DIE ZEIT

Die Generalprobe

Ungewöhnlich rasch ist Bundesverteidigungsminister Helmut Schmidt durch die Kontroverse um den Heeresinspekteur Schnez gezwungen worden, das Vertrauen zu bestätigen, mit dem er bei seinem Amtsantritt von allen Seiten geradezu überhäuft worden ist.

Biafras Ende

In Nigeria schweigen die Waffen. Der Schlachtruf Hail Biafra ist verstummt, die Bilanz erschütternd: zwei Millionen Tote, vier Millionen Flüchtlinge.

Die Nation als Klammer

Der Bericht über die Lage der Nation im geteilten Deutschland ist – seit es diese Einrichtung gibt – stets eine Art Fortsetzung und Erweiterung der Regierungserklärung gewesen.

Ein Mann allein

Es gab keinen schrillen Mißklang, aber auch eine gemeinsame Melodie war nicht zu erkennen. Bei der ersten "Konzertierten Aktion" im neuen Jahr war man zwar fleißig wie eh und je – aber nach zehn Stunden liefen die Teilnehmer dann doch auseinander, ohne sich auf ein Programm geeinigt zu haben.

Ein Außenseiter der Kennedy-Dynastie

Ließe sich Politik durch Ergebnisse von Meinungsumfragen manipulieren oder auch nur genau prognostizieren – was den ehrenwerten Demoskopen von den Laien oft ebenso entrüstet wie unberechtigt vorgeworfen wird –, dann hätte Richard Nixon trotz seiner so dünnen Wählerbasis von 1968 in den Kongreßwahlen dieses Jahres und in der nächsten Präsidentenwahl prächtige Aussichten auf eine weitere Amtszeit im Weißen Haus und auf eine Mehrheit seiner Partei im Senat.

ZEITSPIEGEL

Der britische Bestsellerautor Graham Greene ("Der stille Amerikaner") beschuldigte in einem Leserbrief an die Times das haitianische Regime unter Präsident Duvalier, es habe im letzten Jahr "ein Massaker, ähnlich der amerikanischen Pinkville-Aktion in Vietnam", auf der Insel angerichtet.

Waffen für den nächsten Krieg

"Goliath trug einen Panzer, Speer, Helm und ein Schwert. Das muß 180 Pfund gewogen haben; es machte ihn unbeweglich. Er war wie eine Maginot-Linie auf Beinen.

Krach in Düsseldorf

Die Krise lag in der Luft. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Heinz Kühn, der sich an Senegals Küste sonnte, legte das Telegramm aus Düsseldorf gelassen zur Seite: "Das habe ich kommen sehen!" Kurz vor Weihnachten war er in Bonn dem neuen Vorsitzenden der rheinischen CDU, Heinrich Köppler, begegnet und hatte ihn mit den Worten begrüßt: "Sie haben Sehnsucht, mich zu sehen, habe ich gelesen!" Köppler erwiderte: "Ich habe Sehnsucht nach Ihrem Stuhl!" Schon damals wußte Kühn, daß dem gewählten CDU-Spitzenkandidaten Wilhelm Lenz "gleich nach Weihnachten" schwere Wochen bevorstünden.

Revolte gegen den Papst

In der Mittagspause wurde eine Gruppe junger Priester übermütig. Aus Schneeresten pappten sie eine Figur mit mehr oder weniger weiblichen Formen zusammen und hängten ihr ein Schild um den Hals: "Freu dich – morgen können wir heiraten.

Wer erschoß Yablonski?

In ihrer Wohnung in Clarksville, einer Kleinstadt im Kohlengrubengebiet des Staates Pennsylvania, wurden Anfang Januar der Gewerkschaftsführer Joseph Yablonski, seine Frau Margaret und seine 25 Jahre alte Tochter Charlotte ermordet aufgefunden.

Ulbrichts Polemik-Pulver

Fleißige Redakteure der SED-Zeitung "Neues Deutschland" – oder ihre Auftraggeber – haben die Bundesgesetzblätter durchgesehen.

Wie gefährlich ist die Freiheit?

Die Studenten begehrten zunächst einmal volle Gleichberechtigung. Als sie am Abend aufgefordert wurden, sich beim öffentlichen Hearing des Bundestagssonderausschusses für die Strafrechtsreform über die beabsichtigte Reform des Demonstrationsrechts zu äußern, bat Franz Otto Müller vom Verband Deutscher Studentenschaften darum, die Tagesordnung zu ändern.

