Von Wilhelm Treue

Dietrich Eichholtz: „Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939–1949“; Band 1; 1939–1941; Akademie Verlag, Berlin (Ost), 1969; 408 Seiten, 25,– Mark

Ü Der die Rüstungs- und Kriegswirtschaft des Dritten Reiches haben in den letzten Jahren deutsche und ausländische Historiker geschrieben; sie haben erkannt, daß dieser Teil der Wirtschaft für alle Expansions- und Eroberungspolitik des Nationalsozialismus grundlegend gewesen ist. Die jüngste Literatur über das schwierige „Problem Speer“ (Janssens institutionsgeschichtliche Studie über das „Ministerium Speer“, die Erinnerungen mehr des Architekten als des Reichsministers Albert Speer, die von W. A. Boelcke edierten Protokolle der Konferenzen Hitlers mit Speer) haben neues wichtiges Material für ein Urteil über den ganzen Komplex gebracht, freilich auch manche Widersprüche zutage gefördert, über die in der nächsten Zeit noch viel diskutiert werden wird.

Angesichts dieser zahl- und umfangreichen Bemühungen um monographische und autobiographische Bewältigung dieses Komplexes konnte man nach vielen Aufsätzen und Andeutungen auch mit einer Gesamtdarstellung aus kommunistischer Sicht rechnen. Dies um so sicherer, als sich in den Archiven der Deutschen Demokratischen Republik eine Menge Quellenmaterial befindet, in das bisher westdeutsche Historiker kaum Einblick erhalten haben. Der erste Band einer solchen „Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft“ aus Ostberlin liegt nun vor; er behandelt nicht nur, wie der Titel sagt, die Jahre 1939/41, sondern auf den ersten, 63 von 246 Textseiten insgesamt „die wirtschaftliche Ausgangsbasis des deutschen Imperialismus für den Zweiten Weltkrieg“ und „Die Kriegsziele der Monopole“. In diesem Kapitel wird die Grundkonzeption der Betrachtungsweise und des Urteils über die deutsche Kriegswirtschaft gelegt, und ich kenne kein früheres Buch, in dem so lückenlos und konsequent im Sinne der Sozialistischen Einheitspartei Quellen und „Quellen“ ausgewählt, interpretiert, arrangiert werden, um das von vornherein feststehende leninistisch-ulbrichtsche Urteil zu ermöglichen.

Doktrin als Wissenschaft

Der Titel dieses ersten Kapitels enthält bereits alles, was zugleich vorausgesetzt und „bewiesen“ wird: deutscher Imperialismus, deutsche Monopole. Die Untertitel differenzieren in „staatlich monopolistische Rüstungswirtschaft“ und „privatmonopolistische Monopole“ – aber um Monopole geht es schließlich in den folgenden Kapiteln stets und überall, von der „staatsmonopolistischen Grundkonzeption der Monopole“ bis zum „Beutezug der Monopole durch Europa“.

Eine bemerkenswert geschlossene Konzeption, aber nicht gerade bewundernswert. Denn hier wird nicht nach Erkenntnis gesucht, sondern eine Doktrin ausgebreitet, mit deren alles durchdringendem Licht das Quellenmaterial durchleuchtet wird: „So richtig es ist, daß der deutsche Imperialismus deshalb besonders expansionistisch und kriegslüstern war, weil er faschistisch war, ebenso richtig und für das Verständnis tieferer Ursächlichkeit wichtiger ist es, daß er deshalb faschistisch war, weil er außergewöhnlich expansionistisch und aggressiv war.“

Freilich kann man auch bei einer solchen Betrachtungsweise nicht ganz daran vorbei, daß es zwischen Staats-, Partei- und Privatwirtschaft heftige und während des Krieges wachsende Gegensätze gegeben hat. In der Eisen- und Stahlindustrie etwa war man durchaus nicht aus monopolistischer Gewinngier bereit, Görings Drängen auf Verwendung deutscher Rohstoffe und Steigerung der Produktion zu folgen. Was sollte man mit den innerhalb der internationalen Austauschwirtschaft viel zu teuren Anlagen machen, wenn Krieg und Kriegsbedarf beendet sein und ausländische Erze wieder in genügender Menge zur Verfügung stehen würden?

