durchs deutsche Fernsehen gelaufen, drei davon waren kurz zuvor auf den Braunschweiger Experimentellen Kurzfilmtagen öffentlich vorgeführt worden.

Die Studenten hatten noch ein übriges getan, um ihr Recht auf Information vor der Kollision mit Andersdenkenden abzusichern: Die fünfhundert Besucher, die am Abend des 17. Dezember in der Aula Platz genommen hatten, wurden vor Beginn der Veranstaltung über Lautsprecher detailliert über das, was ihnen zugemutet werden sollte, informiert, es wurde ihnen freigestellt, ihre drei Mark Eintrittsgeld zurückzufordern und den Saal zu verlassen.

Unter dem Motto "O Tannenbaum" fand dann folgendes statt: Auf der mit einem Tannenbaum, einer Leiter und einem Bett bestückten Bühne erschienen Otto Muehl (nackt), eine Frau (nackt), ein Schwein (nackt), ein Schlachter (nicht nackt). Muehl verlas ein Gedicht zum Thema Weihnachtsmentalität (das Fest der frommen Lieder, des Fressens und der Kampfpause in Vietnam) und legte sich, während Tonbänder Weihnachtslieder abspulten, mit einem Schreikrampf ins blütenweiße Bett, in das sich bereits die Dame zurückgezogen hatte.