DIE ZEIT

Barzels Pappkameraden

Die Rechte schießt sich auf die "Linksregierung" ein Von Marion Gräfin Dönhoff

Toter Punkt

Das neue Jahr verheißt für den Nahen Osten nichts Gutes, weder auf dem militärischen noch auf dem politischen Feld, nicht auf der arabischen und auch nicht auf der israelischen Seite; selbst im Lager der Großmächte ist Uneinigkeit nach wie vor Trumpf.

Die Geister, die Schiller rief...

Leben wir schon mitten in der Krise? Fast muß man diesen Eindruck gewinnen, wenn man all die mahnenden Worte von der "gefährdeten Stabilität unserer Wirtschaft" hört – die pessimistisch klingenden Neujahrsaufrufe von Verbandsfunktionären und Gewerkschaftsbossen, die Erklärungen von Politikern, die Warnungen schließlich des scheidenden Notenbankpräsidenten.

Springers Coup

Axel Springer hat durch die Umwandlung seines Zeitungskonzerns in eine Aktiengesellschaft gleich ein zweifaches Kunststück vollbracht.

Johnson plaudert aus dem Nähkörbchen

Eine neue und stark gewürzte Kostprobe von seinem Erzählertalent hat in diesen Tagen der frühere amerikanische Präsident Lyndon Johnson abgelegt.

ZEITSPIEGEL

Das amerikanische Oberkommando, die Saigoner Regierung und Radio Hanoi machten unterschiedliche Vietnam-Verlustrechnungen für das Jahr 1969 auf.

Tante "Times" ist ein muntres Girl

Gott, Arbeit, Liebe, Freundschaft, Wohlstand und Freiheit – in dieser Reihenfolge wurde einem soeben geborenen Engländer durch einen offenen Brief mitgeteilt, welches die unverrückbaren Güter des irdischen Lebens seien.

Mendes Interview-Kampagne

"Im Wahlkampf sind unsere Stammwähler vor den Kopf gestoßen worden, weil diese Partei allzu süchtig nach sogenannten progressiven Wählerschichten Ausschau gehalten hat.

Der FDP-Vorsitzende und der Parteirebell opferten auf dem Dreikönigstreffen ihren Streit der Parteiräson: Der Burgfrieden von Stuttgart

Der Höhepunkt des Stuttgarter Dreikönigstreffens der Freien Demokraten brachte die tiefste Enttäuschung. Nach vier Stunden trat Walter Scheel vor die Tür, hinter der sich der Bundesvorstand der Partei mit dem Rebellen Erich Mende auseinandergesetzt hatte und tat, was in der Politik gern getan wird, wenn Gegensätze von der Öffentlichkeit entschärft werden sollen: Er verkündete, daß es sich im Grunde zwischen ihm und Mende um ein großes Mißverständnis gehandelt habe.

Hoffnung auf Bonns neuen Kurs

Eine Lenin-Büste blickt über seinen Schreibtisch. Er selbst bekennt sich als Marxist, doch in Geste und Redeweise erinnert Janos Peter noch immer an den Bischof der Reformierten Kirche in Debrecen, der er bis 1956 gewesen war, bis er in den Staatsdienst trat – seit acht Jahren Außenminister Ungarns, seit drei Jahren sogar Mitglied des Zentralkomitees.

Israels Handstreich

Nach dem Sechstagekrieg war die Sechstagefahrt der fünf Schnellboote von Cherbourg nach Haifa der an Publicity größte Erfolg der Israelis.

Pariser Doppelspiel

Die "Affäre von Cherbourg", die Odyssee der fünf israelischen Raketenschnellboote, ist in Paris schnell vergessen worden. Die französische Stellung im Mittelmeer hat sich durch sie nicht nennenswert verändert.

Max Born zum Gedenken

Ursprünglich wollte er Mathematiker werden. Aber als ihm sein berühmter Lehrer David Hilbert eine Aufgabe gestellt hatte, die der Göttinger Student glaubte nicht lösen zu können, zweifelte er an seiner mathematischen Begabung – zu Unrecht, denn das damals von Hilbert formulierte Problem ist bis heute ungelöst geblieben.

Von den Polen verstoßen

Fast jeden Tag kommen sie mit der Fähre aus Swinoujscie-Swinemünde: einzelne Menschen, ganze Familien, kleine Gruppen. In der amtlichen Sprache heißen sie "Einwanderer aus Polen".