Eichholtz nimmt auch nicht zur Kenntnis, daß die Ausdehnung von Görings Vierjahresplan und parteiindustriellem Apparat mit dem Kern der „Reichswerke Hermann Göring“ schon vor dem Kriege, besonders aber im Kriege selbst von großen deutschen Grundstoffkonzernen angstvoll beobachtet wurde. Offensichtlich wollte Göring der in sich keineswegs einmütigen Privatwirtschaft einen geschlossenen parteistaatlichen Industriekomplex entgegenstellen, natürlich unter Seiner eigenen Leitung. Tatsächlich hat er auf wichtigsten Gebieten für den Staat, wenn nicht eine Monopol-, so doch eine entscheidend starke Stellung geschaffen.

Für den Verfasser aus Ostberlin gibt es in der deutschen Industrie nur Imperialisten und Monopolisten. Da es so sein muß, bleibt ihm nichts anderes übrig, als etwa im Falle Fritz Thyssen immer wieder „I paid Hitler“ auszuschlachten – ein Buch, das nicht nur, wie dem Verfasser bekannt sein dürfte, nicht von Fritz Thyssen geschrieben wurde, sondern auch sehr viele Fehler enthält. Daß Thyssen, dessen „Domäne“ die angeblich 1936 „reprivatisierten“ Vereinigten Stahlwerke gewesen sein sollen, sich von Hitler trennte, weil er ein Gegner von Hitlers Rüstungs- und Kriegspolitik war, daß er flüchten mußte, ausgebürgert und enteignet, in Frankreich aufgespürt, inhaftiert und schließlich bis zum Kriegsende in Konzentrationslager gebracht wurde, das wird teils als „noch nicht genügend erforscht“ abgetan, teils überhaupt übergangen, da es nicht zur Doktrin paßt.

Karl Goerdeler schließlich, „Apologet der faschistischen Nahost-Expansion und Vorläufer des Bonner Neokolonialismus“, dem von seinen Beschützern, zum Beispiel Bosch, geholfen wurde, mittels Auslandsreisen sich dem Zugriff der Gestapo zu entziehen, „durchforschte“, so meint Eichholtz, „die Erdteile nach Möglichkeiten für den deutschen Imperialismus, unverzüglich wieder ins koloniale Geschäft einzusteigen“. Daß der Reichswirtschaftsminister Funk viel geringere Bedeutung gehabt hat als Eichholtz meint, mag aufs Ganze des Regierungsapparates gesehen nicht sehr wichtig sein.

„penetrant antisowjetisch“

Aber sehr wichtig ist ein anderer Komplex, den der Verfasser offensichtlich vergessen hat, Wir wissen heute recht genau, wie wertvoll die Lieferungen an Getreide und Schlüssel-Rohstoffen gewesen sind, die das Dritte Reich auf der Grundlage des Stalin-Hitler-Paktes vom Herbst 1939 bis zum Tage des deutschen Überfalles auf die Sowjetunion, „die fortschrittlichste gesellschaftliche Ordnung der Welt“, aus eben diesem, fortschrittlichen Lande selbst oder durch dieses aus Asien erhalten hat. Stalin hat mit solchen Lieferungen „Imperialismus“, „Faschismus“ und „Monopole“ in Deutschland unterstützt, Hitlers Vorbereitung auf den Eroberungskrieg erleichtert und beschleunigt, ja, wahrscheinlich Deutschlands Siege in den ersten Jahren überhaupt erst ermöglicht.

Warum wohl? Eine schwierige Frage für einen Historiker im anderen Deutschland? Keineswegs. Stalin wird einfach ebensowenig erwähnt wie sein Pakt mit Hitler. Es heißt nur (der Leser mag sich die historischen Zusammenhänge selber ausdenken): „Die Sowjetunion konnte zwar nicht verhindern, daß ihre Lieferungen (Getreide, Holz, Erdöl, Baumwolle, Phosphate) direkt oder indirekt die deutschen Kriegsmaßnahmen stärkten, aber sie verlangte als Gegenleistungen Erzeugnisse des Maschinenbaues und anderer wichtiger Industriezweige (hochwertige Maschinen und Apparate, ganze Ausrüstungen, Fahrzeuge, Waffen), deren Produktion nicht unbedeutende Kapazitäten der deutschen Rüstungsindustrie band, so daß (!) die Effektivität des deutsch-sowjetischen Handels das deutsche Kriegspotential schließlich stark begrenzt hat.“ Da es so einfach nun wirklich nicht gewesen ist, wird diejenige Literatur, die Zahlen zu diesem Komplex veröffentlicht hat, eben als „penetrant antisowjetisch“ bezeichnet und statt dessen eine Zusammenstellung „aus sowjetischer Quelle“ angepriesen.