Krach um die Kohlen

Die Berliner staunten: solche Kohlenmänner hatten sie noch nie gesehen. Die Kohlenschaufel war fast so groß wie der eine Mann, der die Kohlen schippte.

Ein Schrotschuß auf die APO

Der Fall liegt klar: Göttinger Oberstudienrat schießt auf APO-Schüler – Lehrer vom Schuldienst beurlaubt – Angeschossener Schüler mindestens für vier Wochen ans Krankenbett gefesselt.

Köppler tritt gegen Lenz an

Wenige Monate vor der am 14. Juni stattfindenden Landagswahl in Nordrhein-Westfalen ist in der rheinisch-westfälischen CDU eine neue Führungskrise ausgebrochen.

Dokumente der ZEIT

"Stolze und heldenhafte Biafraner, Landsleute: Ich grüße euch nochmals. Meine Regierung hat das Voranschreiten dieses Krieges, der nun schon seit zweieinhalb Jahren mit wachsender Heftigkeit wütet, überprüft.

Debatte über die Nation

Die Bundesregierung ist davon überzeugt, daß die Gegensätze, die die beiden Teile Deutschlands heute voneinander trennen, in absehbarer Zukunft unüberwindbar und prinzipieller Art sind".

Helft Präsident Kreibich!

In Berlin, wo von sehen der Revolutionäre schon lange ohne Bandagen gekämpft wird, haben die Professoren der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät eine Woche lang ihre Vorlesungen ausfallen lassen.

Kein Talent zum Vorgesetzten

Fontanes 150. Geburtstag – am 30. Dezember des vergangenen Jahres – trifft glücklich in eine Art Fontane-Renaissance, Fontane nicht als Entdecker der märkischen Landschaft, als Kriegsberichterstatter in preußischen Diensten, vielmehr als Romancier, der bei aller lokalen Begrenztheit in seinen päten Werken eine Urbanität erreicht, die die Provinzialität der ganzen Literatur der Zeit sprengt und den Anschluß an den europäischen Roman des 19.

ZEITMOSAIK

Was mit Kraft gegen die blinden Mechanismen der industriellen Zivilisation hervortritt, ist die menschliche Subjektivität in der Epoche der wissenschaftlichen und technischen Revolution.

Kunstkalender

In Düsseldorf hat Hans Mayer, der Unermüdliche, eine Filiale aufgemacht (nicht in Köln, wie die meisten seiner Kollegen), mit einem Kontrastprogramm.

FILMTIPS

"Der Ritus", von Ingmar Bergman. Während Fernsehregisseure für die kleine graue Scheibe immer noch Kino inszenieren, hat der alte Kinomann Bergman einen genuinen Fernsehfilm gedreht.

Es tut ja gar nicht weh

Es gibt eine Art, über Filme zu schreiben, die jede Sinndeutung und Interpretation entschieden ablehnt, die sich beschränkt auf das, was im Film zu sehen ist.

Beat, Blut und Politik

Im Interview wirft jemand Godard vor, er verschlüssele und relativiere und ästhetisiere alles in seinem Film. Da erläutert er ganz nebenbei in zwei Sätzen seine Ästhetik des Kinos, und das ist die Ästhetik Kants: Film ist keine Darstellung von Wirklichkeit, Film sind bewegliche Schatten auf der Leinwand.

Stimmen der Völker

Wer also nicht überzeugt ist, daß Gesang die Sprache versaut, sondern eher der internationalen Sprachlosigkeit die kritisch-melodische Kehle entgegendonnert, der kann hier alles finden, was zur Gitarre röhrt und zu Tränen rührt.

Friedenthals Trio

Entdecker des Ich? Nur für Montaigne, den Zweifler, gilt diese Bezeichnung ganz. Pascal hat sich mehr für Gott, Diderot mehr für die Welt interessiert.

Unternehmen Ehebruch

Anfang der fünfziger Jahre erschien in einer Ostberliner satirischen Zeitschrift eine Karikatur, die einen Jüngling in proletarischer Arbeitskluft bei der Werbung um ein ebenso gekleidetes Mädchen zeigte: "Wollen wir zusammen die Produktion steigern?" Wie die Ehe der beiden Produktionssteigerer ausgesehen hätte, konnte man in den Romanen und Erzählungen der damaligen Aufbauliteratur nachlesen.