Bremer Komödie um Boljahn

In Bremen darf gelacht werden. Am 2. Januar 1970, mittags um 12 Uhr, tickten die Fernschreiber durch die Lande, was die Schiedskommission der SPD eben im Parteiordnungsverfahren gegen den einstigen Multifunktionär und Gewerkschaftschef Boljahn entschieden hatte: "Richard Boljahn wird das Recht zur Bekleidung von Ehrenämtern bis einschließlich 2.

Aktion gegen Mini-Gerichte

Die Tage der kleinen Amtsgerichte sind gezählt. Rheinland-Pfalz hatte den Anfang gemacht; 1966 löste es 32 Amtsgerichte auf, und demnächst sollen alle Gerichte aufgehoben werden, die weniger als drei Richter-Planstellen umfassen.

Saigon: Es gab ein Massaker

Eine Sonderkommission des südvietnamesischen Senats hat nach mehrwöchigen Untersuchungen festgestellt, daß es an der Ermordung von Bewohnern des Weilers My Lai durch amerikanische Soldaten keine Zweifel mehr geben kann.

Mende steckt zurück

Mit einem Widerruf Erich Mendes endete die seit Wochen anhaltende öffentliche Auseinandersetzung in der FDP. Nach der ernsten Mahnung des FDP-Vorsitzenden Walter Scheel, daß er wählen müsse, ob er noch auf der Grundlage des FDP-Programms stehe oder nicht, hat sich Mende auf dem traditionellen Dreikönigstreffen der FDP in Stuttgart von seiner Kritik am politischen Kurs von Parteiführung und Bundestagsfraktion distanziert.

Israelis schlugen wieder zu

Die Entwicklung im Nahen Osten stand in den letzten Tagen im Zeichen zweier überraschender Aktionen der Israelis. Der Abtransport einer kompletten Radareinrichtung von ägyptischem Gebiet und die Entführung von fünf Schnellbooten aus dem französischen Hafen Cherbourg erregten in der Welt Aufsehen und wurden als Zeichen für die anhaltende Überlegenheit Israels über seine Gegner gewertet.

Dokumente der ZEIT

"Der innenpolitische Kampf zwischen den Kräften, die wir gesunde marxistische Kräfte nennen könnten, und zwischen kleinbürgerlichen und rechtsgerichteten Einflüssen in der Partei und antisozialistischen Einflüssen in der Gesellschaft spielte sich bis Ende April 1969 in allen Parteigremien und sogar in der Parteiführung ab.

Japan mit Optimismus in die 70er Jahre

Wenige Tage nach dem überragenden Wahlsieg seiner "Liberaldemokratischen Partei" (LDP) hat der japanische Ministerpräsident Eisaku Sato in einem Ausblick in die siebziger Jahre weitreichende Pläne für Japan aufgezeichnet.

Italien: Unruhe hält an

Neue Streiks und ein weiterer Bombenanschlag haben Italien auch zu Beginn des neuen Jahres nicht zur Ruhe kommen lassen. Wenige Wochen, nachdem bei Sprengstoffanschlägen am 12.

Harte Töne aus Ostberlin

Vorsichtiger Optimismus bei der Bundesregierung und die wiederholte Betonung alter Forderungen von der Gegenseite kennzeichneten den Stand der Bemühungen um eine Entspannung in Mitteleuropa zu Beginn des neuen Jahres.

SALT: Erste Einigung

Die Aussichten für das Zustandekommen einer Übereinkunft zwischen den USA und der Sowjetunion über eine Kontrolle der strategischen Rüstung haben sich nach Meinung des amerikanischen Delegationsführers bei den Gesprächen in Helsinki, Gerhard Smith, "ein wenig" gebessert.

Kunst und Menschenwürde

Die Würde des Menschen", so steht es im Grundgesetz, Artikel 1, "ist unantastbar, sie zu achten und zu schützen ist die Verpflichtung aller staatlichen Gewalt": ein Paragraph, dessen Interpretation offensichtlich mancherlei Mißverständnissen ausgesetzt ist.

Donald Duck in der Akademie

Frau X., eine der wenigen mir bekannten älteren Damen, die diese Bezeichnung noch rechtfertigen, besucht, wie die meisten älteren Damen Westberlins, die Vernissagen aller Ausstellungen in der Akademie der Künste.

Zankapfel Numerus clausus

Nichts eint so sehr wie ein gemeinsamer Feind. Endlich haben sie ihn gefunden: Studenten, Assistenten, Professoren, Kulturpolitiker, Ministerialbürokraten, auch der Herr Bundesminister für Bildung und Wissenschaft.