Aber das alles sind Einzelheiten. Man kann auch darüber hinwegsehen, daß es sich bei den rund 250 Seiten Text um die mehrfache Wiederholung oder mehrmals ein wenig veränderte Kombination von Tatsachen oder Behauptungen handelt. Wichtig ist allein, daß „bewiesen“ wird, was Eichholtz beweisen will: der Monopolcharakter der deutschen Wirtschaft nicht nur bei Chemie, Elektrizität, Stahl und Eisen, sondern ebenso auf vielen anderen Gebieten – ganz gleich, ob es sich um Privat- oder Staatsmonopole handelt, wobei niemals die Frage auch nur angedeutet wird, inwiefern sich das sowjetimperialistische Staatsmonopol vorteilhaft vom faschistischen unterscheidet. Fest steht nur für Deutschland: „Weder verändert der staatsmonopolistische Kapitalismus das Klassenwesen des Kapitalismus und Imperialismus, noch kann er dies System vor’seinem schließlichen Untergang bewahren.“

Siegen mußte also am Ende der Bolschewismus,- und daher bot die Hilfe der kapitalistischen Alliierten „minderwertiges Material“ einem Lande und Volke, dessen Rüstungsproduktion qualitativ immer, quantintativ natürlich erst seit 1941 – allen anderen kriegführenden Mächten weit überlegen gewesen sein soll. Mit solchem Modell-

Denken und „Beweisen“ hängt es! dann auch zusammen, daß es zwischen „Monopolherren“, Militärs und faschistischen Partei- und Staatsorganen keine grundsätzlichen Unterschiede und Streitigkeiten gegeben haben kann; gab es; doch Unterschiede, dann waren sie immer unbedeutend – es mag sich um Schacht oder Göring, Funk oder Todt, dieVereinigten, Stahlwerke odermale Reichswerke Hermann Göring handeln.

Hitlers Wut, seine Drohung gegen die deutschen Eisen- – und Stahlindustriellen und Bergwerksbesitzer in seiner berühmten Vierjahresplan-Denkschrift, deren Grundformulierung Eichholtz mit taschenspielerischer Geschicklichkeit der Chemie nachsagt, Görings plumpe Drohung mit dem Konzentrationslager – das alles waren dann eben Spiegelfechtereien faschistischer Spießgesellen. Wenn das Saargebiet 1935 entsprechend den Bestimmungen des Versailler Vertrages von 1919, auf, Grund einer international kontrollierten Abstimmung zu Deutschland zurückkehrte, dann war das für Eichhöhe eine „Einverleibung in das faschistische Deutschland“. Auf diese Weise entsteht der vielzitierte monolithische; Block von Staat, Wirtschaft, Partei und Gesellschaft, den es in Wirklichkeit nicht gegeben hat.

Trotz alledem – der Rezensent wird nicht froh, bei einer solchen Aufzählung der Schwächen, Mangel, Fehler, Lücken und Widersprüche in diesem Buch. Es ist auch nicht damit getan, daß die ideologische Bindung und damit die Konstruktion eines Geschichtsbildes konstatiert wird, wo angesichts der Massen von Material detailliert und nuanciert, hätte geforscht und dargestellt werden können. Denn diese Materialmenge ist wirklich vorhanden Eichholtz zitiert sie oder aus ihr, er veröffentlicht rund 100 Seiten Dokumente zur „Neuordnung, des europäischen Großwirtschaftsraumes“ aus den Jahren 1940/41: Denkschriften, Aufsätze usw. der IG-Farbenindustrie, der optischen Industrie, mehrerer Fach- und Reichsgruppen und des Reichswirtschaftsministeriums. Sie mpgen sich, aus dem Zusammenhang großer Aktenbestände gerissen, anders – lesen als zusammen mit ihrer Vor- und Nachgeschichte. Aber, sie existieren, und die Geschichtsschreibung wird sich mit ihnen (und. mit anderen Dokumenten, die auch in Archiven östlich und westlich von Stacheldraht und Mauer liegen) auseinandersetzen müssen.

Eichholtz’’ – Buch ist also keineswegs mit dem .Argument abzutun, daß es auf der Grundlage der kommunistischen Ideologie und Geschichtskonstruktion stehe, sondern man wird diesem Buch und dem bald zu erwartenden zweiten Band ein im Sinne unserer Gesellschaftsordnung wissenschaftliches Werk entgegenstellen müssen. Man wird das wirklich mit aller nötigen Selbstkritik tun müssen: – oder man akzeptiert die These von der Identität des Dritten Reiches und der Bundesrepublik, die, häufig genug ausgesprochen und noch viel häufiger als Schlußfolgerung nahegelegt, dieses ganz und gar aktuell politische Buch trägt und durchdringt.