Von Kurt Becker

Ungewöhnlich rasch ist Bundesverteidigungsminister Helmut Schmidt durch die Kontroverse um den Heeresinspekteur Schnez gezwungen worden, das Vertrauen zu bestätigen, mit dem er bei seinem Amtsantritt von allen Seiten geradezu überhäuft worden ist.

Bisher hat Schmidt einen souveränen Part gespielt in der öffentlichen und zugleich tief in die Armee hineinwirkenden Debatte über die höchst umstrittene und in vielen Passagen sich an einer vergangenen militärischen Welt orientierende Studie des Generalleutnants Albert Schnez über eine bessere innere Ordnung des Heeres. Um den Preis freilich, daß sich unvermeidbar auch Enttäuschung ausgebreitet hat, nicht nur in einigen Kreisen seiner eigenen Partei, auch bei modernen Offizieren – zumal dort, wo die Schnez-Studie als eine Mißhandlung des Prinzips der Inneren Führung betrachtet und deswegen der Kopf des Heeresinspekteurs gefordert wird.

Helmut Schmidt hat sich erst einmal Manövrierfreiheit gesichert. Sein diplomatisches Urteil, die Studie sei nicht nur diskussionswürdig, sondern auch diskussionsbedürftig, hat sich als eine taugliche Formel erwiesen für den öffentlichen und den inneren Gebrauch in der Bundeswehr, wo es ihm von Anfang an darauf ankam, daß der Regierungswechsel nicht auf die Besetzung der militärischen Spitzenpositionen übergreift. Selbst wenn er es für richtig gehalten hätte, konnte Schmidt dieser Studie wegen nicht gut den Heeresinspekteur schassen, der noch von Verteidigungsminister Schröder dazu aufgefordert worden war, rückhaltlos und ungeschminkt Schwächen und Probleme des Heeres analysierend zusammenzufassen. Eine solche Bestrafung bei verbürgter Meinungsfreiheit hätte dem Minister mit Gewißheit eine Vertrauenskrise in der Armee eingetragen.

Daß es dem Minister nun nicht erspart bleibt, fortwährend öffentlich jeden Gedanken an eine Ablösung des Inspekteurs zurückzuweisen, also Vertrauenserklärungen abzugeben, geht ihm zwar gegen den Strich, ist aber unvermeidbar, da Schmidt ihn schon allein wegen der weitgehenden Übereinstimmung in praktischen Fragen der organisatorischen Heeresreform gern weiter auf diesem Platz sähe. Daran, wer Herr im Hause des Verteidigungsministeriums ist, wird bei einem Manne von Schmidts Kaliber ohnehin niemand zweifeln wollen.

Das durch Schnez aufgeworfene Kernproblem ist indessen völlig ungelöst. Die Studie hat aufs neue bestätigt, daß die innere Ordnung der Bundeswehr ein spezifisches Problem des Heeres ist. Hingegen ist General Steinhoff, der Inspekteur der Luftwaffe, frei von allen ideologischen Mystifizierungen und statt dessen von ganz pragmatischen Erkenntnissen her zu modernen Deutungen unserer militärischen Gegenwart gelangt. Es soll indessen nicht geleugnet werden, wie sehr die Heeres-Studie unter dem Eindruck beträchtlicher Unsicherheit durch Sparprogramme und des Ansturms radikaler Linksgruppen auf die innere Verfassung der Truppe im Jahre 1968 entstanden ist; von mancher Forderung zur Hebung der Kampfkraft ist Schnez abgerückt.

Soviel aber steht schon heute fest: Bei der Bestandsaufnahme der Streitkräfte muß die innere Ordnung des Heeres einen viel bedeutenderen Platz einnehmen, als es der pragmatischen Natur von Helmut Schmidt anfänglich entsprochen hätte.