Trutz und Quadern

Nichts ist uns so unbekannt wie das im toten Winkel liegende Nächste. Wir sind aufgewachsen mit der Moderne, die im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg entstand; und mit ihren Vorläufern von van Gogh bis Strindberg – aber was war das eigentlich für eine Zeit, die den Embryo des Neuen austrug? Die heutige Jugendstilmode beginnt, einiges von ihrem Geist, ihrem Habitus, ihren Neigungen wieder deutlich zu machen; aber eben als Mode wählt sie nur Elemente aus, spielt mit Linien, vergafft sich in Dekoratives, bleibt historisch im Vagen.

Bilder aus dem Getto

Diese Kinder sind keine Afrikaner. Sie werden nicht am Hunger sterben. Sie werden regiert von Leuten, die ihre Eltern frei gewählt haben.

KRITIK IN KÜRZE

"Sind wir Sünder? – Naturgesetze der Ehe" von Wolfgang Wickler. Anlaß zur Niederschrift dieses Buches war für den Mitarbeiter des bekannten Verhaltensforschers Konrad Lorenz die Enzyklika "Humanae Vitae".

Oper: Kelemens "Belagerungszustand" in Hamburg: Halb so schlimm

Das Übel unserer Zeit heiße "Staat, Polizeistaat oder Bürokratenstaat", sein "Wuchern und die freche Sicherheit, die ihm die mechanischen und psychologischen Hilfsmittel der Unterdrückung gewähren, machen eine tödliche Gefahr aus ihm, die das Beste in einem jeden von uns bedroht", schreibt Albert Camus zu seinem Bühnenstück "Der Belagerungszustand" – der Staat tritt hier auf als die Pest, sein Erfüllungsgehilfe ist der Tod, ihre Methode die Schreckensherrschaft einer kalt mordenden Diktatur.

Becketts versandete Spuren

Stochert man mit der Stange in dem Nebel dieser etwas peinigenden "Wolken"-und"Vögel"- und "Nacken"- und "Sand-und-Strand"-Metaphorik herum, so ergibt sich im ersten Einakter, daß da einst eine Frau mit zwei Liebhabern war und daß alle drei wehe Erinnerungen haben.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Frank Zappa scheint die Absicht zu haben, in die Geschichte der Musik einzugehen, aber er scheint nicht zu begreifen, daß er schon eingegangen ist.

Auch Neckermann macht’s nicht möglich

Es stand in der "Bild"-Zeitung: Die Ladenbesitzerin Sigrid Waigand aus Bietigheim bei Stuttgart, so meldete das Boulevard-Blatt, habe Bundeswirtschaftminister Schiller in einem unwirschen Brief ihr 45 Quadratmeter großes Lebensmittelgeschäft als Geschenk angeboten.

Die Erosion hat begonnen

Ganz abgesehen davon, daß gezielte Fragen bestimmte Antworten provozieren können – beide Äußerungen des gerade zwei Wochen im Amt weilenden Präsidenten können kaum als Indiz dafür gewertet werden, daß Karl Klasen der Geldwertstabilität weniger rücksichtsvoll gegenübersteht als sein Vorgänger Karl Blessing.

Michael Jungblut:: Ein Hauch von Almosen

Ach, wie schön, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß, Ach, wie schön für privilegierte Gruppen, wenn niemand weiß, daß ihre Vorrechte und Pfründe ihnen keineswegs dank übernatürlicher Gesetze zustehen und alles andere als Selbstverständlichkeiten sind.

Talsohle

Gut erholt und mit einem Schuß Bräune aus Afrika, wo er sich vorübergehend dem Blick der Öffentlichkeit entzogen hatte, ging Wirtschaftsminister Karl Schiller in die erste 70er Konzertrunde.

Verdient

Einem Mann wird schon wieder einmal unrecht getan: Ludwig Erhard............................................................

Warum nicht?

Nach Informationen aus dem Springer-Hause wird nicht allein der Vorstand der neuen Aktiengesellschaft eine Ausnahme von der mehrköpfigen Norm machen und vorerst nur aus einem Kopf bestehen, aus Peter Tamm.

Die Preis-Prognosen

Minister Schiller, der mit seiner Wirtschaftspolitik wesentlich zum Bonner Machtwechsel des letzten Jahres beitrug, sieht sich plötzlich selbst von der neuen Opposition in die Defensive gedrängt.

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