Von Wolfgang Müller-Haeseler

Noch nie verfügte ein Boß der Großchemie über soviel bares Geld wie Dr. Sammet, seit drei Viertel Jahren Chef der Farbwerke Hoechst AG. Zusammen mit der üblichen Liquiditätsreserve, die in den letzten Jahren zwischen 150 und 350 Millionen Mark betrug, wird in der Hoechster Konzernkasse rund eine Milliarde Mark liegen.

Über die Verwendung des reichen Geldsegens macht sich Hoechst-Boß Sammet keine Sorgen. Die Frage, wohin das Geld fließen wird, erwidert er zunächst mit einer Wiederholung der Antwort, die sein Vorgänger, Professor Winnacker, Aufsichtsratsvorsitzender bei Hoechst, vor wenigen Wochen amerikanischen Journalisten im New Yorker Hotel St. Regis in der Fifth Avenue gab. Spekulationen über eine Wiedererstehung der alten IG Farbenindustrie AG, einst der Welt größtes Chemieunternehmen, beantwortete er folgendermaßen: „Eine neue IG darf es nicht geben, soll und wird es nicht geben.“ Stünde ein neuer Zusammenschluß zur Debatte, so wäre die komplizierte, einem Billardspiel ähnelnde und obendrein kostspielige Transaktion zur Beseitigung der bei der IG-Entflechtung begangenen Unterlassungssünden überflüssig gewesen.

Doch sieht man einmal von den immer wieder in der internationalen Presse auftauchenden abseitigen Gerüchten, ab, so kann Hoechst den goldenen Regen gut gebrauchen. Rolf Sammet verweist auf die riesigen Investitionsvorhaben seines Unternehmens. Im gesamten Konzern sollen 1970 im In- und Ausland nicht weniger als rund 2,5 Milliarden Mark investiert werden. Davon müssen etwa 1,3 Milliarden Mark von den Farbwerken Hoechst selbst finanziert werden, während der Rest von den Partnern – namentlich im Ausland – beigesteuert wird, die an den Tochter-Unternehmen des Frankfurter Konzerns beteiligt sind.

Außerdem kommen durch das Übernahmeangebot an die Aktionäre der renommierten englischen Farben- und Lackfabrik Berger, Johnson und Nicholson – BJN –, die mit rund 600 Millionen Mark Umsatz zu den größten Lackproduzenten Europas zählt, neue Belastungen auf die Konzernkasse Rolf Sammets zu. Die BJN, die ihr Geschäft zu einem Drittel in Großbritannien und zwei Dritteln im Commonwealth macht, entstand aus der Fusion mehrerer Familienunternehmen; 13 Prozent des Kapitals sind noch im Besitz einer Familie. Ein erstes Angebot, pro share 11 Shilling zu bezahlen, wurde von der Londoner Warburg-Bank mit 12 Shilling überboten. Darauf sagte Hoechst zu, 13 Shilling zu zahlen. Bei einer 100prozentigen Übernahme von BJN würde der Hoechster Schatz allein um rund 230 Millionen Mark geschmälert.

Die jetzt zur Mehrheit im Besitz der Hoechster befindliche Cassella dürfte die neue Mutter ebenfalls kräftig zur Kasse bitten. Beim Übergang der Cassella-Mehrheit an Hoechst betonte Cassella-Chef Dr. Walther Loewe noch einmal die gute Zusammenarbeit mit den ausgeschiedenen Partnern. Aber das war wohl mehr ein Akt der Courtoisie, denn hinter der vorgehaltenen Hand gaben die Verantwortlichen in Frankfurt-Fechenheim schon seit Jahren zu, daß sich die großen Drei bei Cassella gegenseitig blockierten. Ein Abteilungsleiter in der Forschung beklagte sich einmal bitter, daß es für die Cassella wenig Sinn habe, etwas Neues zu entwickeln, weil sofort einer der drei Gesellschafter seine Hand darauf lege.

Rolf Sammet verfährt mit der Vergangenheit der Cassella weniger zimperlich: „Wir waren schon seit vielen Jahren traurig, daß die Zusammenarbeit auf dem Pharma-Gebiet nicht enger möglich war.“ Gerade auf diesem Gebiet zeichnen sich neue Pläne ab. Denn Cassella hat mit ihren Töchtern, der Riedel-de-Häen in Seelze bei Hannover und der Cassella-Riedel-Pharma GmbH, den Hoechstern einiges anzubieten, die mit einem Umsatz von nahezu 1,5 Milliarden Mark unbestritten die Nummer eins auf dem deutschen Arzneimittelmarkt sind. Auch auf einem zweiten Gebiet ergeben sich Ansatzpunkte für eine neue Aktivität bei Cassella. Mit dem Erwerb der Firma Marbert ist Hoechst in das in einer Wohlstandsgesellschaft auf längere Sicht lukrative Kosmetikgeschäft eingestiegen, auf dem sich Cassella mit ihrer Tochter Curta bereits tummelt.