Es liegt nicht in der Luft

Nein, ich meine nicht die Schwierigkeiten, die jeder kennt: Grenzschwierigkeiten, Paßfragen, Visaprobleme – wie kommt man denn als Besucher hinein in diesen anderen deutschen Staat? Das hatte ich hinter mir, glücklicherweise.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Paul Hindemith: "Streichquartette Nr........................................................................................

Darf man denn das?

Was hatten wir schon zu diesem Thema auf der Bühne: den symbol-poetischen "Eli" der Nelly Sachs, das rührend sentimentale "Tagebuch der Anne Frank", den dithyrambisch pathetischen "Stellvertreter" Rolf Hochhuths und zuletzt die prozeß-dokumentarische "Ermittlung" des Peter Weiss.

Scharfer Schnitt

Deutschland wird Fußballweltmeister. In den Sternen steht’s, in Karten und Kaffeesatz. Ganz klar. Ganz komisch. Wirr und irr, nadelspitzenpunktgenau und schön daherlabernd, die unfreiwillige Komik noch karikierend, so ging es her in der Astrologen-Augurenglosse von Hans-Jürgen Usko.

FILMTIPS

"Eine amerikanische Tragödie" (1931), von Josef von Sternberg. Verfilmung des Romans von Theodore Dreiser: Offenbar glaubt die ARD noch immer, bei einem Sternberg-Film nicht ohne literarisch-sozialkritisches Alibi auszukommen – die (besseren) Filme des kürzlich verstorbenen großen Regisseurs, denen sich beim besten Willen kein solches anhängen läßt, sieht man bei uns höchstens in Dritten Programmen oder Museen.

ZEITMOSAIK

Die Helden gehörten "zu jenen kühnen Denkern, die mit ihrem Schöpfertum die Erfolge der 70er Jahre herbeiführen helfen", zitiert das Neue Deutschland die Leiterin einer Leipziger Buchhandlung.

ZU EMPFEHLEN

Die Sammlung politischer Aufsätze des bekannten Linguisten ist eine leidenschaftliche Anklage gegen die amerikanische Intelligenz, die, von Macht und Geld korrumpiert, durch falsche "Liberalität" und "Objektivität" und den Rückzug auf die Wertfreiheit scheinbar legitimiert, zum Vehikel der politischen Macht wurde – in das sympathisch ehrliche "wir" des Autors sollte der deutsche Leser sich einbeziehen.

KRITIK IN KÜRZE

"Wo Lieb am tiefsten liegt", von Daisy Ashford. Es waren einmal zwei englische Mädchen, die waren viktorianisch-feinsinnig erzogen und lasen auch, was ihnen an kitschig-gepflegtem Lesestoff in die Hände fiel.

Unser Seller-Teller Dezember 1969

DDR: Gnüchtel, "Die bitteren Freundschaften des Christof Lenk"; Heinrich Mann, "Die Göttinnen oder die drei Romane der Herzogin von Assy"; Autorenkollektiv, "Politische Ökonomie des Sozialismus und ihre Anwendung in der DDR"; Simon/Stahl, "Mathematik"; Leonow/Lebedew, "Der Mensch im Weltall" (laut Literaturbeilage des "Neuen Deutschland" 12/1969).

Die Angst der Männer...

Verbissen hält sich die Männerwelt an das stereotype Klischee vom politischen und auch sonstigen Unverstand der Frauen, reproduziert hartnäckig das pauschale Urteil, Weiblichkeit und beruflicher Erfolg schlössen einander aus, und diffamiert nicht selten mit System die Karrierefrau gern als geschlechtslos.

Fernsehen:: Selbstbefriedigung der ARD

Der Abgesang auf das Jahr 69, die Chronik im zweiten, der Rückblick im ersten Programm bot statt der Analyse nur eine simple Beschreibung: Bekannte Bilder wurden von stereotypen Floskeln begleitet; es war viel von Tragik und Schicksal die Rede; Aufklärung wurde häufig durch Pathos, gesellschaftskritische Argumentation durch eine Aufzählung von Phänomenen ersetzt.

Für jeden einen Hunderter

Das Jahr 1970 wird auf wirtschaftspolitischem Gebiet ein Jahr der Probleme sein. Wie wir mit ihnen fertig werden, wird zu einem guten Teil davon abhängen, wie auf dem Felde der Lohnpolitik operiert werden wird; und da sieht es im Augenblick nicht gut aus.

Die Soliden blieben ohne Gewinn

In den ersten Tagen des neuen Jahres war die Börsenstimmung gequält optimistisch. Nach drei Jahren Aktien-Hausse wagt niemand mehr einen stürmischen Anstieg der deutschen Aktienkurse vorauszusagen.

+ Weitere Artikel anzeigen